Auf nach Rio

Ei­ne Ber­li­ne­rin star­tet im Ma­ra­thon für Pa­läs­ti­na

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Tan­ja Ka­sisch­ke

Am Frei­tag wer­den in Bra­si­li­en die Olym­pi­schen Spie­le er­öff­net. Bis 21. Au­gust kämp­fen Sport­le­rin­nen und Sport­ler um Me­dail­len, Best­zei­ten und per­sön­li­che Er­fol­ge. Für Ma­ya­da Al-Sa­yad ist es die ers­te Olym­pia­teil­nah­me. Auch wenn sie sich kei­ne Me­dail­le aus­rech­net, be­schert die Ber­li­ne­rin dem Land, für das sie an­tritt, ei­ne Sen­sa­ti­on. Im Ara­bi­schen be­deu­tet Ma­ya­das Fa­mi­li­en­na­me Al-Sa­yad „Jä­ge­rin“. Jetzt macht sich die 23-Jäh­ri­ge auf die Jagd nach ei­ner Best­zeit bei Olym­pia. Bis zur Er­öff­nung der Spie­le sind es noch fünf Tage. Da­mit die Sport­le­rin beim Trai­ning mit der Zeit­ver­schie­bung und dem Kli­ma in der Olym­pia­stadt Rio de Janei­ro klar­kommt, fliegt sie frü­her hin. Sie­ben St­un­den lie­gen zwi­schen Deutsch­land und Bra­si­li­en. Wenn Ma­ya­da am 14. Au­gust um 9.30 Uhr Orts­zeit als Ma­ra­thon­läu­fe­rin an den Start geht, ist es in ih­rer Hei­mat­stadt Ber­lin 14.30 Uhr. Ma­ya­das El­tern wer­den dann früh auf­ste­hen und live die Dau­men drü­cken, ih­re Zwil­lings­schwes­ter kann aus­schla­fen, ehe sie nach­mit­tags den Fern­seh­ap­pa­rat ein­schal­tet und mit­fie­bert. Zu­vor war­tet noch ein span­nen­der Mo­ment auf Ma­ya­da. Bei der Er­öff­nungs­fei­er darf sie die Fah­ne ih­res Lan­des ins Sta­di­on tra­gen, schwarz-weiß-grün-ge­streift mit ei­nem ro­ten Drei­eck am lin­ken Rand. Ma­ya­da ver­tritt Pa­läs­ti­na in Rio de Janei­ro. Weil sie ei­ne deut­sche Mut­ter und ei­nen pa­läs­ti­nen­si­schen Va­ter hat, be­sitzt sie bei­de Staats­bür­ger­schaf­ten, zwei Päs­se, und sie hat es ge­schafft, als ers­te Sport­le­rin Pa­läs­ti­nas über­haupt die Olym­pia-Norm zu er­fül­len. Das be­deu­tet, sie hat sich of­fi­zi­ell qua­li­fi­ziert, um an den Spie­len in Rio de Janei­ro teil­zu­neh­men. Dass Ma­ya­da Pa­läs­ti­na nur von Be­su­chen bei den Groß­el­tern kennt und Ara­bisch mit deut­schem Ak­zent spricht, stört nie­man­den. Zur pa­läs­ti­nen­si­schen Olym­pia-“Mann­schaft“zäh­len auch ein Ju­do-Kämp­fer und ein Rei­ter, bei­de sind Leip­zi­ger. „Seit Wo­chen lö­chern mich al­le mit der Fra­ge, wann sie den Fern­se­her ein­schal­ten sol­len“, schwärmt die Ath­le­tin la­chend von ih­ren Freun­den. Ma­ya­da, die al­le „Ma­ya“nen­nen, ist ein Pro­mi ge­wor­den. Wenn an­de­re ins Ki­no ge­hen, trai­niert sie lie­ber. „Wer sich für Leis­tungs­sport ent­schei­det, weiß, dass er zu­rück­ste­cken muss“, er­klärt die jun­ge Frau. Das wür­digt auch ih­re Fa­mi­lie - al­le ste­hen hin­ter Ma­ya. „Mei­ne Ma­ma kommt aus Thü­rin­gen und ist frü­her Bob ge­fah­ren. Aber das ist lange her“, ver­rät die Toch­ter. „Mein Va­ter hat noch nie Sport ge­macht.“Olym­pia ver­folgt er als Fan. „Nur mei­ne Mut­ter freut sich noch mehr, wenn ich ins Ziel kom­me. Sie hat so­gar schon da­von ge­träumt.“Bis­her muss­te Ma­ya noch bei kei­nem Ma­ra­thon auf­ge­ben, ein gu­tes Zei­chen. Auch bei­den Leicht­ath­le­ti­kWelt­meis­ter­schaf­ten vo­ri­ges Jahr in Chi­na ist sie ge­star­tet, ihr bis­her größ­ter Wett­kampf. „In der Nacht vor dem Ma­ra­thon konn­te ich vor Auf­re­gung nicht schla­fen. Mei­ne El­tern wa­ren aber noch auf­ge­reg­ter als ich.“So sei das jetzt wie­der. In Rio de Janei­ro wird Ma­ya­da Al-Sa­yad wie al­le Sport­ler im Olym­pi­schen Dorf woh­nen. Wenn sie nicht trai­niert, „will ich mir an­de­re Wett­kämp­fe an­se­hen, Reiten zum Bei­spiel. Ich mag Pfer­de und fin­de es stark, wie gut die Rei­ter mit den Tie­ren klar­kom­men.“An­ders als bei den Leicht­ath­le­ten hän­ge der Er­folg ei­nes Rei­ters von sei­nem vier­bei­ni­gen „Sport­ge­rät“ab. „Ich fin­de, dass je­der Sport­ler für sich ein Vor­bild ist.“Dass die Jün­ge­ren in ih­rem Ber­li­ner Sport­ver­ein sie an­him­meln und so­gar Au­to­gram­me woll­ten, stört Ma­ya über­haupt nicht. Sie freut sich, wenn ihr Sport an Auf­merk­sam­keit ge­winnt. Das gilt auch für das Land Pa­läs­ti­na, das in den Nach­rich­ten meist we­gen des Kon­flikts mit Is­ra­el auf­taucht. Oder im Zu­sam­men­hang mit Ter­ro­ris­mus ge­nannt wird. „Pa­läs­ti­na braucht gu­te Nach­rich­ten“, fin­det Ma­ya­da. „In­dem ich bei Olym­pia lau­fe, will ich au­ßer­dem jun­ge Frau­en in Pa­läs­ti­na be­geis­tern, Sport zu trei­ben. Das macht selbst­be­wusst.“Denn in dem ara­bi­schen Land wird von Frau­en und Mäd­chen mehr Zu­rück­hal­tung er­war­tet als von Jun­gen und Män­nern. Die Ein­stel­lung drückt sich so­gar in Ma­yas Wett­kampf­klei­dung für Bra­si­li­en aus: Statt ei­nes är­mel­lo­sen, bauch­frei­en Tops wie die an­de­ren Ath­le­tin­nen, trägt sie ein Lang­arms­hirt. Ein Kopf­tuch brau­che sie aber nicht, „ich lau­fe nie mit Kopf­tuch rum“. Mit Ba­se­cap und Son­nen­bril­le geht die Ber­li­ne­rin in Rio an den Start und hofft „auf ei­ne per­sön­li­che Best­zeit von zwei St­un­den und 38 Mi­nu­ten. Da­mit lie­ge ich im Mit­tel­feld der Ma­ra­thon­läu­fe­rin­nen.“Dort wird Ma­ya­da Al-Sa­yad auf die Gen­gen­ba­cher Zwil­lin­ge An­na und Li­sa Hah­ner tref­fen, die für Deutsch­land lau­fen. Oder auf die est­ni­schen Dril­lings-Schwes­tern Lei­la, Li­na und Li­ly Luik. Auch sie sind Langstre­cken­läu­fe­rin­nen. So hat Ma­ya einst ge­mein­sam mit ih­rer Zwil­lings­schwes­ter Mi­ri­am das Lau­fen an­ge­fan­gen. Doch nur sie blieb da­bei.

Fo­to: Imago

Ma­ya­da Al-Sa­yad in Ak­ti­on: Erst seit 1996 neh­men pa­läs­ti­nen­si­sche Sport­ler an Olym­pi­schen Spie­len teil. Es geht ih­nen nicht um Me­dail­len. Sie wol­len der Welt zu zei­gen, dass Pa­läs­ti­na exis­tiert.

Fo­to: Ka­sisch­ke

Ma­ya­da hat ei­ne deut­sche Mut­ter und ei­nen pa­läs­ti­nen­si­schen Va­ter. Mit der Teil­nah­me an den Olym­pi­schen Spie­len geht für die 23-Jäh­ri­ge ein Traum in Er­fül­lung.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.