Par­ty, Pomp und Pfif­fe

Far­ben­fro­he Er­öff­nung der Olym­pi­schen Som­mer­spie­le in Rio

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - AFP

Über­schat­tet von Pro­tes­ten und der po­li­ti­schen Kri­se in Bra­si­li­en sind die Olym­pi­schen Som­mer­spie­le in Rio de Ja­nei­ro mit ei­ner far­ben­fro­hen und pom­pö­sen Ze­re­mo­nie er­öff­net wor­den. Als der bra­si­lia­ni­sche In­te­rims­prä­si­dent Mi­chel Te­mer am Frei­tag­abend im Ma­ra­canã-Sta­di­on die Spie­le für er­öff­net er­klär­te, wur­de er von den Zu­schau­ern aus­ge­pfif­fen. An dem vier­stün­di­gen Spek­ta­kel mit Feu­er­werk und Licht­show nahm erst­mals auch ei­ne Flücht­lings­mann­schaft teil. „Nach die­sem wun­der­ba­ren Spek­ta­kel er­klä­re ich die Olym­pi­schen Spie­le von Rio für er­öff­net“, sag­te Te­mer bei sei­nem kur­zen Auf­tritt. Die Pro­test­ru­fe und Pfif­fe des wur­den erst durch das Feu­er­werk über­tönt, mit dem die Ze­re­mo­nie en­de­te. Bra­si­li­en steckt mit­ten in ei­ner schwe­ren Po­li­tik- und Wirt­schafts­kri­se. Ge­gen Prä­si­den­tin Dil­ma Rousseff läuft ein Amts­ent­he­bungs­ver­fah­ren, das sie und ih­re An­hän­ger als Putsch ih­res bis­he­ri­gen Vi­zes Te­mer an­se­hen. In sei­ner An­spra­che be­zog sich der IOC-Prä­si­dent Tho­mas Bach auf die Kri­se. „Ihr habt Rio in ei­ne mo­der­ne und ein­zig­ar­ti­ge Stadt ver­wan­delt“, sag­te Bach, der sei­ner­seits we­gen des Um­gangs des In­ter­na­tio­na­len Olym­pi­schen Ko­mi­tees (IOC) mit den Do­pingvor­wür­fen ge­gen rus­si­sche Sport­ler um­strit­ten ist. „Und ihr habt all un­se­re Be­wun­de­rung, weil ihr dies in ei­nem schwie­ri­gen Mo­ment der Ge­schich­te Bra­si­li­ens ge­tan habt.“Ein Hö­he­punkt der Fei­er war der Ein­zug der 207 na­tio­na­len Mann­schaf­ten. Be­son­de­ren Ap­plaus er­hielt die Flücht­lings­mann­schaft, die un­ter der Olym­pi­schen Flag­ge an den Spie­len teil­nimmt. „Ihr habt ei­ne Bot­schaft der Hoff­nung für die Mil­lio­nen Flücht­lin­ge in al­ler Welt. Ihr habt aus eu­ren Häu­sern flie­hen müs­sen we­gen Ge­walt, Hun­ger oder nur weil ihr an­ders seid“, sag­te Bach. Der Papst rich­te­te ei­ne per­sön­li­che Gruß­bot­schaft an das Flücht­lings­team, des­sen Mit­glie­der aus dem Süd­su­dan, Sy­ri­en, Äthio­pi­en und dem Kon­go stam­men. Er hof­fe, dass von ih­nen ein „Schrei nach Brü­der­li­chPu­bli­kums keit und Frie­den“aus­ge­he, schrieb Fran­zis­kus. Die deut­sche Fah­ne trug der Tisch­ten­nis­pro­fi Ti­mo Boll. Als letz­te Mann­schaft zo­gen als Gast­ge­ber die Bra­si­lia­ner ein. Der frü­he­re Ma­ra­thon-Läu­fer Van­der­lei Cordei­ro de Lima ent­zün­de­te schließ­lich das olym­pi­sche Feu­er. Die rund 78 000 Zu­schau­er im Ma­ra­canã-Sta­di­on wa­ren in Par­ty­stim­mung. Der bra­si­lia­ni­sche Sän­ger Paul­in­ho da Vio­la sang die Na­tio­nal­hym­ne und Su­per­mo­del Gi­se­le Bünd­chen schritt in ei­nem gold­far­be­nen Kleid durch die Are­na, be­glei­tet vom Song „The Girl From Ipa­ne­ma“.

Die Klei­dung der deut­schen Mann­schaft bei der Er­öff­nungs­fei­er der Olym­pi­schen Spie­le hat in den so­zia­len Netz­wer­ken für so ei­ni­gen Hohn und Spott ge­sorgt. „Kla­mot­ten aus dem Alt­klei­der-Con­tai­ner“, schrieb ein Twit­ter-User an­ge­sichts des Out­fits von Fah­nen­trä­ger Ti­mo Boll und Co. „Das wa­ren nicht die deut­schen Sport­ler, die da ein­mar­schier­ten, son­dern baye­ri­sche Schorn­stein­fe­ger auf der Walz und ih­re Kol­le­gin­nen von der Putz­ko­lon­ne“, ur­teil­te ein Face­book-User. Schon bei der Prä­sen­ta­ti­on des Olym­pia­Out­fits Wo­chen vor den Spie­len hat­te das „SZ-Ma­ga­zin“un­ter dem Ti­tel „Schwarz, Rot, Grau“ge­warnt: „Am 5. Au­gust wer­den die deut­schen Ath­le­tin­nen in ei­ner schwer ver­ständ­li­chen Leg­gings-Jer­sey­rock-Kom­bi so­wie dun­kel­ro­tem T-Shirt und halb­trans­pa­ren­tem Re­gen­par­ka auf­lau­fen.“Auch Tisch­ten­nis-Star Boll ver­blüff­te die Mo­de­welt mit grau­en Leg­gings und ei­ner kur­zen Ho­se dar­über. Ei­ne sil­ber­far­be­ne Jacke, ei­ne Art mo­der­nes Re­gen­cape, be­nö­tig­ten die deut­schen Sport­ler je­doch in Ri­os tro­cke­ner Nacht ei­gent­lich nicht. Je­den­falls mach­ten die Ita­lie­ner, aus­ge­stat­tet von Gior­gio Ar­ma­ni, En­g­län­der (Stel­la McCart­ney), Ame­ri­ka­ner (Ralph Lau­ren) und Fran­zo­sen (La­cos­te) ei­ne bes­se­re Fi­gur vor den Au­gen der Welt. Die deut­sche Tur­ne­rin Pau­li­ne Schä­fer hat­te sich schon zu­vor über die Kol­lek­ti­on von Aus­rüs­ter Adi­das be­klagt. „Die Ein­lauf­klei­dung geht gar nicht. Ei­ne Leg­gings, dar­über ein eng an­lie­gen­des Kleid, das fast bis zum Bo­den hängt und dar­über ein ro­tes Net­zShirt – so et­was kann man nicht mal zum Fa­sching an­zie­hen“, sag­te sie. Al­ler­dings be­rich­te­te der Chef de Mis­si­on Deutsch­lands, Mi­cha­el Ve­sper, von be­geis­ter­ter Stim­mung im deut­schen Olym­pia­Team. „Die At­mo­sphä­re in der Mann­schaft war ein­zig­ar­tig“, sag­te Ve­sper nach der Er­öff­nungs­fei­er. Vor dem Ein­marsch ins Ma­ra­canã-Sta­di­on ha­be un­ter den rund 170 Ath­le­ten der deut­schen Mann­schaft gro­ße Aus­ge­las­sen­heit ge­herrscht. „Im un­mit­tel­ba­ren War­te­be­reich vor dem Ein­marsch wur­de nicht nur skan­diert ’Wir wol­len die Fah­ne se­hen’, son­dern die Mann­schaft stimm­te auch ge­schlos­sen die Na­tio­nal­hym­ne an“, be­rich­te­te Ve­sper. Die in­ter­na­tio­na­le Pres­se wür­dig­te die Bunt­heit des Abends un­ter schwie­ri­gen Be­din­gun­gen in Bra­si­li­en. „Der Kar­ne­val über­strahlt das Cha­os. Mö­gen die schö­nen Ge­schich­ten die schlech­ten über­de­cken“, schrieb „The In­de­pen­dent“aus En­g­land. Die ita­lie­ni­sche „Gaz­zet­ta del­lo Sport“mein­te: „Sam­ba, Pa­ra­den und Emo­tio­nen. Die Er­öff­nungs­ze­re­mo­nie ist schön, sanft, sie be­geis­tert in je­der Sze­ne: Sie spen­det ei­nen Hauch von Op­ti­mis­mus für ei­ne Stadt und ei­ne Welt, die dies fürch­ter­lich brau­chen.“Nur „Kom­so­mols­ka­ja Praw­da“aus Mos­kau äu­ßer­te sich kri­tisch: „Die­se Fei­er war ein Miss­er­folg, ei­ne Ze­re­mo­nie oh­ne Ide­en. Statt Kar­ne­val in Rio gab es nur imi­tier­te Tän­ze und ein chao­ti­scher Wirr­warr der Kör­per. Es wä­re viel wir­kungs­vol­ler und sym­bo­li­scher ge­we­sen, das Geld für die­se Fei­er in die Olym­pia-Scha­le zu le­gen und fei­er­lich an­zu­zün­den.“

Far­ben­fro­hes Spek­ta­kel mit Sam­ba­t­än­zern im Ma­ra­canã-Sta­di­on in Rio: Am Sams­tag um 4.27 Uhr deut­scher Zeit wur­den die 31. Olym­pi­schen Spie­le in Rio of­fi­zi­ell für er­öff­net er­klärt. Fo­to: avs

Fo­to: avs

Mo­disch merk­wür­dig: Die deut­sche Olym­pia-Mann­schaft beim Ein­zug ins Sta­di­on Ma­ra­canã von Rio de Ja­nei­ro. Fah­nen­trä­ger Ti­mo Boll zeigt sich mit grau­en Legg­ins und schwar­zen Shorts. Deut­sche Ath­le­tin­nen tru­gen da­zu noch ei­ne Art mo­der­nes Re­gen­cape, das in Ri­os tro­cke­ner Nacht gar nicht be­nö­tigt wur­de.

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