Neu­es vom T-Shirt

Jun­ge Krea­ti­ve set­zen auf Nach­hal­tig­keit in der Mo­de

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Mode & Stil - Su­san­ne Forst

Selbst aus der mi­ni­ma­lis­tischs­ten Gar­de­ro­be ist es kaum weg­zu­den­ken: das T-Shirt. Es ist mo­di­sches State­ment, Ba­sic und Bot­schaf­ter – ein Klas­si­ker. Wie wohl kaum ein an­de­res Klei­dungs­stück steht das T-Shirt al­ler­dings auch als Sym­bol für ein ab­so­lu­tes Bil­lig­pro­dukt. Bil­der von ver­wüs­te­ten Land­schaf­ten oder elen­den Ar­beits- und Le­bens­be­din­gun­gen der Nä­he­rin­nen zie­hen auf. An­de­rer­seits ist das Shirt für jun­ge De­si­gner und Tech­nik­spe­zia­lis­ten „das“Pro­dukt für den Ein­stieg ins Ge­schäft: Die Gr­und­form steht, die Kos­ten sind – im Ver­gleich zu ei­ner Li­nie oder kom­plet­ten Kol­lek­ti­on – über­schau­bar. „Uns hat über­rascht, dass wir vor al­lem auf dem kon­ven­tio­nel­len Markt, an Mo­de­be­geis­ter­te und we­ni­ger an Ökos ver­kau­fen“, sagt Ca­ro­li­ne Lui­sa Klein. „Wir ha­ben die Kun­den über­zeugt: Nach­hal­ti­ge Mo­de kann auch an­ders. Das ist toll“, sagt die Grün­de­rin des La­bels Phil & Lui. Wei­che, wie ver­wisch­te, in­ein­an­der über­ge­hen­de Far­ben kenn­zeich­nen ih­re Shirts. Der Griff ist soft. Stepp­näh­te sind sicht­bar und das Shirt lässt sich wen­den oder – im Ba­de­zim­mer – ganz ein­fach an ei­ner Öse auf­hän­gen. „Stoff, Wä­sche­rei, Far­be, al­les ist zer­ti­fi­ziert“, sagt die De­si­gne­rin, die ihr Stu­di­um an der Aka­de­mie Mo­de und De­sign (AMD) in Mün­chen als Bes­te ih­res Jahr­gangs ab­ge­schlos­sen hat. Die Et­hi­cal Fa­shion Week und der Gre­en­show­room der Fa­shion Week Ber­lin bie­ten La­bels, die nach­hal­tig ar­bei­ten, ein Schau­fens­ter. Klein hat dort mit ih­rem Part­ner Phil­lipp Se­bas­ti­an Seidl aus­ge­stellt. Auch Päälä ist ver­tre­ten. Das Ams­ter­da­mer Un­ter­neh­men mit dem skur­ri­len Na­men be­sticht durch den Druck. Tier- und Pflan­zen­mo­ti­ve so­wie gra­fi­sche De­signs zeich­nen die Shirts aus. „Wir dru­cken mit was­ser­ba­sier­ten Far­ben“, sagt Harm Jan Tim­mera­rends. Baum­wol­le und Druck sind „GOTS“-zer­ti­fi­ziert. Die­ser „Glo­bal Or­ga­nic Tex­til Stan­dard“gilt als eins der an­spruchs­volls­ten Sie­gel. Es legt Um­welt­kri­te­ri­en, aber auch so­zia­le und tech­ni­sche Kri­te­ri­en für die Ver­ar­bei­tung von Tex­ti­li­en fest. „Ich ha­be Ma­le­rei stu­diert. Vom Kunst­stu­di­um wa­ren wir an was­ser­ba­sier­te Far­ben ge­wöhnt“, sagt Harm Jan Tim­mera­rends. Mit An­ne­lot Kammin­ga hat er Päälä ge­grün­det. „Wir woll­ten et­was Re­le­van­tes ma­chen“, er­zählt Tim­mera­rends. Das T-Shirt war ein lo­gi­scher Schritt. „Ich ha­be kein Fa­shion-De­sign stu­diert, aber von tech­ni­schen Ver­fah­ren, von Grafik und Druck ver­ste­he ich et­was“, er­zählt Tim­mera­rends. „Ur­sprüng­lich stand das T-Shirt für Hemds­är­me­lig­keit. Es war mit Dy­na­mik ver­bun­den. Es si­gna­li­sier­te, das ist je­mand der packt an“, sagt Gerd Mül­ler-Thom­kins, Ge­schäfts­füh­rer des Deut­schen Mo­deIn­sti­tuts. Statt un­ter dem Ober­hemd zu ver­schwin­den, kam das Un­ter­hemd an die Ober­flä­che. Die Baum­wol­le, einst ein „pro­le­ta­ri­sches Ma­te­ri­al“und mit ihm das Shirt, setz­ten sich als Ober­be­klei­dung bei der „Ju­gend“durch. Nicht zu­letzt Ja­mes De­an oder Mar­lon Bran­do mach­ten das T-Shirt po­pu­lär und be­leg­ten es mit ei­ner or­dent­li­chen Por­ti­on Sex-Ap­peal: wei­ßes Un­ter­wä­scheTeil auf ge­ra­de rich­tig be­mus­kel­ten Ar­men. Mäd­chen und Jungs blieb der Atem weg. „Das T-Shirt trägt de­mo­kra­ti­sche und li­ber­ti­nä­re Ele­men­te in sich“, sagt Mül­ler-Thom­kins. Vom wei­ßen Un­ter­hemd führ­te die Ent­wick­lung zum Fa­shion-Pro­dukt. Farb­lich folgt es Trends. Ak­tu­el­le, di­gi­ta­le Bil­der­wel­ten, ei­ne be­ar­bei­te­te oder vir­tu­el­le Rea­li­tät spie­geln sich im wand­lungs­fä­hi­gen Klas­si­ker. Die For­men der Kom­mu­ni­ka­ti­on auf der „Lein­wand“T-Shirt ha­ben sich ver­viel­fäl­tigt. Je nach Aus­füh­rung oder Ha­bi­tus des Trä­gers oder der Trä­ge­rin kommt es im­mer noch hemds­är­me­lig oder pro­vo­kant da­her. Aber es kann auch ex­trem cle­an, pu­ris­tisch wir­ken. Bei Päälä ist GOTS-zer­ti­fi­zier­te Baum­wol­le Aus­gangs­ma­te­ri­al für vie­le Shirts, sie ar­bei­ten zu­dem mit nach­hal­ti­gem Ten­cel oder Bam­bus-Vis­ko­se. Phil & Lui nut­zen die lang­fa­se­ri­ge Pi­ma-Baum­wol­le. „Die ist sehr weich, wir woll­ten die­sen sof­ten Griff“, sagt Ca­ro­li­ne Lui­sa Klein.

Ex­pe­ri­men­te mit dem Klas­si­ker

Das Ber­li­ner La­bel „Kol­la­te­ral­scha­den“ver­ar­bei­tet eben­falls GOTS-zer­ti­fi­zier­te Baum­wol­le. Al­ler­dings ha­ben die bei­den Köp­fe hin­ter dem La­bel, der De­si­gner Phil­ip­pe Wer­hahn und der Sti­list Den­nis Pahl, neue For­men um das Shirt her­um ent­wi­ckelt: Das Kleid im Shirt zum Bei­spiel und um­ge­kehrt. Funk­ti­on, Nach­hal­tig­keit, De­sign: Ganz selbst­ver­ständ­lich baut die Ar­beit ei­nes Teils der jun­gen Krea­ti­ven auf die­sen Prin­zi­pi­en auf. „Wir wol­len das Au­ge und Be­wusst­sein schär­fen“, sagt Phil­ip­pe Wer­hahn. Der Mo­de­de­si­gner, der in Mai­land stu­diert hat, hat mit Up­cy­cling be­gon­nen. Für sein Ex­amen muss­te er ei­nen Pro­to­typ ent­wi­ckeln. Nach und nach ent­stan­den ex­pe­ri­men­tell Mul­ti­funk­ti­ons­shirt und Kleid, ein Hoo­dy, mit und oh­ne Är­mel, der Roll­kra­gen. Die Län­ge der Är­mel wird in­di­vi­du­ell an­ge­passt. „Lang­le­big­keit ist für uns wich­tig“, sagt Phil­ip­pe Wer­hahn. „Gleich­zei­tig wol­len wir ein kna­cki­ges, se­xy Teil ma­chen“. Nach wie vor en­ga­giert sich der Wahl-Ber­li­ner in In­di­en. Dort herr­schen in der Tex­til­in­dus­trie ähn­li­che Ar­beits­be­din­gun­gen wie in Ban­gla­desch. In Pu­ne gibt der De­si­gner ein­mal im Jahr Work­shops für Frau­en. „Up­cy­cling ist das The­ma und wie man selbst­stän­dig ar­bei­ten kann“, sagt der De­si­gner. Mit Li­fe­style-Ge­schich­ten und Bild­stre­cken lädt Ca­ro­li­ne Lui­sa Klein ihr La­bel emo­tio­nal auf. Päälä und Kol­la­te­ral­scha­den üben sich in kühl­gra­fi­scher Zu­rück­hal­tung. Für das Ber­li­ner La­bel lässt der Sti­list und Künst­ler Den­nis Pahl zwei klei­ne, ko­misch-ge­rupf­te Mi­sch­we­sen über die Tex­ti­li­en kol­lern. Päälä bringt die ei­ge­nen Wur­zeln in der frei­en künst­le­ri­schen Ar­beit mit ei­nem or­dent­lich ge­schrumpf­ten, Pferd auf den Punkt. Die Fan­ta­sie ex­plo­diert: Pip­pi Langs­trumpfs Klei­ner On­kel? Ein Schim­mel, schwarz ge­spren­kelt taucht un­ter dem Schrift­zug des Un­ter­neh­mens auf. „Päälä heißt, ge­nau ge­nom­men, nichts wirk­lich“, sagt Harm Jan Tim­mera­rends, er lacht, „aber das Wort klingt ein­fach schön.“

Foto/Mo­del­le: Kol­la­te­ral­scha­den

Foto/Mo­dell: päälä

Mo­del­le: Phil & Lui / Foto: Kat­ja­na Frisch

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