Im­pro­vi­sa­ti­on ist Trumpf in Rio

Nicht nur die Me­tro macht Sor­gen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sport - Pe­ter Tre­bing

Ein Ge­win­ner der Olym­pi­schen Spie­le steht schon fest: Die bra­si­lia­ni­sche Bau­in­dus­trie. Wur­den schon für Fuß­ball­Welt­meis­ter­schaft 2014 rie­si­ge Sum­men in neue Sta­di­en in­ves­tiert, so flos­sen für die Olym­pi­schen Spie­le er­neut Mil­li­ar­den aus den öf­fent­li­chen Haus­hal­ten auf die Kon­ten der Un­ter­neh­men, die für die Er­rich­tung neu­er Sport­stät­ten, des olym­pi­schen Dor­fes, der In­fra­struk­tur oder der Säu­be­rung der Kloa­ken rund um Rio zu­stän­dig sind. Das Bei­spiel Guana­ba­ra-Bucht zeigt aber, wie weit An­spruch und Wirk­lich­keit hier aus­ein­an­der­klaf­fen. Dort wer­den un­ter an­de­rem die Seg­ler ih­re Wett­kämp­fe aus­tra­gen. Als Rio 2009 den Zu­schlag für die Olym­pi­schen Spie­le be­kam, wa­ren die mas­si­ven Pro­ble­me dort be­kannt, doch die Or­ga­ni­sa­to­ren ge­lob­ten Bes­se­rung. Die Fak­ten be­sa­gen aber

Vie­le Pro­ble­me für die Olym­pia-Or­ga­ni­sa­to­ren

ge­nau das Ge­gen­teil. „Pro Se­kun­de (!) flie­ßen rund 18 000 Li­ter un­ge­klär­tes Was­ser in die Bucht“, be­haup­tet Da­wid Bar­telt, Lei­ter des Bü­ros der Hein­rich-Böll-Stif­tung in Rio. Den Kampf ge­gen Müll, Bak­te­ri­en und Vi­ren im Was­ser hat man in Rio längst auf­ge­ge­ben. Man kon­zen­triert sich dar­auf, we­nigs­ten die Stel­len der Bucht sau­ber zu hal­ten, auf de­nen die Olym­pia-Wett­be­wer­be statt­fin­den. Bei­spiel olym­pi­sches Dorf. Als die Aus­tra­li­er sich vor we­ni­gen Ta­gen wei­ger­ten, in die An­la­ge ein­zu­zie­hen, da rück­ten die Bau­ten wie­der ein­mal in den Fo­kus der Öf­fent­lich­keit. We­gen not­wen­di­ger Spar­maß­nah­men wa­ren schon die Ein­rich­tun­gen der Zim­mer auf den Mi­ni­mal­stan­dard re­du­ziert wor­den, doch als die Aus­tra­li­er ka­men, gab es auch noch Bau­män­gel über Bau­män­gel. Toi­let­ten funk­tio­nier­ten nicht, der Dreck sta­pel­te sich auf den Gän­gen und in den Ap­par­te­ments, die die­sen Na­men ei­gent­lich nicht ver­die­nen. Mit ei­nem No­t­e­in­satz von mehr als 500 Hand­wer­kern und Rei­ni­gungs­kräf­ten wur­den die Un­ter­künf­te für die rund 10 000 er­war­te­ten Ath­le­tin­nen und Ath­le­ten in ei­nen ak­zep­ta­blen Zu­stand ge­bracht. Die deut­sche De­le­ga­ti­on hat­te wie et­li­che an­de­re Teil­neh­mer­na­tio­nen so­gar schon Tage vor der An­kunft ei­ge­ne Hand­wer­ker nach Rio ge­schickt, weil die un­halt­ba­ren Zu­stän­de be­kannt wa­ren. Die 31 Hoch­hau­stür­me je­den­falls sind nur be­dingt olym­pia­reif. Wie et­wa die Ge­wäs­ser, in de­nen die Seg­ler, Frei­was­ser­schwim­mer, Ka­nu­ten und Ru­de­rer um ih­re Me­dail­len kämp­fen. Ge­baut wur­de die An­la­ge „Il­ha Pu­ra“(„Rei­ne In­sel“) vom Mil­li­ar­där Car­los Car­val­ho in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Bau­kon­zern Ode­brecht, der schon in ei­nen ge­wal­ti­gen Kor­rup­ti­ons­skan­dal ver­strickt war. Nach den Olym­pi­schen Spie­len be­kom­men die Bau­her­ren die Hoch­häu­ser zu­rück und wol­len die der­zeit spar­ta­nisch ein­ge­rich­te­ten Un­ter­künf­te auf­mot­zen, um sie mit ho­hem Ge­winn zu ver­kau­fen. Was für ein Zu­fall, dass der be­reits 91-jäh­ri­ge Car­val­ho 2012 ei­ne üp­pi­ge Spen­de leis­te­te, um den Wahl­kampf von Ri­os Bür­ger­meis­ter Edu­ar­do Pa­es zu un­ter­stüt­zen. Nach des­sen Wie­der­wahl wur­den die Bau­vor­schrif­ten ge­än­dert und die Hoch­häu­ser im olym­pi­schen Dorf durf­ten da­nach auf 17 Eta­gen auf­ge­stockt wer­den. Bei­spiel Me­tro. Das Nah­ver­kehrs­pro­jekt kos­tet rund 2,5 Mil­li­ar­den Eu­ro. Und die Fer­tig­stel­lung ist ein Wett­lauf mit der Zeit. Bis zur Er­öff­nungs­fei­er soll die Me­tro fer­tig sein – noch ein Ver­spre­chen der Rio-Or­ga­ni­sa­to­ren, von dem sie nicht wis­sen, ob sie es hal­ten kön­nen. Ab 1. Au­gust, al­so mor­gen, sol­len die ers­ten Bah­nen rol­len. Doch selbst wenn die Er­öff­nung der Me­tro klappt, bleibt die Fra­ge: Funk­tio­niert sie auch? Nach den Olym­pi­schen Spie­len soll sie im Be­trieb blei­ben – aber nur für vier St­un­den täg­lich. Bei­spiel Sport­stät­ten: Die sol­len recht­zei­tig fer­tig ge­wor­den sein. Fer­tig für ein rau­schen­des Fest der Sport­ler, ob­wohl in den Are­nen an­geb­lich vie­le Din­ge im­pro­vi­siert wir­ken. Egal – Haupt­sa­che al­les funk­tio­niert ir­gend­wie. Hof­fent­lich!

Fo­to: avs

In der „Are­na do Fu­turo“wird das Hand­ball-Tur­nier aus­ge­tra­gen. Die Sport­hal­le mit Platz für 12 000 Zu­schau­er soll nach Olym­pia in vier öf­fent­li­che Schu­len um­ge­baut wer­den.

Fo­to: avs

Skan­dal­pro­jekt: Erst nach dem Not­fal­l­ein­satz von Hun­der­ten Hand­wer­kern und Rei­ni­gungs­kräf­ten in den ver­gan­ge­nen Ta­gen war das olym­pi­sche Dorf end­lich be­zugs­fer­tig.

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