Obergföll – Bag­ger­see oder Co­paca­ba­na?

Die ehe­ma­li­ge Speer­wurf-Welt­meis­te­rin aus der Or­ten­au muss um Olym­pia-Ti­cket ban­gen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SPORTS - Pe­ter Tre­bing

Schon seit 1991 ist Ma­ria Rit­schel DLVBun­des­trai­ne­rin für den Be­reich Speer­wurf A/B-Ka­der Frau­en. Doch an ei­ne ver­gleich­ba­re Si­tua­ti­on, wie sie jetzt im Vor­feld der Olym­pia-No­mi­nie­rung ge­ge­ben ist, kann sie sich nicht er­in­nern. Und im Te­le­fo­nat mit ihr wird auch schnell deut­lich, dass die mo­men­ta­ne Kon­stel­la­ti­on ihr schwer zu schaf­fen macht. Ganz of­fen­sicht­lich wird für sie die Wahl der rich­ti­gen Olym­pia-Fah­re­rin­nen im­mer mehr zur Qu­al, was am deut­lichs­ten in die­sem Satz do­ku­men­tiert wird: „Ich hof­fe sehr, dass mein gu­tes Ver­hält­nis zu al­len Ath­le­tin­nen auch dann noch be­ste­hen wird, mei­ne ich mei­ne No­mi­nie­rungs-Emp­feh­lung ab­ge­ge­ben ha­be.“Doch die Art, wie sie die­sen Wunsch aus­spricht, ver­rät Zwei­fel und Ve­r­un­si­che­rung, denn noch nie war die Kon­kur­renz­si­tua­ti­on in die­ser Dis­zi­plin so hart wie im Au­gen­blick, weil ein ein­zi­ger Wett­kampf die bis­her so ver­meint­lich kla­re Hier­ar­chie im Speer­wurf der Frau­en völ­lig auf den Kopf ge­stellt hat: Die deut­schen Leicht­ath­le­tik-Meis­ter­schaf­ten in Kas­sel. Dort ge­wann mit Chris­ti­an Hus­song von der LAZ Zwei­brü­cken aus­ge­rech­net das „Kü­ken“der deut­schen Speer­wurf-Rie­ge den Ti­tel mit ih­rer neu­en per­sön­li­chen Best­wei­te von 66,41 Me­ter. Die 22-Jäh­ri­ge, de­ren größ­ter bis­he­ri­ger sport­li­cher Er­folg der Ge­winn der U-23-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2015 in Tal­linn war, hat­te da­mit schon das ers­te Olym­pia-Ti­cket in der Ta­sche. Und gleich­zei­tig für ei­ne völ­lig neue Kon­stel­la­ti­on in der Olym­pia­No­mi­nie­rung ge­sorgt, denn nach Hus­songs Tri­umph stand fest: Ei­ne aus dem eta­blier­ten Trio Chris­ti­na Obergföll, Lin­da Stahl und Kat­ha­ri­na Mo­li­tor muss im Som­mer zu­hau­se blei­ben – Bag­ger­see statt Co­paca­ba­na. Und noch mehr Kon­fu­si­on ver­ur­sach­te die an­schlie­ßen­de EM-No­mi­nie­rung, denn ne­ben Hus­song fah­ren Stahl und Mo­li­tor kom­men­de Wo­che nach Ams­ter­dam. Für die nicht no­mi­nier­te Of­fen­bur­ge­rin Chris­ti­na Obergföll fast so et­was wie ein Schock, denn nach ih­ren 64,96 Me­ter, die sie am 21. Mai in Hal­le ge­wor­fen hat­te, schien ih­re No­mi­nie­rung für die Olym­pi­schen Spie­le in Rio ei- nur noch Form­sa­che zu sein. Doch bei der DM in Kas­sel er­wisch­te sie ei­nen ra­ben­schwar­zen Tag und wur­de nur Vier­te mit für sie ent­täu­schen­den 59,93 Me­ter. „Da hat die Lo­cker­heit in den Wür­fen ge­fehlt“, mo­niert Bun­des­trai­ne­rin Rit­schel im Ge­spräch mit dem SONNTAG. Chris­ti­na Obergföll in­ter­pre­tiert ih­re Leis­tung dras­ti­scher: „Ich hat­te dort ein­fach ei­nen be­schis­se­nen Tag er­wischt“, sagt sie kurz nach ih­rer An­kunft in Finn­land am Di­ens­tag im Te­le­fo­nat mit dem SONNTAG. Dort will sie in ei­nem wei­te­ren Speer­wurf-Wett­be­werb Fak­ten schaf­fen. Schon drei­mal hat sie 2016 die Olm­pia­Norm von 62 Me­ter ge­schafft – zu­letzt qua­si vor der Haus­tü­re bei den Ha­nau­er­land Spie­len in Frei­stett: 62,75 Me­ter. „Ich kann ehr­lich ge­sagt nicht nach­voll­zie­hen, dass ich nicht für die EM no­mi­niert wur­de, und bin dar­über ent­täuscht. Doch das än­dert nichts an mei­nem Ziel. Ich will nach Rio und die No­mi­nie­rung ist mei­ner Mei­nung nach noch im­mer of­fen. Ich wer­de um mein Olym­pia-Ti­cket kämp­fen – mit al­len Mit­teln“, kün­digt sie aber schon deut­lich an, ei­ne Nicht­no­mi­nie­rung nicht wi­der­stands­los ak­zep­tie­ren zu wol­len. Die Fak­ten spre­chen auf je­den Fall der­zeit für sie. Klar, Hus­song muss sich nach ih­ren DM-Ti­tel kei­ne Sor­gen mehr we­gen Rio ma­chen. Doch aus dem Rest des deut­schen Welt­klas­se-Quar­tetts flie­gen nur noch zwei mit nach Bra­si­li­en. Und in die­sem Ver­gleich ist Obergföll auf Au­gen­hö­he mit Kat­ha­ri­na Mo­li­tor: We­gen ih­rer bis­he­ri­gen Er­fol­ge und der be­reits drei­mal ge­schaff­ten Norm. Das ge­lang zwar auch der am­tie­ren­den Welt­meis­te­rin Mo­li­tor, doch Lin­da Stahl kam in die­sem Jahr nur ein­mal über die ge­for­der­te Wei­te und schaff­te 63,10 Me­ter. So schlecht sind die Olym­pia-Chan­cen für Chris­ti­na Obergföll al­so nicht: „Ich ha­be 64,96 Me­ter ge­wor­fen. Und wenn Lin­da Stahl und Kat­ha­ri­na Mo­li­tor in Ams­ter­dam nicht wei­ter wer­fen, dann wer­de ich mir mein Ti­cket er­kämp­fen, weil man die­se Wei­te nicht ein­fach weg­dis­ku­tie­ren kann.“Doch even­tu­ell löst sich der gan­ze Är­ger ja auch ziem­lich schnell in Luft auf. Da­zu noch ein­mal Bun­des­trai­ne­rin Ma­ria Rit­schel: „Nach der EM in Ams­ter­dam wer­de ich am 10. Ju­li mei­ne Olym­pia-Emp­feh­lung for­mu­lie­ren und die­sen Vor­schlag an das Re­fe­rat Leis­tungs­sport des Deut­schen Leicht­ath­le­ti­kVer­ban­des über­mit­teln. Dort wird die No­mi­gent­lich nie­rung fest­ge­legt, die dann noch vom Bun­des­aus­schuss Leis­tungs­sport ge­prüft wird. Dann geht die Vor­schlags­lis­te an das Na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee, das am 12. Ju­li sei­ne Olym­pia-No­mi­nie­run­gen ver­kün­den wird“, fasst sie das Pro­ze­de­re zu­sam­men. Ob dann das „Lu­xus­pro­blem“(Rit­schel) fried­lich ge­löst sein wird, ist of­fen. Zu ver­hin­dern war es aber nicht. „Es war von An­fang an klar, dass die­se Olym­pia-No­mi­nie­rung ei­ne en­ge Ent­schei­dung wird. Wir ha­ben vier Welt­klas­seSpeer­wer­fe­rin­nen, von de­nen je­de in Rio ei­ne Me­dail­le ho­len könn­te. Doch nur drei dür­fen mit – das tut rich­tig weh“, sagt die Bun­des­trai­ne­rin. Be­son­ders weh wür­de dies aber si­cher Chris­ti­na Obergföll tun: „Das soll mein letz­ter Wett­kampf wer­den. Rio war und ist mein gro­ßes Ziel. Ei­ne olym­pi­sche Me­dail­le zu ho­len, das wä­re der krö­nen­de Ab­schluss mei­ner Kar­rie­re“, sagt die ehr­gei­zi­ge Ath­le­tin aus der Or­ten­au. Jetzt bleibt nur noch die Fra­ge, ob sie sich ih­ren Traum er­fül­len kann. Erst in ei­ner Wo­che hat die Un­ge­wiss­heit ein En­de, die Obergföll aber vi­el­leicht hät­te ver­mei­den kön­nen, wenn sie in Kas­sel nicht ei­nen so mie­sen Tag ge­habt hät­te.

Am 12. Ju­li ste­hen die Rio-No­mi­nie­run­gen fest

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