Rock­stars der Literatur

El­la An­schein (19) aus Bonn ist Poe­try Slam­me­rin

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SONNTAGSKINDER -

Ge­dich­te aus­wen­dig ler­nen oder vor­tra­gen, er­in­nert sehr an Schu­le. Das be­deu­tet: Es ist nicht be­son­ders be­liebt. Mit den Poe­try Slams hat sich das ge­än­dert! Der Dich­ter­wett­streit – das heißt Poe­try Slam über­setzt – wird 2016 30 Jah­re alt und hat vie­le jun­ge Fans. Ent­stan­den ist er in den USA, das er­klärt den eng­li­schen Na­men. Poe­try Slam­mer tre­ten mit ei­ge­nen Tex­ten auf der Büh­ne an. Dass die sich rei­men, ist kein Muss. Aber ein Text muss klin­gen, er soll ak­tu­el­le The­men auf­grei­fen und darf kri­tisch sein. Dass es trotz Wett­streits kei­nen Streit gibt und die Poe­ten fa­mi­li­är mit­ein­an­der um­ge­hen, ver­rät Slam­me­rin El­la An­schein (19) aus Bonn.

Ich wür­de sa­gen, dass wir Poe­try Slam­mer Dich­ter*in­nen und Er­zäh­ler*in­nen sind, die auf der Büh­ne ihr Pu­bli­kum be­geis­tern. So­zu­sa­gen die Rock­stars der Literatur. Da­bei geht es ein biss­chen um den Wett­be­werb, aber vor al­lem um die Poe­sie.

Viel­leicht mit die­sem Text­aus­schnitt: Wir ver­such­ten, an­stän­dig zu sein. Kei­nen Müll lie­gen­zu­las­sen. Ein biss­chen so zu le­ben, dass es al­le wis­sen wol­len wür­den. Kunst zu ma­chen. Zu wach­sen an den we­ni­gen Din­gen, die auch aus Vo­gel­per­spek­ti­ve nicht klein und re­la­tiv sind. Nicht dar­an zu den­ken, alt zu wer­den. Das meis­te an Le­ben aus der ei­ge­nen Exis­tenz zu ho­len. Es ist völ­lig in Ord­nung, zu su­chen. vie­len Jah­ren po­li­tisch ak­tiv. Und ich ma­che ger­ne Sport. An­sons­ten ver­su­che ich, et­was von der Welt zu se­hen.

Oh ja! Vor al­lem, wenn ich ei­nen Text zum ers­ten Mal ma­che. Dann schlägt mein Herz wie bei ei­nem Ma­ra­thon.

In der Schu­le ha­be ich ge­merkt, dass ich ganz gut re­den und Din­ge be­schrei­ben kann. Mit elf Jah­ren ha­be ich an­ge­fan­gen, Ge­dich­te zu schrei­ben und mit 16 Jah­ren zum ers­ten Mal an ei­nem Slam teil­ge­nom­men. Ich war noch ziem­lich un­si­cher, aber das Pu­bli­kum und die an­de­ren Slam­mer wa­ren su­per­nett.

Vie­les ist in mir drin und muss raus, weil ich sonst ex­plo­die­re. Um Kunst zu ma­chen, braucht man so ei­nen Drang in sich, weil ein Ge­dan­ke oder ein Ge­fühl drin­gend ist und ge­sagt wer­den muss. Um über et­was zu schrei­ben, muss es nur wich­tig ge­nug er­schei­nen. Das kann al­les Mög­li­che sein.

Über die Hälf­te der Tex­te, die ich an­fan­ge, wer­den nie fer­tig. Man­che Tex­te brau­chen ein paar Mo­na­te, manch­mal schrei­be ich ei­nen Text in ein paar St­un­den fer­tig und der bleibt dann auch so. Ent­schei­dend ist am En­de, ob man sich da­mit wohl­fühlt, was man ge­schrie­ben hat.

Ich wei­ne dann. Ne, Spaß, aber das ist wirk­lich är­ger­lich. Manch­mal kann man sich dann ei­nen Stift lei­hen und was auf ei­ne Ser­vi­et­te krit­zeln, aber manch­mal ge­hen Din­ge ver­lo­ren. Wahr­schein­lich geht so­gar das meis­te ver­lo­ren, weil die bes­ten Ide­en im­mer kurz vorm Ein­schla­fen oder un­ter der Du­sche kom­men. Ir­gend­wann kom­men die aber auch wie­der!

Wenn ich es schaf­fe, et­was so zu for­mu­lie­ren, dass die Leu­te sa­gen: „Wow, das sind die Wor­te, die im­mer ge­fehlt ha­ben, um die­ses ei­ne Ge­fühl zu be­schrei­ben.“Wenn ich es schaf­fe, dass mei­ne Wor­te je­man­den be­rüh­ren und be­schäf­ti­gen – das ist das ab­so­lut Schöns­te am Slam!

Ja, stän­dig. Mein bes­ter Freund zum Bei­spiel ist auch ei­ner. Ich ha­be ei­ni­ge Men­schen durch Slam ge­trof­fen, die mir viel be­deu­ten. Das hat vor al­lem da­mit zu tun, wie wir mit­ein­an­der um­ge­hen. Es ist zwar ein Dich­ter­wett­streit, aber eben kein Streit. Wert­schät­zung ist sehr wich­tig. Egal, wo man hin­kommt, wer Slam macht, hat ei­ne zwei­te Fa­mi­lie: Die Sla­mi­ly. (Das Wort ist ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus Slam und dem – eben­falls eng­li­schen – Wort für Fa­mi­lie, fa­mi­ly.)

Ich ha­be ei­ni­ge Tex­te mit eng­li­schen und fran­zö­si­schen Ele­men­ten. Rich­tig fremd­spra­chi­ge Tex­te ha­be ich noch nicht, kann ich mir aber gut vor­stel­len. Ge­ra­de mein Fran­zö­sisch muss ich da­für aber noch ver­bes­sern.

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