Fluch und Se­gen zugleich

Ge­rüch­te, So­li­da­ri­tät und ei­ne per­fi­de Ein­la­dung: die Rol­le des In­ter­nets

Der Sonntag (Mittelbaden) - - AMOKLAUF IN MÜNCHEN - Jür­gen Pet­zold

Als Fluch und Se­gen zugleich hat sich das In­ter­net beim Amok­lauf in Mün­chen er­wie­sen: Die Po­li­zei hat­te ge­gen wil­de Spe­ku­la­tio­nen zum Tat­ge­sche­hen und das Hoch­la­den von Vi­de­os ge­kämpft. Zugleich schaff­te das Netz So­li­da­ri­tät und Hil­fe in ei­ner un­über­sicht­li­chen La­ge. Doch lei­der wuss­te wohl auch der 18-jäh­ri­ge To­des­schüt­ze das Netz für sich zu nut­zen. Die Po­li­zei setz­te am Frei­tag al­les dar­an, um mit dem Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter we­nigs­tens ein biss­chen Klar­heit in die chao­ti­sche

Auch die Po­li­zei nutz­te so­zia­le Me­di­en

Si­tua­ti­on zu be­kom­men. „Wir fahn­den mit Hoch­druck nach den Tä­tern“, twit­ter­ten die Ord­nungs­hü­ter und ap­pel­lier­ten an die Men­schen in der baye­ri­schen Lan­des­haupt­stadt: „Mei­det die Öf­fent­lich­keit“. Schließ­lich ging die Po­li­zei zu­nächst da­von aus, dass meh­re­re Tä­ter auf der Flucht sind. Und im­mer, wenn es et­was Kon­kre­tes zum Tat­ge­sche­hen gab, war die Po­li­zei bei Twit­ter schnell da­bei. In drei Spra­chen – Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch – twit­ter­te die Po­li­zei et­wa, als sich die Zahl der To­des­op­fer auf zu­nächst acht er­höh­te. Doch zugleich der fast schon ver­zwei­fel­te Ap­pell: „Hal­tet Euch mit Spe­ku­la­tio­nen und Dis­kus­sio­nen zu­rück!“Im Netz hat­ten schnell Ge­rüch­te die Run­de ge­macht, dass es auch an an­de­rer Stel­le in Mün­chen – et­wa am St­a­chus – Zwi­schen­fäl­le ge­ge­ben ha­be – was sich als falsch er­wies. Doch die größ­te Sor­ge der Po­li­zei wa­ren die Fotos und Vi­de­os, die Au­gen­zeu­gen des Ge- sche­hens ins Netz stell­ten. „Helft nicht den Tä­tern!“, lau­te­te der fle­hent­li­che Ap­pell des po­li­zei­li­chen Twit­ter-Teams. An­de­rer­seits woll­te die Po­li­zei kei­nes­wegs auf Auf­nah­men der Au­gen­zeu­gen ver­zich­ten, die für die Auf­klä­rung der Tat wert­voll sein könn­ten. Als be­son­ders nütz­lich er­wies sich das In­ter­net bei den Be­mü­hun­gen, ge­stran­de­ten Men­schen Hil­fe an­zu­bie­ten: „Of­fe­ne Tü­ren“wur­den bei Twit­ter und Face­book für je­ne an­ge­bo­ten, die in Mün­chen un­ter­wegs wa­ren und nicht mehr nach Hau­se konn­ten oder woll­ten. Selbst die Po­li­zei ließ im Rah­men die­ser Ak­ti­on rund 100 Men­schen vor­über­ge­hend in ih­re Räu­me. Und na­tür­lich kam per In­ter­net auch die An­teil­nah­me aus al­ler Welt nach Mün­chen: Un­ter den Hash­tags „prayf­or­ger­ma­ny“und „pray­for­mu­nich“pos­te­ten Men­schen aus al­ler Welt Sprü­che und Sym­bo­le – dar­un­ter ein schwarz-rot-gol­de­nes Emo­ti­con mit ei­ner di­cken Trä­ne im Ge­sicht. Doch auf be­son­ders ver­hee­ren­de Wei­se nutz­te mög­li­cher­wei­se auch der 18-jäh­ri­ge To­des­schüt­ze das Netz: Die Po­li­zei geht dem Ver­dacht nach, dass er ei­nen Face­book-Ac­count hack­te, um be­son­ders jun­ge Leu­te in die McDo­nalds-Fi­lia­le am Olym­pia-Ein­kaufs­zen­trum zu lo­cken. „Er wür­de da spen­die­ren was sie wol­len, aber nicht so teu­er“, be­schrieb der baye­ri­sche LKA-Prä­si­dent Ro­bert Heim­ber­ger die mut­maß­li­che Ein­la­dung des Amok­läu­fers im In­ter­net.

Un­ter den Hash­tags „prayf­or­ger­ma­ny“und „pray­for­mu­nich“be­kun­de­ten Men­schen aus al­ler Welt ih­re Trau­er und ihr Mit­ge­fühl. Zu den oft ver­wen­de­ten Sym­bo­len ge­hör­te das Emo­ti­con mit di­cker Trä­ne. Foto: AFP

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