Sport­kom­men­tar

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sport - Pe­ter Tre­bing

„Er­neue­rer“Bach steht am Pran­ger

Zu­ge­ge­ben, die Wort­wahl von Ro­bert Har­ting war def­tig. Doch da­für ist der Hü­ne be­kannt. Er sagt deut­lich, was er denkt – manch­mal eben auch oh­ne Rück­sicht auf Ver­lus­te. Und da der von ihm ver­bal at­ta­ckier­te IOC-Prä­si­dent Tho­mas Bach nach der Har­ting-Schel­te von ei­ner „nicht ak­zep­ta­blen Ent­glei­sung“sprach, darf man da­von aus­ge­hen, dass der Ath­let und der Funk­tio­när wohl nicht mehr ziem­lich bes­te Freun­de wer­den. An­ders sieht dies bei der Kom­bi­na­ti­on Wla­di­mir Pu­tin und Tho­mas Bach aus – die­se bei­den mäch­ti­gen Män­ner schei­nen sich sehr zu schät­zen. Und für vie­le Bach-Kri­ti­ker ist die­se of­fen­sicht­lich ge­gen­sei­ti­ge Sym­pa­thie auf per­sön­li­cher Ebe­ne mit ein Grund da­für, dass das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee (IOC) ge­gen­über Russ­land so viel Mil­de zeigt. Nach dem spek­ta­ku­lä­ren Wada-Be­richt zum Staats­do­ping im Pu­tin-Reich schien für al­le Ex­per­ten klar, dass nach dem Aus­schluss der rus­si­schen Leicht­ath­le­ten für Olym­pia 2016 in Rio die kom­plet­te Su­s­pen­die­rung des rus­si­schen Olym­pia-Auf­ge­bots die lo­gi­sche Kon­se­quenz wä­re. Doch beim IOC zier­te man sich, ei­ner Kon­fron­ta­ti­on mit Russ­land woll­te der Ver­band wohl un­be­dingt aus dem Weg ge­hen. Man traf ei­ne merk­wür­di­ge Ent­schei­dung, die da­für sorg­te, dass zu­min­dest ein gro­ßer Teil des rus­si­schen Olym­pia­Teams die Rei­se nach Rio an­tre­ten kann. Für vie­le ein Skan­dal, für an­de­re ein po­li­ti­scher Kom­pro­miss, der ein­zig und al­lei­ne zur Scha­dens­be­gren­zung die­nen soll. Und man­che ver­mu­ten da­hin­ter schlicht und er­grei­fend ei­nen Freund­schafts­dienst von IOC-Prä­si­dent Bach für sei­nen Spe­zi Pu­tin. Ju­rist Bach lie­fer­te zu­min­dest aus sei­ner Sicht ein­leuch­ten­de Er­klä­run­gen für den IOC-Ent­scheid – ei­ne Kol­lek­tiv­be­stra­fung müs­se zu­rück­ste­hen, wenn es im rus­si­schen Auf­ge­bot ge­nug sau­be­re Sport­ler gibt, de­ren Be­stra­fung un­ge­recht wä­re. So un­ge­fähr kann man den IOC-Be­schluss in­ter­pre­tie­ren. Dass da­für in Kauf ge­nom­men wird, dass in Rio vie­le nicht ge­dop­te Sport­ler ge­gen rus­si­sche Ath­le­ten an­tre­ten müs­sen, die sich durch Ma­ni­pu­la­tio­nen un­er­laub­te Vor­tei­le ver­schafft ha­ben, ist die Kehr­sei­te der (Oly­mia)-Me­dail­le. Und der Hö­he­punkt: Aus­ge­rech­net Yu­liya Ste­pa­no­va, qua­si die Kron­zeu­gin der Do­ping-Fahn­der, oh­ne die es gar kei­nen Ein­blick in die il­le­ga­len rus­si­schen Prak­ti­ken ge­ge­ben hät­te, er­füllt die ethi­schen Vor­aus­set­zun­gen für ei­nen Start in Rio nicht – das ist skan­da­lös. Das IOC war schon vor der Prä­si­dent­schaft von Bach ein un­durch­sich­ti­ger „Club“, doch auch mit dem ver­meint­li­chen Re­for­mer Bach ist of­fen­bar kei­ne Bes­se­rung in Sicht.

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