Löw stärkt Boss Boateng

„Sie kom­mu­ni­zie­ren und den­ken mit“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Jens Men­de und Klaus Berg­mann

Joa­chim Löw sieht ab­so­lut kein Füh­rungs­spie­ler-Va­ku­um in der deut­schen Fuß­ball-Na­tio­nal­mann­schaft und stärkt Kri­ti­ker Jé­rô­me Boateng den Rü­cken. „Ich fand es gut, dass er nach dem Spiel die Din­ge so klar an­ge­spro­chen hat“, er­klär­te der Bun­des­trai­ner zu Boa­tengs kla­ren Wor­ten nach dem 0:0 im zwei­ten EM-Spiel ge­gen Po­len.

Ge­nau so ei­nen Spie­ler­chef wünscht sich der Bun­des­trai­ner. Jé­rô­me Boateng ist im deut­schen EM-Ka­der zur ab­so­lu­ten Füh­rungs­kraft auf­ge­stie­gen und darf sich auch Kri­tik an sei­nen Kol­le­gen er­lau­ben. „In­ner­halb der Mann­schaft ist er ab­so­lut re­spek­tiert und an­er­kannt. Ich fand es gut, dass er nach dem Spiel die Din­ge so klar an­ge­spro­chen hat“, er­klär­te Chef­coach Joa­chim Löw ges­tern. Da­mit nahm er al­len Dis­kus­sio­nen um die kla­ren Wor­te sei­nes Ab­wehr­chefs nach der Null­num­mer ge­gen Po­len die Schär­fe. „Das war ja kei­ne Kri­tik, die per­sön­lich ab­ge­zielt war. Er hat das aus­ge­spro­chen, was auch klar zu se­hen war. In der De­fen­si­ve stan­den wir gut, vor­ne ha­ben wir

„Boa­tengs Kri­tik war voll­kom­men zu­tref­fend“

uns nicht durch­set­zen kön­nen. Das war ei­ne Kri­tik, die voll­kom­men zu­tref­fend war. War­um soll sich da je­mand an­ge­grif­fen füh­len?“, sag­te Löw in Évi­an-les-Bains. Ei­ni­ge Kol­le­gen hat­ten sich vor und nach dem zwei­ten EM-Grup­pen­spiel al­ler­dings über die deut­li­che Kri­tik von Boateng ge­wun­dert. So hat­te An­dré Schürr­le im Sta­de de Fran­ce der Zu­recht­wei­sung durch Boateng ent­geg­net, „dass er ein biss­chen ru­hi­ger blei­ben soll“. Auch Be­ne­dikt Hö­we­des und Tho­mas Mül­ler be­ka­men kla­re Wor­te zu hö­ren. „Ich reg’ mich auf. Wenn da­durch ei­ne Chan­ce für den Geg­ner kommt, dann ha­be ich das Recht, als Füh­rungs­spie­ler et­was zu sa­gen“, be­grün­de­te Boateng im ZDF sei­ne emo­tio­na­len Aus­brü­che auf dem Spiel­feld. Ein sol­ches Ver­hal­ten ver­langt Löw so­gar von sei­nem Ab­wehr­chef. „Ich ha­be ihn vor dem Tur­nier noch­mal auf­ge­for­dert, mehr zu spre­chen, sich zu ex­po­nie­ren in sei­ner Po­si­ti­on als In­nen­ver­tei­di­ger, wo er das gan­ze Spiel vor sich hat“, be­rich­te­te der Bun­des­trai­ner am frei­en Tag im Quar­tier am Gen­fer See. „Er ist schon län­ger Füh­rungs­spie­ler, nicht erst seit die­sem Spiel“, sag­te Löw. „Bei der WM 2014 war er in ei­ner über­ra­gen­den Ver­fas­sung. Und beim Fi­na­le war sei­ne Leis­tung mit­ent­schei­dend, dass wir den Ti­tel ge­won­nen ha­ben“, er­in­ner­te Löw. Zu­gleich sieht der er­fah­re­ne Tur­nier­coach die Rol­le von Boateng als bes­ten Be­weis da­für, dass es ein Füh­rungs­spie­ler-Va­ku­um in der deut­schen Fuß­ball-Na­tio­nal­mann­schaft nicht gibt. „In­ner­halb der Mann­schaft ist er ab­so­lut re­spek­tiert und an­er­kannt“, er­klär­te Löw. „Wir müs­sen mal zum Ab­schluss kom­men. Da müs­sen wir uns ver­bes­sern, sonst kom­men wir (bei der EM) nicht weit“, hat­te Boateng deut­li­che Kri­tik an der Of­fen­siv­frak­ti­on im DFB-Team ge­äu­ßert. Die gan­ze „Füh­rungs­spie­ler-Dis­kus­si­on“zau­be­re ihm „ir­gend­wie ein Lä­cheln ins Ge­sicht“, be­merk­te Löw amü­siert. „Das hat­ten wir auch 2014 – dann sind wir Welt­meis­ter ge­wor­den. Dann wa­ren al­le die­se Leu­te – Bas­ti, Hum­mels, Mül­ler, Neu­er – die groß­ar­ti­gen Le­a­der. Jetzt spie­len wir ein­mal 0:0 bei ei­nem Tur­nier, und die Dis­kus­si­on kommt wie­der.“Auch die der­zei­ti­ge Re­ser­vis­ten-Rol­le von Ka­pi­tän Bas­ti­an Schwein­stei­ger hat­te die neu­en De­bat­ten mit aus­ge­löst. Schwein­stei­ger, Tho­mas Mül­ler, Mats Hum­mels, Ma­nu­el Neu­er und noch an­de­re Spie­ler hät­ten „groß­ar­ti­ge Füh­rungs­qua­li­tä­ten“, un­ter- strich der Bun­des­trai­ner: „Sie kom­mu­ni­zie­ren, den­ken mit, kom­men zum Trai­ner. Die Spie­ler sind mün­dig und kri­tisch.“Auch für Oli­ver Bier­hoff ver­kör­pert Boa­tengs Auf­tritt das, „was wir in der Mann­schaft wol­len, dass sie sich aus­ein­an­der­set­zen, un­ter­stüt­zen und an­feu­ern. Das geht nicht im­mer freund­lich“, be­ton­te der Te­am­ma­na­ger. Boateng hat sich sei­ne Po­si­ti­on in­ner­halb des Welt­meis­ter­teams vor al­lem durch sei­ne sport­li­che Stär­ke er­ar­bei­tet. „Er ist an­ge­se­hen, weil je­der weiß, dass er ein Welt­klas­se-In­nen­ver­tei­di­ger ist und nicht nur de­fen­siv, son­dern auch of­fen­siv vie­le Im­pul­se gibt“, un­ter­strich Löw.

Fo­to: avs

Nicht ge­ra­de mit Ruhm be­kle­ckert ha­ben sich die deut­schen Stür­mer Tho­mas Mül­ler und Ma­rio Go­mez beim 0:0 ge­gen Po­len. Nach dem Spiel gab’s Kri­tik von Ab­wehr­chef Jé­rô­me Boateng.

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