Bu­sen­wun­der vom Bo­den­see

Kult­wand mit Frau­en­gestal­ten ist ein High­light der gro­ßen Pfahl­bau-Aus­stel­lung

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Mit den weib­li­chen Brüs­ten hat­ten sie es, die Pfahl­bau­be­woh­ner am Bo­den­see. Da gibt es Krü­ge, die an ei­nen schwan­ge­ren Frau­en­leib er­in­nern – und ober­halb der Wöl­bung ra­gen spitz zwei Brüs­te her­aus. Sol­che Ge­fä­ße – Fach­leu­te be­zeich­nen sie als „gy­nä­ko­morph“– ha­ben Archäo­lo­gen in zahl­rei­chen jung­stein­zeit­li­chen Sied­lun­gen ge­fun­den; ei­ni­ge sind auch in der Ab­tei­lung für Ur- und Früh­ge­schich­te des Ba­di­schen Lan­des­mu­se­ums in Karls­ru­he zu se­hen. Ein wah­res Bu­sen­wun­der er­le­ben aber kann man der­zeit im ober­schwä­bi­schen Klos­ter Schus­sen­ried, ei­nem der bei­den Aus­stel­lungs­or­te der Gro­ßen Lan­des­aus­stel­lung „4 000 Jah­re Pfahl­bau­ten“: Dort

Ei­nen „Vor­ge­schmack“gab es in Karls­ru­he

wird ei­ne „Kult­wand“mit den äl­tes­ten bis­her nörd­lich der Al­pen ent­deck­ten Wand­ma­le­rei­en prä­sen­tiert. Das et­wa acht Me­ter lan­ge Fries zeigt sie­ben Frau­en­gestal­ten: Die Kör­per sind mit wei­ßen Punk­ten über­sät, in­di­vi­du­el­le Ge­sichts­zü­ge nicht zu er­ken­nen, die nach oben ge­stre­cken Ärm­chen nur ru­di­men­tär dar­ge­stellt – doch die plas­tisch auf­mo­del­lier­ten Bürs­te aus Lehm zei­gen ganz er­staun­lich na­tu­ra­lis­ti­sche For­men. Es galt als Sen­sa­ti­on, als An­fang der 1990erJah­re in den Pfahl­bau­sied­lun­gen von Bod­man-Lud­wigs­ha­fen und Sipp­lin­gen Frag­men­te von Wand­ma­le­rei­en aus Kul­t­häu­sern ent­deckt wur­den, die vor fast 6 000 Jah­ren ab­ge­brannt wa­ren. Zu den mehr als 1000 Bruch­stü­cken, die Tauch­ar­chäo­lo­gen aus dem Bo­den­see bei Lud­wigs­ha­fen bar­gen, ge­hör­ten et­li­che aus Lehm ge­form­te weib­li­che Brüs­te. Sie wa­ren durch den Sied­lungs­brand ge­här­tet und da­her er­hal­ten ge­blie­ben. Die Ex­per­ten des Lan­des­amts für Denk­mal­pfle­ge wa­ren be­geis­tert; zugleich be­gann für sie ei­ne vie­le Jah­re wäh­ren­de Puz­zle-Ar­beit. Als das Ba­di­sche Lan­des­mu­se­um von No­vem­ber 2010 bis Mai 2011 die Aus­stel­lung „Jungstein­zeit im Um­bruch“zeig­te, wa­ren die Ar­bei­ten zur Re­kon­struk­ti­on und In­ter­pre­ta­ti­on der Lud­wigs­ha­fe­ner Wand­ma­le­rei noch in vol­lem Gan­ge. Den­noch be­ka­men die Be­su­cher des Karls­ru­her Schlos­ses ei­nen Teil­nach­bau des jung­stein­zeit­li­chen Hau­ses vom Bo­den­see mit frau­en­brust­ge­zier­ter In­nen­wand zu se­hen – wie er eben dem da­ma­li­gen Er­kennt­nis­stand ent- sprach. Hel­mut Sch­licht­her­le vom Lan­des­amt für Denk­mal­pfle­ge ging zu die­ser Zeit da­von aus, dass auf der Lud­wigs­ha­fe­ner Kult­wand min­des­tens vier bis fünf weib­li­che Gestal­ten dar­ge­stellt wa­ren; in­zwi­schen wur­den sie­ben Frau­en und di­ver­se Ne­ben­mo­ti­ve nach­ge­bil­det. Gab es in Karls­ru­he mit dem Teil­nach­bau ei­nen Vor­ge­schmack, so wird in Bad Schus­sen­ried erst­mals die re­kon­stru­ier­te Kult­wand mit den Ori­gi­nal­fund­stü­cken vor­ge­stellt – samt ei­ner Com­pu­ter­ani­ma­ti­on, die die Ma­le­rei vor den Au­gen der Be­su­cher neu er­ste­hen lässt. Wer aber sind die Frau­en­gestal­ten mit den er­ho­be­nen Hän­den, den Kreuz­bän­dern (bei de­nen es sich wohl um ei­ne jung­stein­zeit­li­che Vor­form des Büs­ten­hal­ters han­delt) und den so le­bens­echt aus­se­hen­den, auf­mo­del­lier­ten Brüs­ten? Wie bei vie­len Fra­gen, die schrift­lo­se Zei­ten be­tref­fen, gibt es kei­ne Ant­wort mit 100-pro­zen­ti­ger Wahr­heits­ga­ran­tie. An der Lud­wigs­ha­fe­ner Kult­wald wird für Sch­licht­her­le aber of­fen­kun­dig, dass nicht ei­ner ein­zi­gen gro­ßen Mut­ter­gott­heit ge­hul­digt wur­de. Die Viel­zahl der Frau­en­gestal­ten, die Ne­ben­mo­ti­ve der Wand­ma­le­rei und ein gy­nä­ko­mor­phes Ge­fäß aus den Kult­haus wei­sen sei­ner Mei­nung nach dar­auf hin, dass es um Ah­nen­rei­hen und ge­nea­lo­gi­sche Zu­sam­men­hän­ge ge­gan­gen sein muss. Die wei­ßen Punk­te auf den Frau­en­kör­pern könn­ten – viel­leicht – auf Milch- oder Kör­ner­reich­tum an­spie­len. Im Be­gleit­band zur Aus­stel­lung „4 000 Jah­re Pfahl­bau­ten“in­ter­pre­tiert der Ex­per­te: „Es wird die Ver­bin­dung der Le­ben­den mit den Vor­fah­ren dar­ge­stellt und die Ah­nen­rei­hen füh­ren zu­rück in ei­ne Ur­zeit, in der gro­ße Frau­en am An­fang des Ge­sche­hens stan­den“. Doch sei­en die „gro­ßen Frau­en“wohl nicht nur als Urah­n­in­nen der ver­schie­de­nen Clans ver­ehrt wor­den: „Viel­mehr muss es ei­nen My­thos ge­ge­ben ha­ben, der ih­nen die Rol­le von Kul­tur­brin­ge­rin­nen zu­schrieb“, meint Sch­licht­her­le.

Schwie­ri­ges Puz­zle: Aus Bruch­stü­cken wur­de ei­ne fast 6 000 Jah­re al­te „Kult­wand“aus Bod­man-Lud­wigs­ha­fen re­kon­stru­iert. Sie zeigt Frau­en­gestal­ten mit plas­tisch auf­mo­del­lier­ten Brüs­ten mit ver­blüf­fend na­tu­ra­lis­ti­schen For­men. Fo­to: M. Er­ne / © Lan­des­amt für Denk­mal­pfle­ge

Fo­to: avs

Im Klos­ter Schus­sen­ried lässt bei der Aus­stel­lung „4 000 Jah­re Pfahl­bau­ten“ei­ne Com­pu­ter­ani­ma­ti­on die spek­ta­ku­lä­re Wand­ma­le­rei vor den Au­gen der Aus­stel­lungs­be­su­cher neu er­ste­hen.

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