Be­such im Knast: So ar­bei­ten Ge­fäng­nis­seel­sor­ger

Ge­fäng­nis als Ort der Barm­her­zig­keit

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Wolf­gang We­ber

Wenn Micha­el Drescher mor­gens sein klei­nes Bü­ro in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt (JVA) Karls­ru­he be­tritt, lie­gen meist ei­ni­ge Zet­tel auf sei­nem Schreib­tisch. Es sind An­trä­ge von Ge­fan­ge­nen, die ihn spre­chen wol­len. „Pfar­rer zum Re­den bit­te“steht an die­sem Tag bei­spiels­wei­se auf ei­nem der Zet­tel und kur­ze Zeit spä­ter nimmt der Ge­fäng­nis­seel­sor­ger dann Kon­takt zu dem In­haf­tier­ten auf. Seit 13 Jah­ren ist der ka­tho­li­sche Theo­lo­ge und Pas­to­ral­re­fe­rent Seel­sor­ger im Karls­ru­her Ge­fäng­nis, sein evan­ge­li­scher Kol­le­ge, der Re­li­gi­ons­päd­ago­ge und Dia­kon Karl­Heinz Düm­mig, mit dem er eng ko­ope­riert, ist schon seit 1991 da­bei. „Wir spre­chen zum ei­nen mit den In­haf­tier­ten über ih­re Ta­ten, über die Hin­ter­grün­de und über Schuld und Ver­ge­bung“, sagt Drescher. „Wich­tig ist aber auch der Kon­takt zu de­ren An­ge­hö­ri­gen. Vie­le Ge­fan­ge­ne wol­len wis­sen: ’Steht mei­ne Fa­mi­lie über­haupt noch zu mir?’“. „Es gibt Tä­ter, die sich sehr schwer da­mit tun, mit den Fol­gen ih­rer Tat wei­ter­zu­le­ben“, sagt Drescher. Ein In­haf­tier­ter bei­spiels­wei­se sei der Mei­nung ge­we­sen, er ha­be sein Le­bens­recht ver­wirkt, weil er ei­nen Men­schen ge­tö­tet hat­te. „Er brauch­te ei­nen Weg, um wie­der zu­rück ins Le­ben zu fin­den“, er­in­nert sich Drescher. „Ge­mein­sam mit ihm ha­ben wir dann nach Wor­ten ge­sucht, mit de­nen er sich nach dem Pro­zess an die An­ge­hö­ri­gen wen­den woll­te. Es war ihm wich­tig, Wor­te zu fin­den, die den An­ge­hö­ri­gen ei­ne klei­ne Er­leich­te­rung brin­gen.“„Ge­fan­ge­ne und An­ge­hö­ri­ge emp­fin­gen das Zu­hö­ren und die Zu­wen­dung durch die Seel­sor­ger oft als Barm­her­zig­keit“, sagt Karl-Heinz Düm­mig. „Es ist sehr wich­tig, Tat­ge­sche­hen und Per­son zu tren­nen. Das er­öff­net die Mög­lich­keit, die Tat in­ten­si­ver zu be­leuch­ten und sich da­mit aus­ein­an­der­scher. zu­set­zen.“Ein Ge­fan­ge­ner, so Düm­mig, ha­be ihm ge­sagt: „Es hilft mir, dass sie mich nicht gleich ab­leh­nen und mich als Mensch be­han­deln.“Ein an­de­rer Ge­fan­ge­ner war nach ei­nem Tref­fen mit Micha­el Drescher so er­leich­tert, dass er mein­te: „Da muss­te ich erst ins Ge­fäng­nis kom­men, um sol­che Ge­sprä­che füh­ren zu kön­nen.“„Die Kon­fes­sio­nen spie­len im Ge­fäng­nis ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le“, sagt Drescher. Pro­ble­me kön­nen aber auf­tre­ten, wenn ein In­haf­tier­ter kein Wort Deutsch oder Eng­lisch spricht und man sich den­noch ver­stän­di­gen möch­te. „Aus die­sem Grund sind wir der­zeit da­bei, ei­ne Art ’Oh­ne-Wör­ter-Buch’ zu ent­wer­fen“, er­zählt Drescher. Es wird vie­le klei­ne Bild­chen ent­hal­ten, auf die man wäh­rend des Ge­sprächs zei­gen kann, um ei­ni­ger­ma­ßen klar zu ma­chen, was man sa­gen will. Aus der klei­nen Ge­fäng­nis­ka­pel­le, die di­rekt ne­ben Dre­schers Bü­ro liegt, er­tönt Ch­or­ge­sang. Ein­mal pro Wo­che trifft sich dort der „Knast-Chor“, den Drescher, Düm­mig und der Karls­ru­her Kir­chen­mu­si­ker und Chor­lei­ter Ralph Ham­mer vor zehn Jah­ren ins Le­ben rie­fen. „Ei­nen rei­nen Ge­fan­ge­nen­chor zu bil­den ist schwie­rig, weil die Fluk­tua­ti­on hier im Ge­fäng­nis sehr hoch ist“, sagt Drescher. „Die Idee war des­halb, ei­nen fes­ten Stamm von Eh­ren­amt­li­chen zu fin­den, die ein­mal pro Wo­che ge­mein­sam mit den In­haf­tier­ten sin­gen.“Die gu­te Ar­beit des Chors hat sich bis nach Stutt­gart her­um­ge­spro­chen: Beim Eh­ren­amts­wett­be­werb „Echt gut!“des Lan­des Ba­den-Würt­tem­berg wur­de das Pro­jekt vor ei­nem hal­ben Jahr mit dem ers­ten Preis aus­ge­zeich­net.

„Knast-Chor“wur­de schon aus­ge­zeich­net

Je­den Sonn­tag um 7.45 Uhr la­den Düm­mig oder Drescher in die klei­ne, mo­der­ne Ge­fäng­nis­ka­pel­le ein. Von den ins­ge­samt et­wa 130 Ge­fan­ge­nen kom­men re­gel­mä­ßig 30 bis 40 Män­ner zum Got­tes­dienst – ei­ne sol­che Quo­te wür­de sich man­cher Pfar­rer au­ßer­halb der Ge­fäng­nis­mau­ern si­cher­lich sehn­lichst wün­schen. Die Mo­ti­va­ti­on, war­um so vie­le Ge­fan­ge­ne den Got­tes­dienst be­su­chen, ist, so Drescher, „sehr bunt“. Vie­le su­chen tat­säch­lich ei­nen Ort der Be­sin­nung, vie­len sei auch das Be­ten ein wirk­li­ches Be­dürf­nis, an­de­re hin­ge­gen er­freu­en sich viel­leicht nur an der Mu­sik, den Ker­zen oder den Blu­men. „Man sieht ja hier kaum et­was Grü­nes, da ist man schon froh, wenn man mal ein paar Blu­men zu Ge­sicht be­kommt.“Ist das Ge­fäng­nis für man­che Men­schen auch ein Ort der Barm­her­zig­keit? „Ja, das kann sein“, sagt Drescher und be­rich­tet von Ge­fan­ge­nen, die nach ih­rer Ver­haf­tung ge­ra­de­zu froh ge­we­sen sei­en. „Sie wuss­ten, dass sie sonst noch wei­ter ab­ge­rutscht wä­ren.“Das Ge­fäng­nis dien­te ih­nen mit sei­nen fes­ten Ta­ges­ab­läu­fen und den Be­ra­tungs­an­ge­bo­ten qua­si als Sta­bi­li­sie­rung. „Ge­fan­ge­ne kön­nen sich oft nicht vor­stel­len, dass ih­nen ver­zie­hen wird“, er­klärt Düm­mig. „Dar­um ist es oft ein ers­ter Schritt, dass sie lang­sam be­grei­fen, dass Gott ver­gibt, wenn die ehr­li­che und auf­rich­ti­ge Bit­te an ihn ge­rich­tet wird. Es fällt dann nicht sel­ten leich­ter, von der Tat Be­trof­fe­ne um Ver­zei­hung zu bit­ten.“Im Kel­ler der Karls­ru­her JVA gibt es ei­nen be­son­ders ge­si­cher­ten Haft­raum für be­son­ders schwie­ri­ge Ge­fan­ge­ne, auch „Bun­ker“ge­nannt. „Vor 40 Jah­ren wur­de der noch rund 100-mal pro Jahr be­nö­tigt“, sagt Dre- „Heu­te nur noch ganz sel­ten“. Die Grün­de für das ver­än­der­te Ver­hal­ten der Ge­fan­ge­nen lie­gen nicht nur in den Be­ra­tungs­an­ge­bo­ten der Seel­sor­ger, son­dern auch dar­in, dass den In­haf­tier­ten heut­zu­ta­ge viel mehr Ab­wechs­lung und Ablen­kung ge­bo­ten wird. Das reicht vom Chor bis hin zu Com­pu­ter-, Sprach- oder Sport­kur­sen. Und auch die Re­li­gi­on spielt bei man­chem In­haf­tier­ten (wie­der) ei­ne wich­ti­ge Rol­le. „Im Ge­fäng­nis wird all­ge­mein sehr viel ge­be­tet“, sagt Drescher. „Vie­le wa­ren in ih­rer Kind­heit viel­leicht Mi­nis­tran­ten oder ha­ben mit ih­rer Mut­ter ge­be­tet. Für die­se Men­schen ist das Wie­der­ent­de­cken des Be­tens ei­ne be­son­de­re Er­fah­rung. Sie zün­den Ker­zen an und kom­men wie­der zur Ru­he.“Oder, wie es Düm­mig aus­drückt: „Im Ge­fäng­nis wen­den sich vie­le In­haf­tier­te den grund­sätz­li­chen Fra­gen des Le­bens zu.“

Fo­to: Ar­tis

Et­wa 130 Un­ter­su­chungs­häft­lin­ge sind in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Karls­ru­he un­ter­ge­bracht. Vie­le von ih­nen wen­den sich an ei­nen der Ge­fäng­nis­seel­sor­ger oder bit­ten die­se, mit An­ge­hö­ri­gen Kon­takt auf­zu­neh­men.

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