Tüm­pel voll Milch­kaf­fee

Pro­gno­sen zum Ka­li­ko­krebs so trüb wie die Ge­wäs­ser

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Patri­cia Klatt

Am ver­gan­ge­nen Sonn­tag war ich mit der Fa­mi­lie un­ter­wegs, ein Tag im Frei­en. Da­bei ka­men wir auf un­se­rer Wan­de­rung durch den Schwarz­wald am Klos­ter Al­ler­hei­li­gen vor­bei. Auch wenn heu­te nur noch ei­ne Rui­ne da­von zeugt, kann man doch er­ah­nen, wie die­ser Ort re­li­giö­sen Le­bens in­mit­ten der un­wirt­li­chen Hö­hen­land­schaft des Schwarz­wal­des ei­ne Oa­se der Zi­vi­li­sa­ti­on war und wel­che Mü­hen es ge­kos­tet ha­ben mag, un­ter den Be­din­gun­gen des Mit­tel­al­ters und der frü­hen Neu­zeit ei­nen Klos­ter- und Schul­be­trieb auf­recht­zu­er­hal­ten. Dass dies al­les an­de­re als ein­fach war, be­legt der Eid, den die Chor­her­ren von Al­ler­hei­li­gen ab 1484 ab­le­gen muss­ten, den Sitz ih­res Stifts nie­mals an ei­nen güns­ti­ge­ren Ort zu ver­le­gen. An die­sem und an­de­ren Klös­tern lässt sich ab­le­sen, wie Re­li­gi­on Quel­le von Kraft sein konn­te, um mensch­li­che Zi­vi­li­sa­ti­on und Kul­tur un­ter den oft schwie­ri­gen Be­din­gun­gen von Um­ge­bung und Zeit auf­zu­bau­en und zu er­hal­ten. Heu­te stellt sich der Schwarz­wald nicht mehr als die un­wirt­li­che Um­ge­bung dar, die er einst war, wo man Bo­den und Wald müh­sam Le­bens­mög­lich­kei­ten ab­ge­run­gen hat. Im Ge­gen­teil: Na­tur – so emp­fin­den vie­le – muss heu­te eher vor dem zer­stö­re­ri­schen Zu­griff des Men­schen be­wahrt wer­den. Aber auch hier hat die Kir­che ih­ren Platz, wenn es dar­um geht, Na­tur als Schöp­fung zu be­grei­fen und zu re­spek­tie­ren, den Naturraum part­ner­schaft­lich zu gestal­ten und Gäs­te wie Ein­woh­ner zur Ein­kehr und Be­sin­nung ein­zu­la­den. Da­zu dient auch die Al­ler­hei­li­gen­ka­pel­le, die ober­halb der al­ten Klos­ter­rui­ne die Be­su­cher grüßt und in der im­mer wie­der Got­tes­diens­te statt­fin­den. Sei­en Sie an die­ser Stel­le herz­lich da­zu und zu den wei­te­ren An­ge­bo­ten von „Kir­che im Na­tio­nal­park“ein­ge­la­den!

Ka­li­ko­kreb­se auf der Spei­se­kar­te? Man wird sie wohl ver­geb­lich su­chen – die­se Krebs-Art ist kei­ne Be­rei­che­rung ei­nes Me­nüs. Ei­gent­lich scha­de, denn sonst könn­te man ein im­mer drän­gen­de­res Pro­blem bei uns am Ober­rhein ele­gant mit Mes­ser und Ga­bel lö­sen. Seit ei­ni­ger Zeit brei­tet sich der Ka­li­ko­krebs (Or­conec­tes im­mu­nis), der ur­sprüng­lich aus dem Ein­zugs­ge­biet des Mis­sis­sip­pi stammt, bei uns schein­bar un­auf­halt­sam aus. Er wur­de be­reits 1993 in der Nä­he des heu­ti­gen Ba­den-Air­parks nach­ge­wie­sen und man ver­mu­tet, dass er mög­li­cher­wei­se von den Ka­na­di­ern an ih­ren ehe­ma­li­gen Stütz­punkt bei Söl­lin­gen ein­ge­schleppt wur­de. In­zwi­schen fin­det man ihn von Straß­burg bis Lud­wigs­ha­fen, haupt­säch­lich in den Au­en­gewäs­sern, aber auch in Bä­chen, Grä­ben oder Tüm­peln. Die Fol­gen der Ein­wan­de­rung die­ser ge­biets­frem­den Art sind ganz un­ter­schied­lich. Für die Fluss­kreb­se, die bis zum En­de des 19. Jahr­hun­derts ein wich­ti­ger Nah­rungs­be­stand­teil al­ler Be­völ­ke­rungs­schich­ten in Eu­ro­pa wa­ren, ist er ei­ne wei­te­re un­ter vie­len an­de­ren Be­dro­hun­gen. Frü­her gab es ver­schie­de­ne Krebs­ar­ten, die nicht nur in fast al­len Ge­wäs­sern vor­ka­men, son­dern auch schon da­mals ge­züch­tet wur­den – al­lein in Pa­ris aß man jähr­lich sie­ben bis zehn Mil­lio­nen Fluss­kreb­se. Mit ge­biets­frem­den Fluss­kreb­sen wur­de die Krebs­pest nach Eu­ro­pa ein­ge­schleppt – ei­ne ge­fähr­li­che Pilz­krank­heit der Kreb­se, die gan­ze Be­stän­de in­ner­halb we­ni­ger Ta­ge ver­nich­ten kann. Die ge­biets­frem­den Ar­ten, wie eben auch der Ka­li­ko­krebs, sind Über­trä­ger des Pil­zes und tra­gen zur Ver­brei­tung der Krebs­pest bei, oh­ne selbst zu er­kran­ken. Wenn der Ka­li­ko­krebs al­ler­dings in den Grä­ben, Tüm­peln und Wei­hern an­kommt, ist er dort nicht mehr nur ei­ne von vie­len Be­dro­hun­gen, son­dern da ist er für die hei­mi­schen Ar­ten so­zu­sa­gen der „An­fang vom En­de“. Denn: „Der Krebs ver­än­dert ein Ge­wäs­ser kom­plett. Erst ver­nich­tet er al­le Pflan­zen, dann al­le an­de­ren Le­be­we­sen wie zum Bei­spiel Am­phi­bi­en- oder Li­bel­len­lar­ven und am Schluss gibt es dort nichts mehr au­ßer den Ka­li­ko­kreb­sen“, er­läu­tert Adam Schnabler vom Ka­li­ko­krebs-Team der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Karls­ru­he. In den Ge­wäs­sern um Rhein­stet­ten brei­tet sich der Krebs ra­sant aus. Ein Weib­chen legt bis zu 500 Eier und die Jung­tie­re sind die­ses Jahr so­gar in­ner­halb von zwei Mo­na­ten ge­schlechts­reif ge­wor­den, da braucht man kei­ne gro­ße Fan­ta­sie, um sich die Di­men­si­on des Pro­blems vor­zu­stel­len. Der nur neun Zen­ti­me­ter gro­ße Krebs ist an den Haar­bü­schen an der Un­ter­sei­te sei­ner Sche­ren gut zu er­ken­nen. Er gräbt Gän­ge an Ufern und dem Ge­wäs­ser­grund und sorgt durch das Auf­wir­beln des Se­di­ments für ei­ne Tr­übung des Ge­wäs­sers – als „Milch­kaf­fee“be­zeich­net dies das Ka­li­ko-Team. „Sei­ne Fress­fein­de wie Stör­che oder Rei­her kön­nen den klei­nen Krebs im ,Milch­kaf­fee’ nicht mehr fin­den, was sei­ne Ver­brei­tung na­tür­lich noch wei­ter un­ter­stützt“, sagt Schnabler. Aus ei­nem Wei­her ha­be man be­reits in die­sem Jahr über 200 000 Kreb­se ab­ge­fischt, dann ha­be man auf­ge­hört zu zäh­len. Die Pro­gno­sen der Spe­zia­lis­ten sind ge­nau­so trüb wie das Ge­wäs­ser, denn rea­lis­ti­scher­wei­se muss man wohl sa­gen, dass ein Wei­her, in dem man den Krebs nach­ge­wie­sen hat, über kurz oder lang „öko­lo­gisch tot“ sein wird. Mit den Er­kennt­nis­sen aus ih­rem Pro­jekt kön­ne man aber mög­li­cher­wei­se da­zu bei­tra­gen, dass an­de­re Ge­wäs­ser ge­schützt wer­den könn­ten, meint Chris­tia­ne Ue­ckerdt vom Team. „Der Krebs mag zum Bei­spiel kei­nen Kies, weil er sich da nicht ein­gra­ben kann und da er über Land von ei­nem Wei­her zum nächs­ten wan­dert, kann man ihn theo­re­tisch mit pas­sen­den Bar­rie­ren auch stop­pen“, er­gänzt ih­re Kol­le­gin Cla­ra Bart­ke. Ent­ge­gen der Er­war­tun­gen wur­de der Ka­li­ko­krebs Mit­te Ju­li in Brüssel nicht auf die ers­te EU-Lis­te in­va­si­ver ge­biets­frem­der Ar­ten auf­ge­nom­men, die die EU-Kom­mis­si­on vor­ge­stellt hat. Die­se Lis­te um­fasst 37 Tier- und Pflan­zen­ar­ten, die die Ar­ten­viel­falt in Eu­ro­pa be­dro­hen, weil sie ein­hei­mi­sche Ar­ten ver­drän­gen. Trotz­dem hof­fen die Fach­leu­te am Ober­rhein, dass die Be­hör­den den Ka­li­ko­krebs end­lich als ein groß­räu­mi­ges Pro­blem wahr­neh­men und ent­spre­chend po­li­tisch ge­han­delt wird.

Ra­san­te Aus­brei­tung rund um Rhein­stet­ten

So sieht er ei­gent­lich ganz freund­lich aus – aber wenn der Ka­li­ko­krebs, ein Ein­wan­de­rer aus Nord­ame­ri­ka, in den Grä­ben, Tüm­peln und Wei­hern der Re­gi­on an­kommt, be­deu­tet dies für die ein­hei­mi­schen Ar­ten den An­fang vom En­de. Fo­to: Adam Schnabler

Das Er­geb­nis ei­ner kur­zen Fang-Ak­ti­on: Aus ei­nem Wei­her der Re­gi­on hat das Ka­li­ko­krebs-Team in die­sem Jahr be­reits 200 000 Kreb­se ab­ge­fischt – und dann mit dem Zäh­len auf­ge­hört. Fo­to: Klatt

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