Sor­ge vor Es­ka­la­ti­on

Po­li­zei­ge­werk­schaf­ten: Das ist bei uns un­vor­stell­bar

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - avs

Nach den To­des­schüs­sen auf fünf Po­li­zis­ten in Dallas wächst in den USA die Sor­ge, dass es zu ei­ner wei­te­ren Es­ka­la­ti­on der Ge­walt kommt. In vie­len USStäd­ten wa­ren am Wo­che­n­en­de neue Pro­test­ak­tio­nen ge­gen Po­li­zei­ge­walt ge­plant. Der 25-jäh­ri­ge Mi­cah John­son hat­te in der te­xa­ni­schen Stadt in der Nacht zum Frei­tag wäh­rend ei­ner De­mons­tra­ti­on ge­gen Po­li­zei­ge­walt fünf Po­li­zis­ten er­schos­sen und fünf wei­te­re so­wie zwei Zi­vi­lis­ten ver­letzt. Nach Er­kennt­nis­sen der Po­li­zei war er wohl der al­lei­ni­ge Schüt­ze. Als wahr­schein­li­ches Tat­mo­tiv gilt Hass auf Wei­ße. Die Po­li­zei fand nach ei­ge­nen An­ga­ben in John­sons Woh­nung je­de Men­ge Waf­fen und pa­ra­mi­li­tä­ri­sches Ma­te­ri­al – auch zum Bom­ben­bau. Au­ßer­dem sei­en afro-na­tio­na­lis­ti­sche Schrif­ten auf­ge­taucht. Auch das könn­te auf ein Mo­tiv hin­deu­ten. John­son ist Afro­ame­ri­ka­ner. Wie wei­ter be­kannt wur­de, war der 25Jäh­ri­ge ein Hee­res­ve­te­ran und En­de 2013 in Af­gha­nis­tan ein­ge­setzt, al­ler­dings als Tisch­ler. Nach meh­re­ren Be­rich­ten muss­te John­son den Af­gha­nis­tan-Ein­satz nach Vor­wür­fen se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung ei­ner Sol­da­tin vor­zei­tig be­en­den.

Der He­cken­schüt­ze von Dallas ist von der Po­li­zei durch ei­nen mit Spreng­stoff aus­ge­rüs­te­ten Ro­bo­ter ge­tö­tet wor­den. Der Ein­satz sorgt für Dis­kus­sio­nen, auch weil es of­fen­bar das ers­te Mal war, dass sich die US-Po­li­zei ei­nes Ro­bo­ters auf die­se Art be­dien­te. Die Po­li­zei hat­te den mut­maß­li­chen To­des­schüt­zen stun­den­lang in ei­ner Park­ga­ra­ge um­zin­gelt. Es kam zu Schuss­wech­seln. Schließ­lich hät­ten die Ein­satz­kräf­te „kei­ne an­de­re Op­ti­on“ge­se­hen, als ih­ren „Bom­ben-Ro­bo­ter“ein­zu­set­zen, um wei­te­re Ge­fahr für das Le­ben der Be­am­ten ab­zu­wen­den, sag­te Po­li­zei­chef Da­vid Brown. Deutsch­lands Po­li­zei­ge­werk­schaf­ten hal­ten ei­nen Ein­satz von Bom­ben-Ro­bo­tern wie in Dallas hier­zu­lan­de der­zeit für un­nö­tig. „Das ist bei uns un­vor­stell­bar“, sag­te ges­tern der Vor­sit­zen­de der Deut­schen Po­li­zei­ge­werk­schaft, Rai­ner Wendt. Auch der Chef der Ge­werk­schaft der Po­li­zei, Oli­ver Mal­chow, sieht kei­nen Grund, hier­zu­lan­de mit fern­ge­steu­er­ten Waf­fen oder Bom­ben auf­zu­rüs­ten. In Deutsch­land sei die La­ge völ­lig an­ders als in den USA – schon weil viel we­ni­ger Waf­fen im Um­lauf sind. Die Po­li­zei-Aus­bil­dung in Deutsch­land sei auf Dee­s­ka­la­ti­on aus­ge­rich­tet. Be­waff­ne­te Droh­nen oder Ro­bo­ter sä­hen die Po­li­zei­ge­set­ze nicht vor, sag­te Mal­chow. Spreng­stoff wer­de ge­gen Men­schen nicht ein­ge­setzt. Zum Ein­satz kä­men Ro­bo­ter et­wa, um Spreng­sät­ze zu ent­schär­fen. Mal- chow stellt klar, die deut­sche Po­li­zei dür­fe im Grund­satz nur an­griffs- oder flucht­un­fä­hig schie­ßen. Nach der blu­tig be­en­de­ten Gei­sel­nah­me is­rae­li­scher Olym­pia-Sport­ler 1972 in Mün­chen war das Kon­zept des fi­na­len Ret­tungs­schus­ses ent­wi­ckelt wor­den, um Men­schen zu ret­ten, wenn es kei­ne an­de­ren Mit­tel gibt. Zah­len zei­gen, wie un­ter­schied­lich die Ver­hält­nis­se sind: In den USA wer­den nach Schät­zun­gen jähr­lich hun­der­te Men­schen von Po­li­zis­ten er­schos­sen. In Deutsch­land wur­den laut Po­li­zei­wis­sen­schaft­ler Cle­mens Lo­rei 2015 acht Men­schen von der Po­li­zei ge­tö­tet, in den zehn Jah­ren zu­vor schwank­ten die Zah­len zwi­schen vier und zwölf.

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