War der Tä­ter ein „IS-Sol­dat“?

26 Op­fer von Niz­za noch in Le­bens­ge­fahr

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - AFP/avs

Die Dschi­ha­dis­ten­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) hat den An­schlag in Niz­za mit mehr als 80 To­ten für sich be­an­sprucht. Die Mi­liz er­klär­te ges­tern über ihr Sprach­rohr Amak, der Tä­ter sei ein „Sol­dat des Is­la­mi­schen Staats“. Ei­ne un­ab­hän­gi­ge Be­stä­ti­gung da­für gab es nicht. Die fran­zö­si­schen Be­hör­den ge­hen da­von aus, dass sich der 31-jäh­ri­ge Tu­ne­si­er „sehr schnell ra­di­ka­li­siert“hat. Die IS-Agen­tur Amak be­rich­te­te, der At­ten­tä­ter von Niz­za ha­be auf Auf­ru­fe der Mi­liz re­agiert, Bür­ger der Län­der der in­ter­na­tio­na­len Ko­ali­ti­on an­zu­grei­fen, die in Sy­ri­en und im Irak ge­gen die Ex­tre­mis­ten kämpft. Zu der Ko­ali­ti­on ge­hö­ren ne­ben Frank­reich un­ter an­de­rem die USA, Groß­bri­tan­ni­en und Ita­li­en. Deutsch­land un­ter­stützt die Al­li­anz mit ei­ner Fre­gat­te und Auf­klä­rungs­flü­gen. Die fran­zö­si­sche Re­gie­rung hat nach ei­ge­ner Darstel­lung kei­nen Be­weis für ei­ne IS-Mit­glied­schaft des At­ten­tä­ters. Als Tä­ter von Niz­za ist der Tu­ne­si­er Mo­ha­med LahouaiejBo­uh­lel iden­ti­fi­ziert. Den fran­zö­si­schen Ge­heim­diens­ten war er nicht als Is­la­mist be­kannt. Er trat le­dig­lich im Zu­sam­men­hang mit Klein­kri­mi­na­li­tät in Er­schei­nung, galt aber als ge­walt­tä­tig und de­pres­siv. Der Tu­ne­si­er mit Wohn­sitz in Niz­za hat­te am Don­ners­tag­abend wäh­rend der Fei­ern zum fran­zö­si­schen Na­tio­nal­fei­er­tag ei­nen Last­wa­gen in die Men­schen­men­ge ge­lenkt. Da­bei wur­den min­des­tens 84 Men­schen ge­tö­tet und mehr als 300 wei­te­re ver­letzt. Ges­tern be­fan­den sich nach An­ga­ben des fran­zö­si­schen Ge­sund­heit­mi­nis­te­ri­um noch 121 Men­schen in Kran­ken­häu­sern, 26 von ih­nen schweb­ten in Le­bens­ge­fahr, dar­un­ter fünf Kin­der. Bei dem An­schlag ka­men auch ei­ne Leh­re­rin und zwei Schü­le­rin­nen aus Ber­lin ums Le­ben.

Drei Ta­ge lang leuch­tet Frank­reichs Wahr­zei­chen Tag und Nacht. Seit dem spä­ten Frei­tag­abend wird der über 300 Me­ter ho­he Eif­fel­turm in Pa­ris in den Na­tio­nal­far­ben Blau-Weiß-Rot an­ge­strahlt. Bis Mon­tag dau­ert die Staats­trau­er, die Prä­si­dent François Hol­lan­de nach dem fürch­ter­li­chen An­schlag von Niz­za mit min­des­tens 84 To­ten und mehr als 200 Ver­letz­ten an­ge­ord­net hat. Am Mon­tag­mit­tag soll mit ei­ner Schwei­ge­mi­nu­te der Op­fer ge­dacht wer­den. Frank­reich steht un­ter Schock. Zum drit­ten Mal bin­nen ein­ein­halb Jah­ren wur­de das Land von ei­nem blu­ti­gen An­schlag ge­trof­fen: Erst die Sa­ti­re­zeit­schrift „Char­lie Heb­do“und ein Su­per­markt im Ja­nu­ar 2015, dann ein Nacht­club, Ca­fés, Re­stau­rants und das Sta­de de Fran­ce am 13. No­vem­ber und nun das Blut­bad an der Cô­te d’Azur. Doch statt die Na­ti­on zu­sam­men­zu­schwei­ßen, gibt es po­li­ti­schen Streit, die kon­ser­va­ti­ve Op­po­si­ti­on at­ta­ckiert die so­zia­lis­ti­sche Re­gie­rung, der Wahl­kampf im nächs­ten Jahr wirft sei­ne Schat­ten vor­aus. Hat Hol­lan­des Re­gie­rung wirk­lich ge­nug ge­tan, um die Bür­ger zu schüt­zen? Po­li­ti­ker auf der rech­ten Sei­te des po­li­ti­schen Spek­trums be­zwei­feln das. „Frank­reich ist im Krieg, aber wir be­nut­zen nicht die Waf­fen des Krie­ges“, kri­ti­sier­te Éric Ciot­ti, Ab­ge­ord­ne­ter der re­pu­bli­ka­ni­schen Par­tei des frü­he­ren Prä­si­den­ten Ni­co­las Sar­ko­zy, in ei­nem Interview der kon­ser­va­ti­ven Zei­tung „Le Fi­ga­ro“. Im Mai 2017 wird in Frank­reich ein neu­es Staats­ober­haupt ge­wählt. Hol­lan­des Po­pu­la­ri­täts­wer­te sind seit lan­gem im Kel­ler, es ist nicht be­kannt, ob der 2012 für ei­ne ers­te Amts­zeit ge­wähl­te So­zia­list noch ein­mal an­tritt. Vor al­lem die rechts­ra­di­ka­le Front Na­tio­nal von Ma­ri­ne Le Pen sieht sich im Auf­wind. Die öf­fent­li­che Si­cher­heit, so viel scheint klar, dürf­te zu ei­nem zen­tra­len Wahl­kampf­the­ma wer­den. Pre­mier­mi­nis­ter Ma­nu­el Valls zeig­te sich recht si­cher, dass der zum Zeit­punkt sei­nes To­des 31 Jah­re al­te Tä­ter mit is­la­mis­ti­schen Grup­pen in Ver­bin­dung stand, In­nen­mi­nis­ter Ber­nard Ca­ze­neuve gab sich zu­nächst vor­sich­ti­ger, sag­te dann aber, der Mann könn­te sich sehr schnell ra­di­ka­li­siert ha­ben. Was seit Don­ners­tag aus dem per­sön­li­chen Um­feld von Mo­ha­med Lahouaiej-Bo­uh­lel ans Licht kam, deu­te­te auf ei­nen ge­walt­tä­ti­gen, un­be­herrsch­ten wo­mög­lich auch psy­chisch ge­stör­ten jun­gen Mann hin, nicht aber auf ei­nen from­men Dschi­ha­dis­ten. Die der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­sche Staat (IS) na­he­ste­hen­de Agen­tur Amak be­zeich­ne­te ihn als „Sol­dat des IS“, doch viel­leicht war er trotz­dem ein „ein­sa­mer Wolf“. Fern­ab vom po­li­ti­schen Streit in Pa­ris trau­er­ten die Men­schen in Niz­za um die Op­fer. Auch ges­tern ka­men sie auf der pal­men­ge­säum­ten Pro­me­na­de des An­g­lais am Mit­tel­meer zu­sam­men. Mit ih­rem süd­li­chen Flair und der far­ben­fro­hen Alt­stadt­ar­chi­tek­tur gilt die Ha­fen­stadt man­chen als die ita­lie­nischs­te Stadt in Frank­reich. Nach Pa­ris ist sie das zweit­be­lieb­tes­te Rei­se­ziel des Lan­des. 2015 ka­men mehr als zwei Mil­lio­nen Tou­ris­ten. Al­ler­dings gilt die Ge­gend auch als frucht­ba­res Ter­rain für Is­la­mis­ten. Rund 100 Dschi­ha­dis­ten sei­en aus dem Dé­part­ment Al­pes-Ma­ri­ti­mes in den Sy­ri­en­krieg ge­zo­gen, so vie­le wie aus kei­nem an­de­ren fran­zö­si­schen Dé­par­te­ment, schrieb die Zei­tung „Li­bé­ra­ti­on“.

Foto: AFP

Im­mer noch un­ter Schock: Trau­ern­de auf der Pro­me­na­de des An­g­lais in Niz­za.

Ein Land trägt Trau­er: Zum drit­ten Mal in ein­ein­halb Jah­ren wur­de Frank­reich von ei­nem An­schlag er­schüt­tert. Die Pro­me­na­de des An­g­lais ist ein­ein­halb Ta­ge nach dem At­ten­tat in Niz­za wie­der ge­öff­net wor­den. Foto: avs

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