Ret­tung von oben

Un­ter­wegs im Hub­schrau­ber der DRF Luf­tret­tung

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Ro­land Böhm

Wie an­stren­gend die Ar­beit der Ärz­te und Sa­ni­tä­ter bis­wei­len ist,

Lan­ge pas­siert an die­sem Tag zum Glück gar nichts. Dann der No­t­ruf: Ein Sechs­jäh­ri­ger ist beim Tur­nen von der Spros­sen­wand ge­stürzt. Mat­thi­as Platt­ner schnappt sich sei­ne Sa­chen. Jetzt zählt je­de Se­kun­de. Mit zwei gro­ßen Ta­schen auf dem Rü­cken läuft er raus. Über die Wie­se zum rot-wei­ßen He­li­ko­pter der DRF Luf­tret­tung (vor­mals Deut­sche Ret­tungs­flug­wacht e. V.). We­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter ist der Not­arzt dort, wo er jetzt am al­ler­nö­tigs­ten ge­braucht wird: in der Sport­hal­le. Der ver­un­glück­te Jun­ge be­kommt ei­ne Nar­ko­se, dann wird sein ge­bro­che­ner Arm ge­rich­tet und ge­schient. Im „Chris­toph 41“geht es zum Kran­ken­haus. Für Ober­arzt Platt­ner ein klei­ne­rer Ein­satz, für den Jun­gen die schnel­le, gro­ße Hil­fe. In der Kli­nik in Sin­del­fin­gen wird er ope­riert, doch da sind Platt­ner und sein Team längst schon wie­der weg, zu­rück auf Sta­ti­on am Kran­ken­haus Leon­berg, und war­ten auf den nächs­ten No­t­ruf. Von dem Jun­gen hat sich der 46-Jäh­ri­ge nicht ver­ab­schie­det. Aus Prin­zip. „Wir sa­gen nie auf Wie­der­se­hen“, sagt er, denn das wol­le ja kei­ner. Sei­ne Sta­ti­on fei­er­te jetzt ihr 30-jäh­ri­ges Be­ste­hen. Die rot-wei­ßen Hub­schrau­ber der DRF Luf­tret­tung an 29 Stand­or­ten bun­des­weit he­ben Jahr für Jahr zu mehr als 35 000 Ein­sät­zen ab. In knapp je­dem drit­ten Fall wer­den Un­fall­op­fer ver­sorgt, in je­dem vier­ten sind le­bens­be­droh­li­che Herz­er­kran­kun­gen und Schlag­an­fäl­le Grund für die Alar­mie­rung. Platt­ner woll­te ei­gent­lich Ma­the­ma­tik oder In­for­ma­tik stu­die­ren. „Die Er­fah­run­gen beim Zi­vil­dienst im Ret­tungs­we­sen ha­ben das aber kom­plett ge­wan­delt“, er­zählt er. Er stu­dier­te Me­di­zin in Tü­bin­gen, fi­nan­zier­te das als Ret­tungs­as­sis­tent und ließ sich zum Anäs­the­sis­ten und Not­fall­me­di­zi­ner aus­bil­den. In­zwi­schen ist er seit 13 Jah­ren als Not­arzt im Ein­satz, seit fünf Jah­ren als lei­ten­der Hub­schrau­ber­arzt. Mat­thi­as Platt­ner ha­be ge­nau das, was ein f lie­gen­der Not­arzt brau­che, meint sein Sta­ti­ons­lei­ter Micha­el Klip­pert: „Sei­ne ru­hi­ge und sou­ve­rä­ne Art wirkt sich im­mer auch be­ru­hi­gend auf Un­fall­op­fer, An­ge­hö­ri­ge und das gan­ze Team aus.“Er sei ein gu­ter, en­ga­gier­ter Me­di­zi­ner – „das ist ja klar“. Sein Ar­beits­tag star­tet um 6.30 Uhr, ei­ne hal­be St­un­de spä­ter ist der Flie­ger ein­satz­klar. Das Ein­satz­ge­biet liegt im Um­kreis von bis zu 70 Ki­lo­me­tern. Der He­li­ko­pter kann bis zu 250 St­un­den­ki­lo­me­ter schnell flie­gen. In ma­xi­mal 15 Mi­nu­ten am Ein­satz­ort, das sei das Ziel. Die Pa­ti­en­ten kön­nen in di­ver­se Kli­ni­ken zwi­schen Hei­del­berg und Ulm ge­flo­gen wer­den. Weil auf Sicht ge­flo­gen wird, en­det der Ein­satz­tag im­mer mit Son­nen­un­ter­gang, wo­mit Platt­ners Ar­beits­zeit im Win­ter kür­zer ist als im Som­mer. Plan­bar ist na­tür­lich nichts. Mal sind es nur zwei Ein­sät­ze am Tag, mal neun. Die Flie­ge- ha­be für ihn nur an­fangs et­was von Aben­teu­er ge­habt. Das Ver­trau­en in sei­ne Pi­lo­ten sei sehr groß. „Das fühlt sich schon un­glaub­lich si­cher an.“Auch wenn er es im­mer noch ge­nie­ßen kann, nach ei­nem Ein­satz und bei ein­set­zen­dem Son­nen­un­ter­gang heim zu flie­gen, ha­be er sich doch recht schnell an das un­ge­wöhn­li­che Ar­beits­ge­rät ge­wöhnt. Na­tür­lich sei es si­che­rer, auf dem Bo­den zu sit­zen, aber „ir­gend­wann steigt man da wie in ein Au­to ein“. In der Not­fall­me­di­zin er­lebt man schon „die hef­ti­ge­ren Din­ge“, wie Platt­ner es nennt. Da­heim bei Part­ne­rin und sei­nem 17-jäh­ri­gen Sohn re­de er am En­de ei­nes Ta­ges nicht viel dar­über, was er er­lebt hat. Den­noch sei die Ver­ar­bei­tung des Ge­se­he­nen ab­so­lut wich­tig. „Sonst holt ei­nen das ir­gend­wann ab.“Über al­les nach­den­ken kön­ne er am bes­ten in sei­nem Gar­ten oder auf dem Mo­tor­rad in den Al­pen. Zur Ru­he kom­men, das im Ein­satz Ge­sche­he­ne für sich ab­schlie­ßen und in den Er­in­ne­run­gen ein­pflan­zen – so lau­fe sei­ne Ver­ar­bei­tung. Im­mer wie­der er­le­be er Kol­le­gen, die das nicht schaff­ten, „die ir­gend­wann nicht mehr kön­nen“. Und da brau­che es gar nicht das ei­ne dra­ma­ti­sche Er­leb­nis. „Manch­mal ist es ei­ne An­samm­lung von Ein­rei sät­zen.“Oder ein Ein­satz mit Par­al­le­len zum ei­ge­nen Le­ben. Ein ver­un­glück­tes Kind im Al­ter des ei­ge­nen Kin­des, ein le­bens­ge­fähr­lich ver­letz­ter Mo­tor­rad­fah­rer. „Das sind die schlimms­ten Ein­sät­ze.“ Wäh­rend Chris­toph 41 von Leon­berg aus star­tet, ist die Hei­mat von Chris­toph 43 nor­ma­ler­wei­se in Karls­ru­he. Die 1975 ge­grün­de­te Sta­ti­on be­fin­det sich ei­gent­lich an den St.-Vin­cen­ti­usK­li­ni­ken. Auf­grund des Neu­baus der Kli­ni­ken ist der Karls­ru­her Ret­tungs­hub­schrau­ber seit dem 25. Ja­nu­ar 2016 in­te­rims­wei­se am Flug­ha­fen Karls­ru­he/Ba­den-Ba­den sta­tio­niert.

Fo­to: avs/Mon­ta­ge: SO

Fo­tos: avs

Ein Ret­tungs­as­sis­tent vom Team des Ret­tungs­he­li­ko­pters Chris­toph 41 der DRF Luf­tret­tung trägt die Aus­rüs­tung zum He­li­ko­pter. Die rot-wei­ßen Hub­schrau­ber der DRF Luf­tret­tung an 29 Stand­or­ten bun­des­weit he­ben Jahr für Jahr zu mehr als 35 000 Ein­sät­zen ab.

Not­arzt Mat­thi­as Platt­ner wird im Ret­tungs­he­li­ko­pter zu ei­nem Ein­satz ge­flo­gen.

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