Christ­li­che Mo­ti­ve: Der Tä­to­wie­rer von Beth­le­hem

In Beth­le­hem hat sich ein Tä­to­wie­rer auf christ­li­che Mo­ti­ve spe­zia­li­siert

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Sa­rah Ben­hai­da

Pil­ger und Ur­lau­ber brin­gen als Er­in­ne­rung aus Beth­le­hem ger­ne Ker­zen, Ro­sen­krän­ze oder aus Oli­ven­holz ge­schnitz­te Krip­pen­fi­gu­ren mit nach Hau­se. Doch wem die Re­li­gi­on wirk­lich un­ter die Haut geht, der ist im Tat­too­stu­dio von Wa­lid Ajasch an der rich­ti­gen Adres­se. Der 39-jäh­ri­ge Pa­läs­ti­nen­ser mit mo­di­scher Pi­lo­ten­bril­le und kurz­ge­trimm­tem Bart hat sich als Tä­to­wie­rer auf christ­li­che Bild­the­men und Bi­bel­ver­se spe­zia­li­siert. Sein Ka­ta­log bie­tet rund hun­dert Mo­ti­ve an: von ein­fa­chen bis auf­wen­di­gen Kreu­zen über Chris­tus-Por­träts bis zur ver­schlei­er­ten Jung­frau Ma­ria. Wa­lid Ajasch ist selbst ein tief­gläu­bi­ger Ka­tho­lik. In sei­nem mit An­gli­zis­men durch­set­zen Ara­bisch ver­si­chert er, dass er al­le Fas­ten­ge­bo­te ein­hält und kei­ne Bitt­pro­zes­si­on aus­lässt. Auf sei­nen kräf­ti­gen Ober­kör­per hat sich Ajasch die Ge­burts­kir­che tä­to­wie­ren las­sen. Sie wur­de in Beth­le­hem über der als Stall ge­nutz­ten Grot­te er­rich­tet, in der Je­sus Chris­tus nach bi­bli­scher Über­lie­fe­rung zur Welt kam. Sein Stu­dio liegt un­mit­tel­bar da­ne­ben. Seit zwölf Jah­ren sticht Ajasch dort im Ober­ge­schoss Tä­to­wie­run­gen. Im Par­terre liegt der Fri­seur­sa­lon sei­nes Va­ters, dem er frü­her half. Die ers­ten Grund­la­gen sei­nes neu­en Kunst­hand­werks hat sich Ajasch selbst bei­ge­bracht, mit Hil­fe des In­ter­nets. Dann hat er sich in Is­ra­el fort­ge­bil­det, „denn hier in Pa­lästrep­pe ti­na gibt es kei­ne Fach­schu­le für Tä­to­wie­rer“, be­dau­ert er. Zu­nächst hät­ten ihn al­le ver­lacht und ge­sagt: „Was willst du denn da­mit an­fan­gen?“, er­in­nert sich der ge­bür­ti­ge Beth­le­he­mer und vier­fa­che Va­ter. Auf ei­nem Le­der­ses­sel macht sich Flo­ren­ti­no Sa­jeh be­reit, sei­ne ers­te Tä­to­wie­rung mit dem Smart­pho­ne auf­zu­neh­men. Der 13-Jäh­ri­ge will sich auf dem rech­ten Hand­ge­lenk ein Kreuz ste­chen las­sen und dar­un­ter auf Ara­bisch die Ge­bets­zei­le „Dein Wil­le ge­sche­he“. Die Mut­ter schaut halb ängst­lich, halb amü­siert. Sie schnei­det Gri­mas­sen, als sich die Haut un­ter der Na­del des Tä­to­wie­rers rö­tet. „Bis ein Uhr heu­te Nacht ha­be ich mit sei­nem Va­ter auf ihn ein­ge­re­det. Aber er ließ sich nicht da­von ab­brin­gen“, be­rich­tet sie. „Das Tat­too wird mich je­des Mal, wenn ich et­was Bö­ses ge­tan ha­be, auf den rech­ten Weg zu­rück­brin­gen“, recht­fer­tigt sich der Jun­ge. Ajasch lä­chelt ent­spannt. Für ihn ist die Haupt­sai­son vor­bei. Das ist Os­tern, wenn die Chris­ten der ver­schie­de­nen Kon­fes­sio­nen in en­ger Ab­fol­ge nach Je­ru­sa­lem und Beth­le­hem strö­men. Zu die­sen Zei­ten stei­gen gan­ze Grup­pen von Gläu­bi­gen die klei­ne St­ein- zu sei­nem Stu­dio hoch. Dort drän­gen sich Kreu­ze, Fla­schen mit Al­ko­hol und re­li­giö­se Bild­nis­se auf ei­ner gro­ßen Ste­reo­an­la­ge, die Hou­se-Mu­sik spielt. Ajasch zeigt Vi­deo­auf­nah­men, auf de­nen die Os­ter­pil­ger Schlan­ge ste­hen, um sich tä­to­wie­ren zu las­sen, und da­bei die War­te­zei­ten mit dem Ge­sang von Cho­rä­len über­brü­cken. Die meis­ten sind ägyp­ti­sche Kop­ten, aber auch Or­tho­do­xe aus Sy­ri­en, dem Li­ba­non, dem Irak, wenn sie we­gen dop­pel­ter Staats­an­ge­hö­rig­keit ei­nen Zweit­pass ha­ben. Auch Ar­me­ni­er kom­men. Das ist Teil ih­rer Pil­ger­rei­se. Das ist der ul­ti­ma­ti­ve Be­weis, dass sie hier wa­ren und den Se­gen emp­fan­gen ha­ben“, be­rich­tet er. Die kop­ti­sche Tra­di­ti­on, sich ein Kreuz sicht­bar auf das Hand­ge­lenk tä­to­wie­ren zu las­sen, scheu­en al­ler­dings vie­le an­ge­sichts der ak­tu­el­len Be­dro­hun­gen durch Ex­tre­mis­ten in der Re­gi­on. „Ei­ne Sy­re­rin ließ sich das Tat­too neu­lich in den Na­cken ste­chen. So kann sie zu Hau­se je nach­dem ent­schei­den, ob sie das Kreuz mit ih­rem Haar ver­deckt oder nicht“, be­rich­tet Ajasch. Und weil auch er den Rück­gang des Tou­ris­mus in die­sen un­ru­hi­gen Zei­ten spürt, hat sich der from­me Tä­to­wie­rer ent­schlos­sen, sein Hand­werk zu di­ver­si­fi­zie­ren. In der som­mer­li­chen Ne­ben­sai­son be­treibt er nun im eher welt­li­chen Ra­mal­lah mit ei­nem Kom­pa­gnon ein Tä­to­wier­stu­dio, das die üb­li­chen sä­ku­la­ren Mo­ti­ve an­bie­tet.

Kop­ten mit Kreuz auf dem Hand­ge­lenk

Fo­to: AFP

Auf der Schul­ter von Tä­to­wie­rer Wa­lid Ajasch er­blickt man die Dor­nen­kro­ne und die Kreu­zin­schrift „INRI“. Ajaschs Stu­dio liegt un­mit­tel­bar ne­ben der Ge­burts­kir­che, sei­ne Kun­den sind meist Pil­ger.

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