ÖPNV in der Se­ren­ge­ti

Güns­ti­ger als der Lu­xus-Jeep fährt ein Li­ni­en­bus durch den Park

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub -

Der „Sa­fa­ri Li­ner“rum­pelt in ei­nem Af­fen­zahn durch Schlag­lö­cher und tie­fe Pfüt­zen, geht auf dem mat­schi­gen Un­ter­grund in ge­fähr­li­che Schief­la­ge und ist hoff­nungs­los über­füllt. Die Pas­sa­gie­re drän­gen sich auf dem Gang, die Hüh­ner im Ge­päck­raum, und das Rap­peln der Bus­fens­ter über­tönt je­des Ge­räusch der Au­ßen­welt. Wäh­rend Tou­ris­ten in Tan­sa­nia leicht meh­re­re hun­dert Eu­ro für ei­ne Jeep­sa­fa­ri durch die Se­ren­ge­ti be­zah­len, nut­zen die Ein­hei­mi­schen den be­kann­tes­ten der ost­afri­ka­ni­schen Na­tio­nal­parks als kür­zes­te Ver­kehrs­ader von Mu­so­ma im Nor­den bis ins 500 Ki­lo­me­ter wei­ter süd­lich ge­le­ge­ne Aru­sha. Doch kaum je­mand hat auf dem Se­ren­ge­ti-High­way in der sti­cki­gen En­ge des Bus­ses ei­nen Blick für die Na­tur­schön­hei­ten, die gleich vor dem Fens­ter vor­bei­zie­hen. Da­bei gä­be es viel zu se­hen: Im Mor­gen­grau­en färbt sich der Ho­ri­zont blut­rot, Bäu­me zeich­nen sich schwarz vor der glei­ßen­den Son­ne ab und die tief hän­gen­den Wat­te­bäusch­chen-Wol­ken wer­fen rie­si­ge Schat­ten auf die end­lo­se grü­ne Ebe­ne. Fünf St­un­den braucht der Li­ni­en­bus, um den Na­tio­nal­park und das an­gren­zen­de Ngo­ron­go­ro-Re­ser­vat der Län­ge nach von Nord nach Süd zu durch­que­ren. Ein Ta­ges­aus­flug der lo­ka­len Tour-Ver­an­stal­ter, die jähr­lich rund 90 000 Tou­ris­ten durch das Tier­pa­ra­dies füh­ren, dau­ert et­wa dop­pelt so lan­ge und deckt nur ei­nen Bruch­teil die­ses Be­reichs ab – kaum ver­wun­der­lich, er­streckt sich die Se­ren­ge­ti als bau­mar­me Sa­van­ne auf ei­ner Flä­che von 30000 Qua­drat­ki­lo­me­tern noch bis nach Ke­nia hin­ein. Schon vor der Ein­fahrt in den Park tau­chen die ers­ten Ze­bra­her­den im knie­ho­hen Gras der Sa­van­ne auf. Be­rühmt ge­wor­den ist die Se­ren­ge­ti durch die „Gre­at Mi­gra­ti­on“. Auf der Su­che nach Was­ser und Wei­de­flä­chen zie­hen wäh­rend der klei­nen Re­gen­zeit im Ok­to­ber und No­vem­ber über ei­ne Mil­li­on Gnus und et­wa 200000 Ze­bras von den Hü­geln im Nor­den zu den Ebe­nen im Sü­den. Zu­rück geht es erst nach der gro­ßen Re­gen­zeit im April, Mai und Ju­ni. Im Früh­som­mer wer­den die Ze­bras und Gnus auf der Bus­rou­te so schnell zu stän­di­gen Be­glei­tern. In der Fer­ne stak­sen Gi­raf­fen vor­bei, ein paar ob des rum­peln­den Bu­s­un­ge­tüms er­schro­cke­ne Im­pa­las er­grei­fen mit lan­gen Sprün­gen die Flucht, wäh­rend die Nil­pfer­de im Fluss nur ver­wirrt mit ih­ren klei­nen Oh­ren wa­ckeln. Wer als Be­su­cher die wil­de Tier­welt der Se­ren­ge­ti er­lebt – und sei es im Schnell­durch­lauf – kann sich ver­zück­te Ru­fe und ein be­geis­ter­tes Grin­sen ein­fach nicht ver­knei­fen. Ent­lang des We­ges über­holt der „Sa­fa­ri Li­ner“par­ken­de Land­ro­ver, aus de­ren Dä­chern lan­ge Te­le­ob­jek­ti­ve wie die Pe­ris­ko­pe von U-Boo­ten her­aus­ra­gen. Ge­gen Abend wer­den die Fah­rer an ei­nem lau­schi­gen Plätz­chen für ih­re Gäs­te auf Klapp­ti­schen Gin­to­nic, Cu­ba Lib­re und Co. mi­xen. Die Pas­sa­gie­re des öf­fent­li­chen Nah­ver­kehrs ha­ben da­ge­gen vor­sorg­lich beim letz­ten Stopp Kek­se, Ba­na­nen und Soft­drinks von den Ta­bletts ge­kauft, die Ver­käu­fer vor den Fens­tern des Bus­ses auf ih­ren Köp­fen ba­lan­cie­ren. Im Park hält der Bus nur für ei­ni­ge Mas­sai, die in blau oder rot ka­rier­te Tü­cher ge­hüllt ei­mer­wei­se Le­bens­mit­tel in Emp­fang neh­men. Doch dann bremst der Fah­rer un­ver­mit­telt scharf ab, ein über­rasch­ter Löwe faucht mehr aus Re­flex als wirk­lich an­griffs­lus­tig das gro­ße Ge­fährt an, das nicht ein­mal zwei Me­ter ne­ben sei­nem Schlaf­platz vor­bei­rollt. Und plötz­lich scheint der Fun­ke über­zu­sprin­gen: Jetzt ju­beln auch die Tan­sa­nier, ver­ren­ken sich die Häl­se, zü­cken ih­re Han­dys für ei­nen Schnapp­schuss. Wer ein­ge­keilt zwi­schen Handgepäck und Mi­t­rei­sen­den auf der fal­schen Sei­te des Bus­ses sit­zend ei­ne end­lo­se Ka­ra­wa­ne von Gnus zu ver­pas­sen droht, die sich ge­mäch­lich bis zum Ho­ri­zont schlän­gelt, wird mit ei­nem freund­li­chen An­stup­ser dar­auf auf­merk­sam ge­macht. Akro­ba­ti­sche Ver­ren­kun­gen wer­den un­ter­nom­men, da­mit je­der ein­mal die Chan­ce be­kommt, ei­nen Blick aus dem Fens­ter und auf das Na­tur­schau­spiel zu wer­fen. Dass die Tou­ris­ten da­bei so­zu­sa­gen in der ers­ten Rei­he sit­zen, ist Eh­ren­sa­che.

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Ti­ckets für den Sa­fa­ri-Li­ner nach Aru­sha kön­nen vor Ort in Mu­so­ma ge­kauft wer­den, zu­sätz­lich fal­len rund 110 US-Dol­lar Ein­tritts­ge­büh­ren für den Se­ren­ge­tiNa­tio­nal­park und das Ngo­ron­go­ro-Re­ser­vat an. Bes­te Rei­se­zeit für die Tier­wan­de­rung auf der Bus­rou­te ist zwi­schen De­zem­ber und Ju­li.

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