Im Schleich­gang

Snea­ker sind längst ei­ne Wel­t­an­schau­ung ge­wor­den

Der Sonntag (Mittelbaden) - - MODE & STIL - Su­san­ne Forst

Das sind Chucks,“, sagt Ai­mie. Sie schaut mit Vin­cent und Ju­lia auf ih­re Fü­ße. Al­le tra­gen Snea­ker. „Chucks sind Chucks, kei­ne Snea­ker“, wi­der­spricht Ai­mie. Ein biss­chen platt, nicht so zum su­per­lan­gen Ste­hen, da­für sind die Soh­len zu flach, wer­ten die drei. Aber, sie run­den, wie Snea­ker über­haupt, das Out­fit ab: „Sie sind sty­lish.“Vin­cent, Ju­lia und Ai­mie tra­gen prak­tisch nur noch „Turn­schu­he“. Wo­bei das Wort Turn­schuh viel zu an­ti­quiert ist, um all das zu grei­fen, was „Snea­ker“sym­bo­li­sie­ren – den Schleich­gang, von „to sneak“, schlei­chen. Dy­na­mik und Ge­schmei­dig­keit, Sta­tus und die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Grup­pe, aber auch Cle­ver­ness und Cool­ness so­wie mo­di­sches State­ment ver­bin­den sich mit dem „Sport­schuh“. Längst strahlt er in Form, Far­be oder Schnitt in den „nor­ma­len“Schuh­markt, ob Bil­lig- oder Lu­xus­mo­dell, aus. Auch um­ge­kehrt funk­tio­niert die Kopp­lung. Der Markt ist hart um­kämpft. „Ich ha­be drei Paar Schu­he“, er­zählt Vin­cent, „al­les Snea­ker“. Er trägt sie, wenn er zur Hoch­schu­le fährt, bei der Ar­beit, in der Frei­zeit. Ge­ra­de hat er Asics an. Ju­lia hat sich für Ree­bok ent­schie­den. „Vans“, sagt sie, sei­en eher was für Ska­ter. Wenn Ju­lia Sport macht, blei­ben die Snea­ker im Schrank. Zum Sport zieht sie – na­tür­lich – Sport­schu­he an. „Chucks, sind ein­fach gut, wenn es reg­net“, sagt Ai­mie zu ih­rer ers­ten Wahl. Ja, auch bei tro­cke­nem Wet­ter hat sie die bei­na­he le­gen­dä­ren Tre­ter an den Fü­ßen, klar, auch zum Tan­zen. Schu­he mit Ab­sät­zen? Die jun­gen Frau­en, die mit ih­rem Stu­di­en­kol­le­gen Vin­cent die Snea­ker-Schau im Ham­bur­ger Mu­se­um für Kunst und Ge­wer­be an­schau­en, sto­cken, über­le­gen: Die ha­ben sie zu­letzt beim Abi-Ball ge­tra­gen. Mo­de­de­si­gner wie Yoh­ji Ya­ma­mo­to oder Nick Owens ha­ben Snea­ker für Sport­ar­ti­kel­her­stel­ler ent­wor­fen. Bis da­hin war es ein lan­ger Weg. „En­g­land war vor gut 150 Jah­ren die Wie­ge des Sport­schuhs“, sagt Ku­ra­tor Jür­gen Dö­ring. Kap­pen und Schnü­rung wer­den op­ti­miert, Nä­gel durch Le­der­soh­len ge­schla­gen. Vom Cro­quet, Ten­nis oder Ho­ckey, dem Bas­ket­ball­spiel und Fuß­ball führt der Weg vom spe­zia­li­sier­ten Schuh zum Mas­sen­phä­no­men. Al­le Welt trägt heu­te Snea­ker, zu al­len mög­li­chen An­läs­sen und Ta­ges­zei­ten. Chucks be­sit­zen Kult­sta­tus, auch an­de­re Mo­del­le oder Mar­ken. Gern wer­den sie nach Sport­lern be­nannt, wie der Con­ver­se All Star nach dem be­kann­ten Bas­ket­bal­ler Chuck Tay­lor. Das mar­kan­te Lo­go mit dem Stern dien­te als Knö­chel­schutz. Spä­ter be­scher­te der über­ra­gen­de Micha­el Jor­dan, auch „His Air­ness“ ti­tu­liert, und „sein“„Air Jor­dan“Ni­ke ei­nen Klas­si­ker. Bis heu­te ver­zückt der Air Jor­dan 1 aus dem Jahr 1985 mit Rot-Schwarz, den Far­ben sei­nes Clubs, den Chi­ca­go Bulls, das Samm­ler­herz. In jün­ge­rer Zeit sind es an­de­re Sport­ar­ten und Sze­nen, wie Ska­ter, Rap oder Hip-Hop, die die Bran­che be­flü­geln. „Snea­ker kann je­der tra­gen. Auch al­te Leu­te mit Snea­k­ern sind cool“, fin­den Ai­mie, Ju­lia und Vin­cent. Als Ja­mes De­an in den 1950er Jah­ren in Turn­schu­hen und T-Shirt auf­lief, sah das an­ders aus. De­an wur­de Sinn­bild von Re­bel­li­on, auf­säs­sig, un­be­re­chen­bar. Der Turn­schuh pro­vo­zier­te. Erst Far­rah Faw­cett und „Drei En­gel für Char­lie“, in den spä­ten 1970er Jah­ren, oder Ja­ne Fon­da mit der Ae­ro­bic- und Fit­ness­be­we­gung muss­ten kom­men, um dem Trai­nings­schuh den Weg in den All­tag und die Mo­de zu eb­nen. Als Josch­ka Fi­scher 1985 im hes­si­schen Land­tag in Turn­schu­hen zur Ve­rei­di­gung an­rück­te, roch das nach Skan­dal: der grü­ne „Turn­schuh­mi­nis­ter“war ge­bo­ren – das war nicht freund­lich ge­meint. „Josch­ka Fi­scher und im sel­ben Jahr Bo­ris Be­cker, der Wim­ble­don ge­winnt, das war ent­schei­dend“, sagt Ku­ra­tor Dö­ring. Der eins­ti­ge Funk­ti­ons­schuh mischt den Schuh­markt auf. Hy­bri­de For­men ent­ste­hen. Aus Se­gel­tuch und Gum­mi ent­stan­den die ers­ten Chucks. Weich­ma­cher ka­men in Soh­len, sie brö­sel­ten. Hö­he­re Fle­xi­bi­li­tät oder auf­pump­ba­re Soh­len spie­geln die tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung, die eng mit der Qua­li­tät von Kunst­stof­fen ver­bun­den ist. Da­ne­ben rückt, ne­ben ei­nem auf­wen­di­gem Mar­ke­ting, das Snea­ker un­ter Ju­gend­li­chen zum Sta­tus­sym­bol macht, das De­sign in den Vor­der­grund. Snea­ker sind ein mo­di­sches Be­kennt­nis. Nicht al­lein für den Fuß­ball­schuh­trä­ger, der mit „Söck­chen“auf­läuft. Mus­ter sind so­phis­ti­ca­ted, Flü­gel­chen ge­fei­ert, Kitsch wird bei­na­he zu Kult, und es wird quietsch­bunt, höchst ele­gant und mit Ober­flä­chen ge­spielt. Um­ge­kehrt über­neh­men lu­xu­riö­se ita­lie­ni­sche Schuh­de­si­gner At­tri­bu­te des Sport­schuhs, die, im Ver­gleich zu den Prei­sen man­chen Mar­ken-Turn­schuhs, kein wirk­li­cher Aus­rut­scher nach oben sind, auf. Schuh­tick ist weib­lich? Weit ge­fehlt. Jungs und Män­ner ge­ben sich dem All­roun­der und Kult­ob­jekt hin. Wenn sich das mo­di­sche State­ment sonst gern auf das T-Shirt und die (Mar­ken-)Je­ans be­schränkt, ist die Wahl des rich­ti­gen Schuhs wohl­über­legt: Ein Mo­dell adelt oder ver­nich­tet in be­stimm­ten so­zia­len Grup­pen. Mar­ke, Far­be, Jahr­gang sind mit Co­des ge­spickt. Und das Sam­meln? Ein­deu­tig männ­lich do­mi­niert. Der eins­ti­ge Funk­ti­ons­schuh ist Lieb­ha­ber­ob­jekt und Geld­an­la­ge. Snea­ker-Sam­meln ist kost­spie­lig, männ­lich, stark ver­netzt und Pas­si­on. Ein Turn­schuh als Auf­re­ger, als Pro­test und Auf­leh­nung? Das liegt lan­ge zu­rück. Snea­ker trägt (bei­na­he) je­der und je­de. Er ist das Spit­zen- und Er­folgs­pro­dukt des Mar­ken­mar­ke­tings und Mar­ken­wahns, den ins­be­son­de­re Ju­gend­li­che le­ben. Snea­ker, das will hei­ßen, man sich hoch fle­xi­bel, al­len An­for­de­run­gen des „mo­der­nen“Le­bens ge­wach­sen, sty­lish, auch ex­trem an­ge­passt – und im­mer im Schleich­gang un­ter­wegs.

Ein En­de des Snea­ker-Ma­nia ist nicht ab­zu­se­hen: Auch in der kom­men­den Herbst-/Win­ter­sai­son set­zen vie­le Her­stel­ler auf die mo­di­schen Tre­ter – hier ein Mo­dell von Ken­ny S. Fo­to: DSI

Der ame­ri­ka­ni­sche De­si­gner Je­re­my Scott hält es mit Flü­geln. Die könn­ten – bei­na­he – auch das Haupt des As­te­rix zie­ren. Fo­to: © Mu­se­um für Kunst und Ge­wer­be Ham­burg, MKG

Auch ei­ne Aus­stel­lung in At­lan­ta (USA) wid­met sich der­zeit der Snea­ker-Kul­tur: Hier sind die Micha­el-John­sonGold-Schu­he von Ni­ke, die der US-Sprin­ter 1996 bei den Olym­pi­schen Spie­len trug, zu se­hen. Fo­to: avs

Snea­ker-Trä­ger zei­gen – vor al­lem im Som­mer – ger­ne am Knö­chel De­kol­le­té. Fo­to: So­phia Kem­bow­ski

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