Au­ßer­ge­wöhn­li­che Leu­te

Por­traits von 20 Män­nern und 20 Frau­en aus Ba­den-Würt­tem­berg

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Er­fin­der, Schön­geist, Vi­sio­när“– wenn un­ter ei­nem sol­chen Ti­tel „20 au­ßer­ge­wöhn­li­che Män­ner aus Ba­denWürt­tem­berg“vor­ge­stellt wer­den, geht an den Mo­bi­li­tät­spio­nie­ren Karl Drais, Carl Benz und Gott­lieb Daim­ler kein Weg vor­bei. Auch der Rhein­bän­di­ger Jo­hann Gott­fried Tul­la, der Luft­schiff­pio­nier Fer­di­nand Graf von Zep­pe­lin und der Un­ter­neh­mer Ro­bert Bosch ge­hö­ren zu den üb­li­chen Ver­däch­ti­gen. Längst nicht so be­kannt ist Karl Lud­wig Ness­ler (1872-1851), ob­wohl er Mil­lio­nen Frau­en und auch ei­ni­ge Män­ner glück­lich und (ge­fühlt) at­trak­ti­ver mach­te: Ness­ler, ge­bo­ren im ba­di­schen Todt­nau, war der Er­fin­der der Dau­er­wel­le. Flott und rou­ti­niert be­schreibt die Au­to­rin Bea­te Karch den Le­bens­weg des Tüft­lers, den sein Weg über Pa­ris und Lon­don in die USA führ­te und der als als „Mr. Charles Nest­le“ein gro­ßes Ver­mö­gen er­warb und wie­der ver­lor. Ne­ben den Her­ren, die sich im tech­ni­schen und un­ter­neh­me­ri­schen Be­reich tum­mel­ten, nimmt die Kul­tur­re­dak­teu­rin in ihr Kalei­do­skop von Le­bens­ge­schich­ten frei­lich auch Män­ner auf, die in ganz an­de­ren Spar­ten ak­tiv wa­ren – et­wa den schwä­bi­schen As­tro­no­men Jo­han­nes Kepp­ler, den Re­vo­lu­tio­när Fried­rich He­cker, den Wort­künst­ler Her­mann Hes­se, den ers­ten Bun­des­prä­si­den­tin Theo­dor Heuss, den Ma­ler Ot­to Dix oder den Cho­reo­gra­phen John Cran­ko. Was sie ver­bin­det, sieht man ein­mal von ih­rem Be­zug zu Ba­den oder zu Würt­tem­berg ab? Es han­de­le sich, so viel ver­rät die Au­to­rin zu ih­ren Aus­wahl­kri­te­ri­en, durch­weg um Män­ner, die cha­ris­ma­tisch, selbst­be­wusst und un­be­irr­bar ihr Le­ben und ihr gan­zes Herz­blut ei­ner Sa­che ver­schrie­ben. Ei­gen­wil­lig, fort­schritt­lich oder tra­gisch – dar­in sieht Adri­en­ne Braun die Be­son­der­hei­ten der 20 au­ßer­ge­wöhn­li­chen Frau­en aus Ba­den-Würt­tem­berg, die sie im par­al­lel er­schie­ne­nen Band un­ter dem Ti­tel „Künst­le­rin, Re­bel­lin, Pio­nie­rin“ver­sam­melt. Wie in vie­len ver­gleich­ba­ren po­pu­lä­ren Bio­gra­fi­en-Samm­lun­gen liegt in dem Buch ein star­ker Ak­zent auf künst­le­risch tä­ti­gen Frau­en. Aber auch So­phie Scholl, die Stu­den­tin im Wi­der­stand, so­wie Ber­tha Benz, die ers­te Au­to­fah­re­rin, wer­den ge­wür­digt. Sie dür­fen, wie die Au­to­rin meint, so we­nig feh­len wie Mar­ga­re­te Steiff, „die im Roll­stuhl saß und es trotz­dem ge­schafft hat, dass bis heu­te je­der­mann ih­re Stoff­tie­re mit Knopf im Ohr kennt.“Zu­dem hat Adri­en­ne Braun ei­ni­ge Frau­en in den Rei­gen der Re­bel­lin­nen und Pio­nie­rin­nen auf­ge­nom­men, die heu­te we­nig be­kannt sind, ob­gleich die Zeit­ge­nos­sen ih­re Leis­tun­gen durch­aus an­er­kann­ten – da­zu zäh­len et­wa die Mo­de­schöp­fe­rin Em­my Schoch, die mit ih­ren Re­form­klei­dern weit über Ba­den hin­aus Auf­merk­sam­keit er­fuhr, oder die Koch­buch­au­to­rin Frie­de­ri­ke Luise Löff­ler, an de­ren Re­zept­vor­schlä­gen sich gan­ze Ge­ne­ra­tio­nen von Haus­frau­en ori­en­tier­ten. Adri­en­ne Braun schreibt ih­re Frau­en­bio­gra­fi­en mit an­ge­nehm leich­ter Fe­der und in­ves­tiert er­kenn­bar Herz­blut in ihr The­ma. Was die his­to­ri­sche Ei­n­ord­nung an­geht, er­weist sich die Stutt­gar­ter Kul­tur­jour­na­lis­tin frei­lich nicht im­mer als ganz tritt­si­cher. Und die kom­pli­zier­ten ter­ri­to­ria­len Ver­hält­nis­se im deut­schen Süd­wes­ten brin­gen sie schon mal ins Stol­pern. Et­wa wenn sie Kürn­bach, den Hei­mat­ort der Koch­buch- und Best­sel­ler­au­to­rin Löff­ler (1744-1805), als teil­wei­se ba­disch be­schreibt. Nun war die heu­te zum Land­kreis Karls­ru­he ge­hö­ren­de Ge­mein­de zwar tat­säch­lich ein staats­ge­schicht­li­ches Ku­rio­sum – zu Leb­zei­ten der Frie­de­ri­ke Luise Löff­ler al­ler­dings als hes­sisch-würt­tem­ber­gi­scher Kon­do­mi­nats­ort. Ein ba­di­sches Lan­des­kind ist die Kü­chen­ex­per­tin aus dem Kraich­gau nie ge­we­sen. Was die Leis­tun­gen der Koch­künst­le­rin al­ler­dings kei­nes­wegs schmä­lert.

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