Spielt Lon­don auf Zeit?

Nach dem Br­ex­it-Vo­tum: EU ver­langt ra­sche Aus­tritts­ver­hand­lun­gen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - Avs

Deutsch­land und die an­de­ren fünf Grün­der­staa­ten der Eu­ro­päi­schen Uni­on ma­chen nach dem Br­ex­it-Vo­tum Druck auf Lon­don, rasch Ver­hand­lun­gen über ei­nen Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens aus der EU zu star­ten. In der Eu­ro­päi­schen Uni­on wird be­fürch­tet, dass Lon­don auf Zeit spielt. Der bri­ti­sche Pre­mier Da­vid Ca­me­ron hat­te sei­nen Rück­tritt bis Ok­to­ber an­ge­kün­digt – die Ver­hand­lun­gen soll erst sein Nach­fol­ger füh­ren. Frank­reichs Au­ßen­mi­nis­ter Je­anM­arc Ay­rault for­der­te ges­tern da­ge­gen ei­nen neu­en bri­ti­schen Re­gie­rungs­chef „in­ner­halb we­ni­ger Ta­ge“. Knapp 52 Pro­zent der Bri­ten hat­ten in ei­nem his­to­ri­schen Re­fe­ren­dum am Don­ners­tag da­für ge­stimmt, dass Groß­nal­re­gie­rung bri­tan­ni­en als ers­tes Land über­haupt die EU ver­lässt. Gut 48 Pro­zent wa­ren da­ge­gen. Mehr als 1,5 Mil­lio­nen Bri­ten for­der­ten jetzt an­ge­sichts des knap­pen Aus­gangs ein zwei­tes Re­fe­ren­dum. Ei­ne of­fi­zi­el­le Pe­ti­ti­on an das Par­la­ment in Lon­don knack­te am Vor­mit­tag die Mil­lio­nen­mar­ke, bin­nen St­un­den ka­men wei­te­re 500 000 di­gi­ta­le Un­ter­schrif­ten da­zu. Be­reits 100 000 Un­ter­stüt­zer rei­chen, da­mit das Par­la­ment ei­ne De­bat­te zu­min­dest „in Be­tracht zie­hen“muss, heißt es. Groß­bri­tan­ni­en droht zu­dem die Spal­tung: Schott­land be­rei­tet ein Re­fe­ren­dum für sei­ne Un­ab­hän­gig­keit vom Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich vor, wie Re­gie­rungs­che­fin Ni­co­la Stur­ge­on nach ei­nem Kri­sen­tref­fen ih­rer Re­gio- in Edinburgh er­klär­te. Da­mit sol­le Schott­lands Platz in der Eu­ro­päi­schen Uni­on ge­si­chert wer­den. Stur­ge­on sag­te: „Das Ka­bi­nett hat zu­ge­stimmt, dass wir um­ge­hend Ge­sprä­che mit EU-In­sti­tu­tio­nen und an­de­ren EU-Mit­glied­staa­ten auf­neh­men, um al­le Möglichkeiten aus­zu­lo­ten, Schott­lands Platz in der EU zu schüt­zen.“Bei der Volks­ab­stim­mung hat­te ei­ne deut­li­che Mehr­heit der Schot­ten für den Ver­bleib in der EU vo­tiert. In ei­nem Re­fe­ren­dum 2014 hat­ten noch 55 Pro­zent Schot­ten ge­gen ei­ne Los­lö­sung des nörd­li­chen Lan­des­teils von Groß­bri­tan­ni­en ge­stimmt. Der bri­ti­sche EU-Fi­nanz­kom­mis­sar Jo­na­than Hill kün­dig­te sei­nen Rück­tritt an. Lord Hill (55) sag­te, er sei sehr ent­täuscht über das Er­geb­nis: „Da wir uns in ei­ne neue Pha­se be­we­gen, glau­be ich nicht, dass es rich­tig wä­re, als bri­ti­scher Kom­mis­sar wei­ter­zu­ma­chen, als ob nichts ge­sche­hen wä­re“. Der bel­gi­sche Top­di­plo­mat Di­dier See­uws soll auf eu­ro­päi­scher Sei­te die Aus­tritts­ver­hand­lun­gen mit Groß­bri­tan­ni­en füh­ren. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ver­lang­te von der bri­ti­schen Re­gie­rung Aus­kunft über das wei­te­re Vor­ge­hen im an­ste­hen­den Schei­dungs­pro­zess mit der EU. „Ehr­lich ge­sagt, soll es nicht ewig dau­ern (...), aber ich wür­de mich jetzt auch nicht we­gen ei­ner kur­zen Zeit ver­kämp­fen“, sag­te Mer­kel nach ei­nem Spit­zen­tref­fen von CDU und CSU in Pots­dam.

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