„Ziel­vor­ga­be“ist ge­stri­chen

Die deut­schen Olym­pia­teil­neh­mer ha­ben deut­lich we­ni­ger Druck

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sport - Pe­ter Tre­bing

Groß­ar­tig – Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re hat end­lich mal ein Si­gnal an die deut­schen Olym­pia-Teil­neh­mer ge­sen­det, dass je­de Men­ge Druck von ih­nen nimmt: „Was die­se Spie­le an­geht, gibt es von mir kei­ne Ziel­vor­ga­ben.“Das klingt gut, hat aber si­cher in ers­ter Li­nie da­mit zu tun, dass bei ver­gan­ge­nen Olym­pi­schen Spie­len die (viel zu) op­ti­mis­ti­schen Ziel­vor­ga­ben der deut­schen Sport­funk­tio­nä­re und die tat­säch­li­chen Me­dail­len­aus­beu­ten oft sehr weit aus­ein­an­der­la­gen. Dies­mal ver­sucht man es mit et­was mehr Be­schei­den­heit und be­teu­ert zu­min­dest of­fi­zi­ell, dass der Me­dail­len­spie­gel für Rio nicht der al­lei­ni­ge Maß­stab ist. Da­bei ist rea­lis­tisch be­trach­tet, dies­mal ei­ne ähn­li­che Bi­lanz wie bei Olym­pia 2012 durch­aus zu er­rei­chen. In Groß­bri­tan­ni­en wa­ren es 44 Me­dail­len, das ist auch dies­mal wie­der drin. Bei­spiels­wei­se we­gen der Mann­schafts­sport­ar­ten. „Wir wol­len um die Me­dail­len mit­spie­len“, bringt Mo­ritz Fürs­te, Ka­pi­tän der deut­schen Ho­ckey­mann­schaft, das Ziel auf den Punkt. Und auch die deut­schen Fuß­bal­le­rin­nen wür­den ih­rer Trai­ne­rin Sil­via Neid si­cher ger­ne zum Ab­schied noch olym­pi­sches Edel­me­tall be­sche­ren. Nicht zu ver­ges­sen die EMHel­den von Bun­des­trai­ner Da­gur Si­gurds­son. Die Hand­bal­ler um Ka­pi­tän Uwe Gens­hei­mer ha­ben ih­re Best­form zwar noch er­reicht, doch „auf dem Schirm“muss man das Team trotz­dem ha­ben. Bleibt noch die Fra­ge, wie gut die Man­nen von Horst Hru­besch sind. Der muss­te bei der Zu­sam­men­stel­lung sei­nes Ka­ders sehr vie­le Kom­pro­mis­se ein­ge­hen und mäch­tig im­pro­vi­sie­ren, doch für ei­ne Über­ra­schung sind Welt­meis­ter Mat­thi­as Gin­ter und Co si­cher im­mer gut. Nicht zu ver­ges­sen sind na­tür­lich die üb­li­chen „Ver­däch­ti­gen“: Ka­nu­ten, Rad­sport­ler, Rei­ter oder die Ru­de­rer sind fast Ga­ran­ten für Edel­me­tall. In Lon­don gin­gen 2012 acht von elf Gold­me­dail­len auf ihr Kon­to. Ins­ge­samt hol­te die­ses Sport­ar­ten-Quar­tett vor vier Jah­ren 21 Me­dail­len, al­so fast die Hälf­te der deut­schen Ge­samt­aus­beu­te. Doch auch im Ten­nis (An­ge­li­que Ker­ber), im Golf (Mar­tin Kay­mer) oder bei den Rin­gern (Frank Stäb­ler) hat man hei­ße Ei­sen im Feu­er. Und bei den Leicht­ath­le­ten sind es ein­mal mehr die Wer­fer, die man ziem­lich weit vor­ne er­war­tet: Da­vid Storl (Ku­gel­sto­ßen), Ro­bert Har­ting (Dis­kus), Christina Schwa­nitz (Ku­gel­sto­ßen), das Speer­wer­fe­rin­nen-Trio Christina Obergföll, Chris­tin Hus­song und

Auf den Ka­nu­ten ru­hen sehr vie­le Hoff­nun­gen Die Wer­fer wer­den weit vor­ne er­war­tet

Lin­da Stahl so­wie ihr männ­li­ches Pen­dant Tho­mas Röh­ler – sie al­le sind Me­dail­len­kan­di­da­ten. Doch da­mit nicht ge­nug. Eu­ro­pa­meis­te­rin Cin­dy Ro­le­der (100 Me­ter Hür­den) und Eu­ro­pa­meis­ter Max Hess (Drei­sprung) schei­nen auch gut ge­rüs­tet zu sein für Rio. Vor vier Jah­ren hol­ten die Leicht­ath­le­ten acht Olym­pia-Me­dail­len – in ähn­li­chen Di­men­sio­nen kal­ku­liert man auch dies­mal beim DLV (Deut­scher Leicht­ath­le­tik-Ver­band). Deut­lich ge­rin­ger sind die Er­war­tun­gen bei den Schwim­mern, doch zu­min­dest Welt­meis­ter Mar­co Koch scheint über 200 Me­ter Brust für ei­nen Po­dest­platz gut zu sein. Da­für wer­den aber in je­dem Fall die Me­dail­len von Frei­was­ser-Iko­ne Tho­mas Lurz feh­len, der sei­ne Kar­rie­re ja in­zwi­schen be­en­det hat. Auch in Sport­ar­ten, die sonst sel­ten im Fo­kus ste­hen, gibt es durch­aus deut­sche Teil­neh­mer, die hof­fen las­sen: Welt­meis­te­rin Li­sa Un­ruh (Bo­gen­schie­ßen), Christian Reitz und Oli­ver Geis (Schnell­feu­er­pis­to­le) und APBWelt­meis­ter Ar­tem Ha­ru­ty­un­yan (Bo­xen) könn­ten die ei­ne oder an­de­re Über­ra­schungs-Me­dail­le bei­steu­ern. Im Tisch­ten­nis ge­hö­ren die As­se Di­mi­trij Ovt­cha­rov und Ti­mo Boll zur Welt­klas­se, im Beach­vol­ley­ball hat das Duo Lau­ra Ludwig und Ki­ra Wal­ken­horst das Po­ten­zi­al, in die gro­ßen Fuß­stap­fen von Ju­li­us Brink/Jo­nas Re­cker­mann zu tre­ten, die in Lon­don 2012 Gold hol­ten und für gro­ße Be­geis­te­rung in Deutsch­land für ei­ne bis da­to doch recht exo­tisch an­mu­ten­de Dis­zi­plin sorg­ten. Auch die Seg­ler, Tae­kwon­do-Kämp­fer, Ju­do­kas und Fech­ter (bei­spiels­wei­se Flo­rett-Welt­meis­ter Pe­ter Jop­pich) fah­ren ganz si­cher nicht als Olym­pia-Tou­ris­ten nach Rio. Denn auch wenn der Me­dail­len­druck laut Bun­des­in­nen­mi­nis­ter de Mai­ziè­re of­fi­zi­ell ja nicht exis­tiert – ehr­gei­zig und er­folgs­hung­rig sind sie trotz­dem al­le, die deut­schen Sport­ler, die zum Teil lange um ih­re No­mi­nie­rung für Rio kämp­fen muss­ten.

Fo­to: avs

Ka­pi­tän Mo­ritz Fürs­te will mit dem deut­schen Ho­ckey-Team in Rio um die Me­dail­len kämp­fen. Auch die Fuß­bal­le­rin­nen und die Hand­ball-Eu­ro­pa­meis­ter sind in den Team­sport­ar­ten Mit­fa­vo­ri­ten.

Fo­to: avs

Gold-Kan­di­da­tin: An­ge­li­que Ker­ber ist im Ten­nis ei­ne Me­dail­len­kan­di­da­tin.

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