Vor­sicht Glas!

Ein­satz als Trink­ge­fäß, Fla­sche, Va­se, Bril­le, Fens­ter­schei­be oder als Han­dy-Dis­play

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Tan­ja Ka­sisch­ke

Ei­ne Se­kun­de lang war Paul un­auf­merk­sam. Prompt stößt er mit dem El­len­bo­gen das Glas vom Tisch. Es knallt auf den Bo­den und zer­bricht. Mist, denkt Paul. Zum Glück ist Oma nicht sau­er. „Ich hab noch ge­nug Glä­ser im Schrank“, be­ru­higt sie den er­schro­cke­nen En­kel, „und nach­kau­fen kann ich mir sonst auch wel­che. Die wa­ren nicht so teu­er.“Dann saugt sie die Scher­ben mit dem Staub­sau­ger ein – da­mit nie­mand hin­ein­tritt. Glas ist ein Ge­brauchs­ge­gen­stand. Es ist als Trink­ge­fäß im Ein­satz, als Fla­sche, als Va­se, als Bril­le, als Fens­ter­schei­be, als Han­dy­Dis­play. Pauls Oma hat recht, heut­zu­ta­ge ist es güns­tig und kann in­dus­tri­ell – von Ma­schi­nen – in gro­ßen Men­gen her­ge­stellt wer­den. So be­quem geht das erst seit 100 Jah­ren. Glas gab es schon, be­vor der Mensch es ge­zielt an­fer­tig­te. Auf na­tür­li­che Wei­se ent­steht Glas, wenn Quarz­sand bei gro­ßer Hit­ze schmilzt, zum Bei­spiel in­fol­ge ei­nes Vul­kan­aus­bruchs in san­di­gen Ge­bie­ten. Die La­va führt zu­sätz­li­che Sal­ze und Krei­den mit sich, die mit dem Sand ei­ne zä­he dun­kel­grü­ne Mas­se bil­den. Sie er­kal­tet zu Glas. Weil Glas – vor al­lem, wenn es in­dus­tri­ell her­ge­stellt wird – nicht kris­tal­li­siert, son­dern nur er­starrt, ist es an­fäl­lig für Schä­den: Vor­sicht, zer­brech­lich! Die Far­be von na­tür­li­chem Glas ist ein schmut­zi­ges Dun­kel­grün oder so­gar Schwarz. Die­ser Stoff heißt Ob­si­di­an. In­dem man die „Zu­ta­ten“ver­än­dert und den Gesteins­an­teil ver­rin­gert, wird das Glas hel­ler. Un­ge­fähr vor 5 000 Jah­ren be­trie­ben zu­erst die Völ­ker des Mit­tel­meer­rau­mes Glas­ma­che­rei. Da­zu zähl­ten die ara­bi­schen Län­der Ägyp­ten, Sy­ri­en und der Irak. In Sy­ri­en wur­de die Glas­ma­cher­pfei­fe er­fun­den, mit der die noch wei­che Glas­mas­se in Form ge­bracht wer­den konn­te. Ih­re Form er­in­nert mehr an ei­ne Flö­te. In­dem der Glas­ma­cher ins Mund­stück ei­nes lan­gen Sta­bes blies und den Stab da­bei dreh­te, ent­stand ei­ne Glas­bla­se. Er dreh­te wei­ter und form­te dar­aus ein Ge­fäß – al­les an ei­nem Stück! Das war ei­ne Kunst. Die Rö­mer ex­por­tier­ten die Tech­nik über das Mit­tel­meer nach Ita­li­en. Von dort ge­lang­te sie über die Al­pen. Bei der künst­li­chen Glas­her­stel­lung er­setzt ein Brenn­ofen den Vul­kan­aus­bruch. In feu­er­fes­ten Wan­nen wer­den die Roh­stof­fe so lan­ge er­hitzt, bis sie ver­schmel­zen. Bei sei­ner „Ge­burt“hat Glas ei­ne Tem­pe­ra­tur von et­wa 1600 Grad Cel­si­us! Der Glas­ma­cher be­ar­bei­tet es erst, nach­dem es auf 900 bis 1 200 Grad Cel­si­us „ab­ge­kühlt“ist. Glas­ma­chern in Ve­ne­dig ge­lang es vor 1 000 Jah­ren zu­erst, Kris­tall­glas her­zu­stel­len. Die Re­zep­tur woll­ten sie ge­heim hal­ten. Des­halb, und weil von den hei­ßen Öfen ei­ne ho­he Brand­ge­fahr aus­ging, ver­leg­ten die Ve­ne­zia­ner ih­re Glas­hüt­ten auf die In­sel Mu­ra­no ins Meer. Falls es dort brann­te, konn­te sich das Feu­er nur be­grenzt aus­brei­ten – oder war schnell ge­löscht. In Mu­ra­no exis­tie­ren bis heu­te Glas­werk­stät­ten, in­zwi­schen aber nur noch ei­ni­ge we­ni­ge. Mu­ra­nos In­sel­la­ge war da­mals spio­na­ge­si­cher. Wer die Ge­heim­nis­se der Glas­kunst ver­riet, wur­de mit dem To­de be­straft. Ver­brei­tet hat sich das Wis­sen trotz­dem. In Frank­reich wur­de vor 900 Jah­ren die Fens­ter­schei­be er­fun­den. In Deutsch­land gibt es noch heu­te 32 Or­te oder Orts­tei­le, die Glas­hüt­te oder Glas­hüt­ten hei­ßen – und dar­an er­in­nern, dass dort Glas pro­du­ziert wur­de oder noch wird. Elf be­fin­den sich im Schwarz­wald und auf der Schwä­bi­schen Alb. Dort, wo dich­te Wäl­der ste­hen. Denn um die Brenn­öfen auf der­art ho­he Tem­pe­ra­tu­ren zu hei­zen, be­nö­tig­te man viel Holz. Zur Ge­mein­de Feld­berg im Schwarz­wald ge­hört die Glas­blä­se­rei Alt­glas­hüt­ten, und an­ders als der Na­me an­deu­tet, wird dort neu­es Glas ge­macht. Wei­te­re Schau­werk­stät­ten sind in Wol­fach und Al­pirs­bach bei Freu­den­stadt. An die Schwarz­wäl­der Glas­ma­cher, de­ren Hüt­ten Ge­schich­te sind, er­in­nert das Mär­chen „Das kal­te Herz“von Wil­helm Hauff. Da­rin wünscht sich der ar­me Köh­ler Pe­ter Munk vom Glas­männ­lein, ei­nem Wald­geist mit Zau­ber­kräf­ten, reich zu wer­den: Er ver­wan­delt sich in den Be­sit­zer ei­ner Glas­hüt­te.

Auch die­se Pferd­chen sind aus Glas. In Deutsch­land gibt es noch heu­te 32 Or­te oder Orts­tei­le, die Glas­hüt­te oder Glas­hüt­ten hei­ßen – und dar­an er­in­nern, dass dort Glas pro­du­ziert wur­de. Fo­to: wo­mue/fo­to­lia

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