Er­do­gan kün­digt „Säu­be­rung“an

Putsch in Tür­kei ist ge­schei­tert / Min­des­tens 265 To­te und 1000 Ver­letz­te

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Avs

Nach dem ge­schei­ter­ten blu­ti­gen Putsch­ver­such tür­ki­scher Mi­li­tär­ein­hei­ten geht der Staats­ap­pa­rat von Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan mas­siv ge­gen mut­maß­li­che Un­ter­stüt­zer vor. Of­fi­zi­el­len An­ga­ben zu­fol­ge wur­den in ei­ner ers­ten Ak­ti­on mehr als 2 800 Put­schis­ten aus den Rei­hen der Streit­kräf­te und zehn Mit­glie­der des tür­ki­schen Staats­rats – ei­nes der obers­ten Ge­rich­te – fest­ge­nom­men. Fer­ner wur­den fünf Mit­glie­der des Ho­hen Rats der Rich­ter und Staats­an­wäl­te und mehr als 2 700 Rich­ter ab­ge­setzt. Er­do­gan kün­dig­te ei­ne „voll­stän­di­ge Säu­be­rung“des Mi­li­tärs an. Er be­zeich­ne­te den Frei­tag­nacht ge­star­te­ten Putsch­ver­such da­für als ei­nen „Se­gen Got­tes“. Bei dem ver­such­ten Um­sturz wur­den of­fi­zi­el­len An­ga­ben zu­fol­ge in der Nacht min­des­tens 265 Men­schen ge­tö­tet und mehr als 1 000 ver­letzt. Das Ziel der Put­schis­ten nach de­ren ei­ge­nen An­ga­ben war, un­ter an­de­rem die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung, die De­mo­kra­tie und die Men­schen­rech­te wie­der­her­zu­stel­len. Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim sag­te ges­tern, die La­ge sei weit­ge­hend un­ter Kon­trol­le. In der letz­ten Bas­ti­on, dem Ar­mee­haupt­quar­tier in An­ka­ra, er­ga­ben sich Put­schis­ten. Acht tür­ki­sche Sol­da­ten setz­ten sich mit ei­nem Mi­li­tär­hub­schrau­ber nach Grie­chen­land ab und be­an­trag­ten dort po­li­ti­sches Asyl. Sie soll­ten mög­li­cher­wei­se aus­ge­lie­fert wer­den. Bun- des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ver­ur­teil­te den Putsch­ver­such „aufs Schärfs­te“, mahn­te aber zugleich die Ein­hal­tung de­mo­kra­ti­scher Wer­te bei der Ver­fol­gung der Ur­he­ber an. Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal warn­te vor der Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe in der Tür­kei. Yil­di­rim sag­te, die To­des­stra­fe sei aus dem tür­ki­schen Ge­setz ge­stri­chen wor­den. Es wer­de je­doch über „zu­sätz­li­che Maß­nah­men“dis­ku­tiert, die sol­che „Ver­rückt­hei­ten“in Zu­kunft ver­hin­dern sol­len. Er­do­gan hat­te sei­ne An­hän­ger in der Nacht da­zu auf­ge­ru­fen, auf die Stra­ße zu ge­hen und ge­gen den Putsch zu pro­tes­tie­ren. Auch in Deutsch­land folg­ten dem Ap­pell Tau­sen­de An­hän­ger von Er­do­gan. Der Prä­si­dent mach­te die Be­we­gung des im US-Exil le­ben­den Pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len für den Putsch­ver­such ver­ant­wort­lich und kün­dig­te Ver­gel­tung an: „Sie wer­den ei­nen sehr ho­hen Preis für die­sen Ver­rat zah­len.“Wäh­rend des Putsch­ver­suchs sol­len nach un­be­stä­tig­ten Be­rich­ten Sol­da­ten miss­han­delt oder so­gar ge­lyncht wor­den sein. Auf ei­nem Vi­deo, das of­fen­bar in Istan­bul auf­ge­nom­men und über Twit­ter ver­brei­tet wur­de, ist ein Sol­dat zu se­hen, der blut­über­strömt auf dem Bo­den liegt. Der­je­ni­ge, der das Vi­deo auf­nimmt, sagt auf Tür­kisch: „Vier ha­ben wir um­ge­bracht, jetzt sind wir beim fünf­ten. Hund!“

In der Nacht zum Sams­tag über­schla­gen sich die Er­eig­nis­se in der Tür­kei. An­ge­hö­ri­ge der Ar­mee wol­len die Macht im Land an sich rei­ßen. Ein Über­blick:

Frei­tag­abend: Die La­ge ist an­ge­spannt. Die Po­li­zei in An­ka­ra ruft das kom­plet­te Per­so­nal zum Di­enst, Kran­ken­wa­gen ste­hen be­reit. Es gibt ers­te Mel­dun­gen über Jets im Tief­flug. Über Istan­bul krei­sen Hub­schrau­ber, Si­cher­heits­kräf­te sind in den Stra­ßen un­ter­wegs.

Ge­gen 22.20 Uhr: Die staat­li­che Nach­rich­ten­agen­tur Ana­do­lu mel­det, Tei­le des Mi­li­tärs hät­ten ei­nen Putsch­ver­such be­gon­nen. „Die­ser Ver­such wird nicht er­laubt wer­den“, sagt Mi­nis­ter­prä­si­dent Yil­di­rim, die Hin­ter­män­ner „wer­den den höchs­ten Preis be­zah­len“.

Die put­schen­den Streit­kräf­te mel­den, sie hät­ten die Macht in der Tür­kei voll­stän­dig über­nom­men und woll­ten die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung, die De­mo­kra­tie und die Men­schen­rech­te wie­der­her­stel­len. Die Put­schis­ten be­set­zen den Ata­türk-Flug­ha­fen in Istan­bul.

Staats­prä­si­dent Er­do­gan ruft das Volk zu öf­fent­li­chen Ver­samm­lun­gen ge­gen den Putsch auf – per live über­tra­ge­nem Te­le­fon­an­ruf beim Sen­der CNN Türk. Vie­le Men­schen kom­men dem nach und tref­fen sich auf Stra­ßen und Plät­zen.

Kampf­jets und Hub­schrau­ber flie­gen über Istan­bul und An­ka­ra. Pan­zer rol­len durch die Stra­ßen, im­mer wie­der sind Schüs­se und Ex­plo­sio­nen zu hö­ren. Fern­seh­sen­der zei­gen in An­ka­ra Men­schen, die sich um Ver­letz­te küm­mer­ten. Russ­land und die USA ru­fen zum Frie­den auf, die Au­ßen­mi­nis­ter bei­der Län­der sind zu­sam­men in Mos­kau.

Wo ist Er­do­gan? Aus dem Prä­si­di­al­amt heißt es nur, er sei an ei­nem si­che­ren Ort. Die Put­schis­ten ver­hän­gen un­ter­des­sen ei­ne Aus­gangs­sper­re im gan­zen Land. Flug­ge­sell­schaf­ten strei­chen Flü­ge.

Kurz nach Mit­ter­nacht: Die Put­schis­ten zie­hen vom Ata­türk-Flug­ha­fen wie­der ab, nach­dem De­mons­tran­ten auf das Ge­län­de ein­ge­drun­gen sind. In ei­nem Interview des Sen­ders CNN Türk macht Er­do­gan An­hän­ger des in den USA le­ben­den Pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len für den Putsch­ver­such ver­ant­wort­lich.

Kurz nach 1 Uhr: „Die de­mo­kra­ti­sche Ord­nung in der Tür­kei muss re­spek­tiert wer­den“, twit­tert der deut­sche Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert. „Al­les muss ge­tan wer­den, um Men­schen­le­ben zu schüt­zen.“Al­le vier Par­tei­en des tür­ki­schen Par­la­ments – auch die drei Op­po­si­ti­ons­par­tei­en – spre­chen sich ge­gen den Putsch­ver­such aus.

Ge­gen 2 Uhr: Der tür­ki­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim sagt: „Die Si­tua­ti­on ist weit­ge­hend un­ter Kon­trol­le.“Aus dem Prä­si­di­al­amt heißt es, bei den Put­schis­ten han­de­le es sich „um ei­ne klei­ne Grup­pe“von Of­fi­zie­ren aus der Gen­dar­me­rie und der Luft­waf­fe.

Ge­gen 2.30 Uhr: Staats­prä­si­dent Er­do­gan lan­det nach ei­nem Be­richt des Fern­seh­sen­ders NTV in Istan­bul. Sol­da­ten drin­gen in die Räu­me des Sen­ders CNN Türk in Istan­bul ein, die Sen­dung wird ein­ge­stellt. Schüs­se und lau­te Tu­mul­te sind zu hö­ren.

Ge­gen 3.30 Uhr: Er­do­gan tritt erst­mals seit Be­ginn des Putsch­ver­su­ches öf­fent­lich auf, auf dem Ata­türk-Flug­ha­fen in Istan­bul. Er sagt, er sei in Mar­ma­ris an der tür­ki­schen Ägä­is-Küs­te ge­we­sen. Un­mit­tel­bar nach sei­ner Abrei­se von dort hät­ten die Put­schis­ten „die­sen Ort lei­der genau­so bom­bar­diert“. Er­do­gan kün­digt an, das Mi­li­tär voll­stän­dig zu „säu­bern“. Mi­nis­ter­prä­si­dent Yil­di­rim weist das Mi­li­tär an, von Put­schis­ten ge­ka­per­te Flug­zeu­ge ab­zu­schie­ßen.

Si­cher­heits­kräf­te be­frei­en Ar­mee­chef Hu­lu­si Akar aus der Ge­walt von Put­schis­ten. Mi­nis­ter­prä­si­dent Yil­di­rim hat­te in der Nacht Ge­ne­ral Ümit Dündar kom­mis­sa­risch zum Mi­li­tär­chef er­nannt.

Sams­tag­nach­mit­tag: Die La­ge hat sich wei­test­ge­hend be­ru­higt. De­mo­kra­ti­sche Po­li­ti­ker in al­ler Welt zei­gen sich er­leich­tert dar­über, dass der Putsch ge­schei­tert sei. Zugleich wächst die Sor­ge vor ei­ner Desta­bi­li­sie­rung der Tür­kei. Der Putsch­ver­such von Tei­len des Mi­li­tärs ge­gen Prä­si­dent Er­do­gan hat die Din­ge noch­mals um ei­ni­ges kom­pli­zier­ter ge­macht. In Ber­lin wer­den Be­fürch­tun­gen laut, dass der Na­to-Part­ner Tür­kei künf­tig noch au­to­ri­tä­rer re­giert wird – und da­mit viel­leicht noch we­ni­ger be­re­chen­bar sein könn­te.

Ein Po­li­zist und ein Zi­vi­list um­ar­men sich auf ei­nem Pan­zer in Istan­bul: Die Be­woh­ner der Mil­lio­nen­stadt be­mü­hen sich, die Putsch-Nacht mit mehr als 260 To­ten und vie­len Ver­letz­ten zu ver­ar­bei­ten. Foto: AFP

Bei Luft­an­grif­fen der Put­schis­ten auf das Par­la­ment in An­ka­ra ist das Ge­bäu­de der tür­ki­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung stark be­schä­digt wor­den. Aus Re­gie­rungs­krei­sen hieß es, die Um­stürz­ler hät­ten Hub­schrau­ber und Kampf­flug­zeu­ge un­ter ih­re Kon­trol­le ge­bracht.

Fotos: AFP

Un­ten Sol­da­ten, oben Er­do­gan-An­hän­ger: So wie hier am Tak­sim-Platz, dem zen­tra­len Platz und Ver­kehrs­kno­ten­punkt im eu­ro­päi­schen Teil Istan­buls, sah es wäh­rend und nach dem Putsch­ver­such an vie­len Or­ten aus.

An­hän­ger des tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan de­mons­trie­ren wäh­rend des Um­sturz­ver­su­ches durch Tei­le des Mi­li­tärs in der Tür­kei vor dem Tür­ki­schen Kon­su­lat in Stutt­gart. Foto: avs

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