Naht­lo­ser Strick ist ih­re Ma­sche

Iri­na Hee­mann be­wegt sich zwi­schen Trag­bar­keit und pu­rem Ex­pe­ri­ment

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Mode & Stil - Su­san­ne Forst

Ei­ne stren­ge Li­nie, Woll­wölk­chen und Vo­lu­mi­nö­ses, Duf­ti­ges und Opa­kes: Iri­na Hee­mann lässt sich kaum fest­le­gen. An der Wand hän­gen un­zäh­li­ge Pro­ben: Woll­ge­spins­te ver­duf­ten, Knos­pen sprin­gen auf, Pail­let­ten glit­zern und schim­mern, da­zwi­schen ein fi­li­gra­ner Schlauch. Ab und an wach­sen die Mus­ter in Erd­tö­nen, in Woll­weiß und schwarz, auch hier und da in star­ken Far­ben, ins Drei­di­men­sio­na­le, zu Skulp­tu­ra­lem. Iri­na Hee­mann ist Strick­de­si­gne­rin, und ex­tra­va­gan­te und be­gna­de­te (Hand-)Stri­cke­rin, die, ne­ben Kol­lek­tio­nen auch Büh­nen­kos­tü­me ent­wirft. „Ich ge­he im­mer vom Garn aus“, er­zählt Iri­na Hee­mann. Sie führt durch ihr Ate­lier in Inz­lin­gen in Süd­ba­den. Im Pro­fil zeigt sich trag­ba­re Kol­lek­ti­ons­wa­re. An der Wand hängt das schein­bar klas­si­sche Strick­stück, Ba­by­so­cke plus Jäck­chen in Woll­weiß. Ein an­de­rer Klei­der­stän­der birgt ih­re ex­pe­ri­men­tel­len Schät­ze: Pro­to­ty­pen, Stu­di­en­ar­bei­ten, ein flir­ren­des Mo­dell aus Me­tall­fä­den oder ein Sci­ence-Fic­tion taug­li­ches Ober­teil mit star­ken Schul­tern, ge­bro­chen durch er­di­ge Ar­me und kühl-ele­gant durch strah­len­des Blau und Gelb-Oran­ge. Hee­mann be­wegt sich zwi­schen Trag­bar­keit und pu­rem Struk­tur- und Ma­te­ri­al­ex­pe­ri­ment. Sie liebt die Ma­the­ma­tik. Für ih­re Ab­schluss­ar­beit an der Hoch­schu­le Lu­zern be­fass­te sich die Tex­til­de­si­gne­rin in­ten­siv mit Al­go­rith­men. Sie ent­lock­te und ent­lockt al­ten Hand­strick­ma­schi­nen und Na­deln Höchst­leis­tun­gen. Ob im raf­fi­nier­ten Neck­hol­derTop, das un­ter an­de­rem vom Kon­trast zwi­schen um­spie­len­dem Rü­cken und clea­nem Vor­der­teil lebt, oder im opu­len­ten, durch­aus ge­wich­ti­gen Ca­pe aus Hä­kel-Le­der­lo­cken, Hee­mann bän­digt und ent­fes­selt ihr Ma­te­ri­al mit ma­the­ma­ti­schen Struk­tu­ren. An der Hoch­schu­le in Lu­zern ent­wi­ckel­te Hee­mann ei­ne ih­rer Spe­zia­li­tä­ten – naht­lo­ses Stri­cken. Im Herbst soll ihr Buch da­zu her­aus kom­men. Ein hand­ge­strick­tes Neck­hol­derTop ge­hört zu den Mo­del­len. Es ist aus Sei­de und Yak. „Das ist ein wahn­sin­nig schö­nes Ma­te­ri­al. Ich ar­bei­te nur mit hoch­wer­ti­gen Na­tur­ma­te­ria­li­en“, sagt die Tex­til­de­si­gne­rin. Me­ri­no, Ba­by-Al­pa­ka oder Mo­hair mit Sei­de ge­ben dem ent­wi­ckel­ten Stück, ob Ja­cke, Pull­over oder Wes­te Ge­wicht oder ei­ne un­glaub­li­che, ir­re Leich­tig­keit. Ein Hauch, da­bei struk­tur­stark, sind auch ih­re – ge­hä­kel­ten – Strümp­fe. Die er­reg­ten in Köln im Mu­se­um für An­ge­wand­te Kunst noch vor der Er­öff­nung der Aus­stel­lung „Look Mo­de von A – Z“in der Iri­na Hee­mann mit ei­nem Out­fit ver­tre­ten war, Auf­se­hen. Vor al­lem Mäd­chen und jun­ge Frau­en be­geis­ter­ten sich für Hee­manns hand­ge­hä­kel­te Strümp­fe. „Das ist sehr schön“, Iri­na Hee­mann strahlt. „Ein Feh­ler!“Andrea hin­ge­gen ist rat­los. Ir­gend­et­was klemmt, hängt, streikt, läuft da­von. Im­mer mal wie­der an die­sem Vor­mit­tag. „Wun­der­bar, wenn die Feh­ler hier pas­sie­ren, dann kann ich zei­gen, woran es liegt“, sagt die Tex­til­de­si­gne­rin. Sie schiebt, zieht, lupft, prüft, er­klärt. Ih­re Be­geis­te­rung steckt an. Die bei­den Kurs­teil­neh­me­rin­nen fin­den Ge­schmack am Fa­den­sa­lat oder am plötz­li­chem Ru­ckeln der Hand­strick­ma­schi­ne. „Zu Hau­se wür­de ich dann da ste­hen und wüss­te nicht, was ich tun soll“, sagt Andrea. Rät­sel­haft: ein fluf­fi­ger Rock, der zugleich Stand hat. Im krea­ti­ven Pro­zess reizt Iri­na Hee­mann Hand­strick- und Hä­kel­tech­nik und die Mög­lich­kei­ten der Hand­strick­ma­schi­ne aus. Sie er­fin­det neue Vo­lu­men, For­men, Struk­tu­ren und ver­knüpft un­ter­schied­lichs­te Ma­te­ria­li­en. Be­su­cher im Ate­lier sind über­rascht. Sie ent­de­cken die krea­ti­ve Hand­schrift der De­si­gne­rin, die so gar nicht mit dem wohl­wol­lend-her­ab­las­sen­den Ur­teil zu­sam­men ge­hen will: „Ach ..., Sie stri­cken? So Pull­over und So­cken!?“. Vom Ex­pe­ri­ment und künst­le­ri­schen An­satz kehrt die gut ge­er­de­te De­si­gne­rin in ih­re Kur­se zu­rück. Klar struk­tu­riert führt sie An­fän­ge­rin­nen und Ge­üb­te an die Hand­strick­ma­schi­ne her­an oder in die Kür, auch in die Naht­los-Hand­strick­tech­nik ein. Ge­nau­so selbst­ver­ständ­lich, wie sie Bein­klei­der für Tän­zer des Bal­letts der Oper am Rhein in Düs­sel­dorf ent­wi­ckelt, für die Salz­bur­ger Fest­spie­le und für die Sankt Gal­le­ner oder Zü­ri­cher Oper ar­bei­tet. Am Ba­se­ler Thea­ter haust ein Mann in ei­nem knall­ro­ten Schlauch­kleid, halb Schutz­hül­le, halb Zwangs­ja­cke, die aus Hee­manns Ma­schen ent­stan­den ist. Mit ih­ren fi­li­gran-geo­me­tri­schen, den vo­lu­mi­nö­sen oder opa­ken Mo­del­len setzt Iri­na Hee­mann Maß­stä­be. Sie ent­wirft und pro­du­ziert Mo­del­le für Garn­her­stel­ler, wie Li­on Brand Yarns in New York und für eu­ro­päi­sche Her­stel­ler und Ma­ga­zi­ne. Für die Nach­st­rick­mo­del­le oder ih­re trag­ba­re Kol­lek­ti­on nimmt die De­si­gne­rin ih­re au­ßer­ge­wöhn­li­che Hand­schrift zu­rück. Mit­un­ter erst auf den zwei­ten Blick, of­fen­ba­ren sich dann in Mus­ter, Form oder Griff Raf­fi­nes­se und Pu­ris­mus ih­rer Ar­beit. Iri­na Hee­mann spielt mit tra­di­tio­nel­lem Hand­werk. Sie reizt die Tech­nik aus, sie lässt ih­rer Ex­pe­ri­men­tier­lust frei­en Lauf. Das Er­geb­nis ist cle­an, mit ei­nem un­or­tho­do­xen Twist, es ist so­phis­ti­ca­ted oder – un­trag­bar, kunst­voll, ex­tra­va­gant. Fest­le­gen lässt sich Iri­na Hee­mann nicht.

Lu­xu­riö­se Leicht­ge­wich­te: Die hand­ge­hä­kel­ten Strümp­fe aus Sei­de und Mo­hair sind ech­te Hin­gu­cker. Fo­to: © Iri­na Hee­mann

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