Er­kämpf­te Er­in­ne­rung

Her­aus­for­de­rung für Ge­denk­stät­ten: Wahr­neh­mung der NS-Zeit ver­än­dert sich

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Die Wür­de soll­te ih­nen ge­nom­men, ihr Selbst­be­haup­tungs­wil­len ge­bro­chen wer­den. Die Fest­set­zung und Drang­sa­lie­rung von po­li­tisch und welt­an­schau­lich An­ders­den­ken­den wur­de öf­fent­lich in­sze­niert und pro­pa­gan­dis­tisch aus­ge­schlach­tet. Ein­ge­schüch­tert wer­den soll­ten auch ih­re An­ge­hö­ri­gen und Freun­de, Nach­barn und Kol­le­gen, je­der, der mit den Häft­lin­gen sym­pa­thi­sier­te oder Ver­hal­te ge­gen die neu­en Macht­ha­ber heg­te. In Kis­lau bei Bad Schön­born be­fand sich von 1933 bis 1939 ein frü­hes Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Jetzt ent­steht ein „Lern­ort“auf dem Are­al ne­ben dem his­to­ri­schen Ge­bäu­de­en­sem­ble, das heu­te der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Bruch­sal als Au­ßen­stel­le dient. In­iti­iert hat ihn der Karls­ru­her Ver­ein „Lern­ort Zi­vil­cou­ra­ge & Wi­der­stand“. Ei­ne Ste­le, die an die De­por­ta­ti­on süd­west­deut­scher Ju­den im Jahr 1940 er­in­nert, wur­de im Ok­to­ber ver­gan­ge­nen Jah­res beim Karls­ru­her Haupt­bahn­hof auf­ge­stellt. Seit Mai gibt es am Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT) ei­ne Ta­fel zum Ge­den­ken an die An­ge­hö­ri­gen der Tech­ni­schen Hoch­schu­le, die 1933 bis 1945 aus ras­sis­ti­schen oder po­li­ti­schen Grün­den vom Dienst ent­fernt oder

„Die Zahl der An­fra­gen ist ste­tig ge­stie­gen“

vom Stu­di­um aus­ge­schlos­sen wur­den, de­nen man aka­de­mi­sche Gra­de und Wür­den ent­zog. Seit 2011 wer­den in Karls­ru­he zur Er­in­ne­rung an die Op­fer na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ge­walt­herr­schaft „Stol­per­stei­ne“ver­legt – die nächste Ak­ti­on steht im Ok­to­ber an. Mehr als 71 Jah­re sind seit der be­din­gungs­lo­sen Ka­pi­tu­la­ti­on Deutsch­lands am 8. Mai 1945 ver­gan­gen, mit der der Zwei­te Welt­krieg und die NS-Herr­schaft en­de­ten. Doch die Ver­gan­gen­heit ist wei­ter prä­sent, ob­wohl die Nei­gung, „Gras über die Er­eig­nis­se“wach­sen zu las­sen, bei vie­len Men­schen über­mäch­tig war – und bei ei­ni­gen wohl auch künf­tig blei­ben wird. An­de­rer­seits scheint es, als ob durch die zeit­li­che Ent­fer­nung man­che Hem­mung, man­che Hür­de ge­fal­len ist. Es ent­ste­hen nicht nur neue Er­in­ne­rungs­or­te und Do­ku­men­ta­ti­ons­zen­tren – auch in man­chen Fa­mi­li­en wird lange Ver­gan­ge­nes jetzt zum The­ma. Da ist zum Bei­spiel Gra­fen­eck auf der Schwä­bi­schen Alb. Im Jahr 1940 ha­ben die dort 10 654 Be­hin­der­te und psy­chisch Kran­ke – dar­un­ter 4 500 Men­schen aus ba­di­schen Heil­an­stal­ten – sys­te­ma­tisch er­mor­det. „Je­de Wo­che wen­den sich Ver­wand­te an die Ge­denk­stät­te und su­chen um Aus­künf­te nach“, be­rich­tet Tho­mas Stöck­le: „Oft­mals steht Gra­fen­eck in den Op­f­er­fa­mi­li­en für ei­nen jahr­zehn­te­lang ver­dräng­ten und ta­bui­sier­ten Teil der Fa­mi­li­en­ge­schich­te. In den letz­ten zehn Jah­ren ist die Zahl der An­fra­gen ste­tig ge­stie­gen“. Stöck­le ist wis­sen­schaft­li­cher Lei­ter der Ge­denk­stät­te Gra­fen­eck und ei­ner der Her­aus­ge­ber des Bu­ches „Ent­rech­tet – ver­folgt – ver­nich­tet“. Der Band, der in den Schrif­ten zur po­li­ti­schen Lan­des­kun­de Ba­den-Würt­tem­bergs er­schie­nen ist, be­fasst sich mit der NS-Ge­schich­te und der Er­in­ne­rungs­kul­tur im deut­schen Süd­wes­ten. Es dau­er­te, so zei­gen die Bei­trä­ge in dem Band ein­drück­lich, in ei­ni­gen Be­rei­chen sehr lange, bis das Schick­sal der Op­fer na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ras­sen­po­li­tik und po­li­ti­scher Re­pres­si­on öf­fent­lich wahr­ge­nom­men wur­de. Oft wa­ren es die Op­fer selbst, ih­re An­ge­hö­ri­gen oder bür­ger­schaft­lich En­ga­gier­te, die ei­ne an­ge­mes­se­ne Er­in­ne­rung ge­gen zahl­rei­che Wi­der­sprü­che und Wi­der­stän­de re­gel­recht er­kämpf­ten. So blieb et­wa der Völ­ker­mord an den Sin­ti und Ro­ma über Jahr­zehn­te hin­weg vom öf­fent­li­chen Ge­den­ken aus­ge­schlos­sen, fand we­der ei­ne po­li­ti­sche noch ju­ris­ti­sche Au­f­ar­bei­tung. In dem Buch „Ent­rech­tet – ver­folgt – ver­nich­tet“wer­den üb­le Kon­ti­nui­tä­ten auf­ge­zeigt: Zur „Be­kämp­fung der Zi­geu­ner­pla­ge“hat­te man in Ba­den schon 1922 ei­ne Art Son­der­aus­wei­se für Sin­ti und Ro­ma ein­ge­führt. Sie ent­hiel­ten un­ter an­de­rem Fin­ger­ab­drü­cke der Men­schen – und die wur­den über­dies beim Lan­des­po­li­zei­amt zen­tral ge­sam­melt. Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten konn­ten spä­ter be­quem auf die­sen Da­ten-Pool zu­grei­fen. Und in der Nach­kriegs­zeit? In Ba­den-Würt­tem­berg wur­de 1953 ei­ne „Zen­tral­kar­tei zur Be­kämp­fung von Land­fah­rer­de­lik­ten“beim Kri­mi­nal­amt be­schlos­sen, in die – un­abNa­zis hän­gig von ei­nem kon­kre­ten Tat­ver­dacht – per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten von Sin­ti und Ro­ma ein­flos­sen. „Die staat­li­chen Akteure der jun­gen Bun­des­re­pu­blik ver­band ein tief ein­ge­wur­zel­ter Ras­sis­mus ge­gen Sin­ti und Ro­ma, der – im Ge­gen­satz zum An­ti­se­mi­tis­mus – trotz des de­mo­kra­ti­schen Neu­be­ginns kei­ne ge­sell­schaft­li­che Äch­tung er­fuhr, son­dern das Han­deln wei­ter­hin be­stimm­te“, ana­ly­siert Frank Reu­ter. Er ist wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter im Do­ku­men­ta­ti­ons­zen­trum Deut­scher Sin­ti und Ro­ma in Hei­del­berg, das seit 1997 die welt­weit ers­te Dau­er­aus­stel­lung zum na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Völ­ker­mord an die­ser Min­der­heit be­her­bergt. Rund 308 000 Men­schen ha­ben im ver­gan­gen Jahr Ge­denk- und Er­in­ne­rungs­stät­ten im deut­schen Süd­wes­ten be­sucht. Auf die­se Zahl kam die Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung (LpB) bei der Aus­wer­tung der Be­su­cher­sta­tis­tik, an der sich 62 Ge­denk­stät­ten und Ge­denk­stät­ten-Initia­ti­ven be­tei­lig­ten. Be­son­ders hob die LpB her­vor, dass es ge­lun­gen sei, mehr Kin­der und Ju­gend­li­che als in frü­he­ren Jah­ren mit den An­ge­bo­ten der meist eh­ren­amt­lich be­trie­be­nen Ge­denk- und Er­in­ne­rungs­or­te an­zu­spre­chen. Ge­den­ken im Wan­del: Bei jun­gen Leu­ten ist die Wahr­neh­mung der NS-Zeit ei­ne an­de­re als bei den Ge­ne­ra­tio­nen, die „nä­her“oder „ganz nah dran“wa­ren. So wei­sen auch die Her­aus­ge­ber von „Ent­rech­tet – ver­folgt – ver­nich­tet“dar­auf hin, dass sich an die schu­li­sche und au­ßer­schu­li­sche po­li­ti­sche Bil­dung vor dem Hintergrund ge­gen­wär­ti­ger Dik­ta­tu­ren und ak­tu­el­ler Ent­wick­lun­gen neue Her­aus­for­de­run­gen stel­len. Ge­denk­stät­ten kom­me es nicht auf an­ti­qua­ri­sche Er­in­ne­rung an, son­dern auf die Ver­ge­gen­wär­ti­gung je­nes Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruchs, der Aus­gangs­punkt der deut­schen Nach­kriegs­ge­schich­te war: Es ge­he um die Re­fle­xi­on von mensch­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen, von staat­li­chen Zie­len und von Ver­fas­sungs­nor­men. „In den Ge­denk­stät­ten“, so mei­nen Pe­ter Steinbach, Tho­mas Stöck­le, Sy­bil­le The­len und Rein­hold We­ber, die Her­aus­ge­ber des Bu­ches, „wird dem Be­su­cher be­wusst, wie fra­gil das Zu­sam­men­le­ben der Men­schen ist.“

Ju­gend­li­che set­zen sich mit den Eut­ha­na­sie-Mor­den der NS-Zeit aus­ein­an­der: In Gra­fen­eck im Kreis Reutlingen ha­ben Haupt­schü­ler im Jahr 2009 Holz­s­te­len mit 10 654 auf­ge­mal­ten li­la Kreu­zen er­rich­tet – sie er­in­nern an die 10 654 be­hin­der­ten und psy­chisch kran­ken Men­schen, die hier um­ge­bracht wur­den. Fo­to: Imago

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