Hier gibt’s was auf die Oh­ren

Sie­ben Ju­gend­li­che ha­ben für den SONN­TAG sie­ben Hör­bü­cher be­spro­chen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder -

Ein er­folg­rei­ches Buch braucht Le­ser, die an­de­ren wei­ter­erzäh­len, war­um die Ge­schich­te so ge­lun­gen ist! Über gu­te Bü­cher zu spre­chen, ist gar nicht so leicht. Schließ­lich geht es um ei­ne Be­grün­dung, die man auch ver­ste­hen soll, oh­ne das Buch zu ken­nen. Das ist ein Ziel von Le­se­för­de­rungs­pro­jek­ten. Die von SONN­TAG-Mit­ar­bei­te­rin Tan­ja Ka­sisch­ke be­treu­ten Nach­wuchs­re­por­ter die­ser Kin­der­sei­te sind Schü­le­rin­nen und Schü­ler. Sie ha­ben ih­re al­ler­ers­ten Buch­be­spre­chun­gen ver­fasst! Weil Fe­ri­en sind und Fa­mi­li­en in ganz Deutsch­land viel mit dem Au­to un­ter­wegs, fiel die Wahl auf Hör­bü­cher. Da­ni­el stell­te fest: „Ich hät­te es mir leich­ter vor­ge­stellt, ein Buch zu be­spre­chen!“Den an­de­ren ging es ähn­lich. Trotz­dem ha­ben es al­le ge­schafft.

Das Hör­buch „Die Schwar­zen Brü­der“spielt um 1850 im Tes­sin. Der Jun­ge Gior­gio wird – weil er aus ei­ner ar­men Fa­mi­lie stammt – von sei­nem Va­ter an ei­nen Mann ver­kauft, um in Mai­land als Ka­min­fe­ger­jun­ge zu ar­bei­ten. Un­ter den an­de­ren Kin­dern, de­nen es geht wie ihm, fin­det er Freun­de und wird so­gar in die Ge­mein­schaft der „Schwar­zen Brü­der“auf­ge­nom­men. So heißt die Ban­de der Ka­min­fe­ger­jun­gen. Sie weh­ren sich ge­gen die An­grif­fe der Mai­län­der Ju­gend­ban­de „Wöl­fe“. Als Gior­gi­os Freund Al­f­re­do stirbt, ver­söh­nen sich die bei­den ver­fein­de­ten Grup­pen und hel­fen Gior­gio spä­ter bei der Flucht. Ich fin­de es ei­ne sehr ge­lun­ge­ne Ge­schich­te und ei­ne gu­te Sto­ry. In­ter­es­san­ter Hin­ter­grund: Die Ge­schich­te der Schwar­zen Brü­der be­ruht auf Tat­sa­chen! Im 19. Jahr­hun­dert ver­kauf­ten et­li­che ar­me Fa­mi­li­en aus dem Schwei­zer Kan­ton Tes­sin ih­re Söh­ne als Ka­min­fe­ger­jun­gen nach Ita­li­en. Die Fa­mi­li­en da­mals hat­ten vie­le Kin­der und wur­de ei­nes da­von oder ein El­tern­teil – wie im Hör­buch Gior­gi­os Mut­ter – krank, war die Not groß. Die Ka­min­fe­ger­jun­gen wa­ren in Ita­li­en be­gehrt, sie wa­ren klein und be­nö­tig­ten nicht viel. Ih­re Fa­mi­li­en sa­hen sie aber oft nie wie­der. Die trau­ri­ge Ge­schich­te ver­ar­bei­te­te Au­tor Kurt Held in ei­nem hoff­nungs­vol­len Ju­gend­buch, in­dem er Gior­gio, Al­f­re­do und die an­de­ren Jungs zu ei­ner Ban­de treu­er Freun­de zu­sam­men­schweißt. Die Ge­schich­te er­in­nert nicht zu­fäl­lig an den Klas­si­ker „Die ro­te Zo­ra und ih­re Ban­de“– der eben­falls von Kurt Held stammt. Als Au­to­rin der „Schwar­zen Brü­der“ist Li­sa Tetz­ner ge­nannt, weil Held das Buch vor 75 Jah­ren un­ter dem Na­men sei­ner Frau ver­öf­fent­lich­te. Wer hat­te nicht schon ein­mal den Wunsch, in die Welt sei­nes Lieb­lings­bu­ches zu rei­sen und die Hel­den per­sön­lich ken­nen­zu­ler­nen? Ich schon! Owen auch. Durch sei­ne Mit­schü­le­rin Betha­ny be­kommt er genau die­se Mög­lich­keit. Ge­mein­sam mit ihr springt er in die Hand­lung von Kiel Gno­men­fuß. Dort be­geht Owen ei­nen gro­ßen Feh­ler: Er greift in die Ge­schich­te ein. Das hat ka­ta­stro­pha­le Fol­gen, nicht nur in der Fan­ta­sie, son­dern auch in der rea­len Welt. Ei­ne ac­tion­rei­che Ge­schich­te mit ei­ner un­be­re­chen­ba­ren Hand­lung, die auf ei­ne sehr bild­li­che und da­mit le­ben­di­ge Art be­schrie­ben wird. Und doch hat Wel­ten­sprin­ger mei­ner Mei­nung nach Hö­hen und Tie­fen. Ei­ni­ge Sze­nen sind sehr lang­at­mig, wo­hin­ge­gen an­de­re den Hö­rer fes­seln. In­ner­halb der Ge­schich­te gibt es meh­re­re Hand­lungs­strän­ge, de­nen man als al­ler­dings gut fol­gen kann. Ein Hör­buch, das ich vor al­lem jün­ge­ren Le­sern ab ei­nem Al­ter von zehn Jah­ren emp­feh­le. Ta­ma­ya hält sich an Regeln. Weil es heißt, dass der Wald nicht be­tre­ten wer­den darf, be­tritt sie ihn nicht. Als ihr Freund Mar­shall je­doch ei­ne Schul­weg­sAb­kür­zung ent­deckt, die durch den Wald führt, bleibt Ta­ma­ya nichts an­de­res üb­rig, als ihm zu fol­gen. Sie ge­ra­ten in ein Schlamm­loch mit gif­ti­gen Er­re­gern, wor­auf­hin sie sich le­bens­be­droh­lich an­ste­cken und ei­ne In­fek­ti­ons­wel­le aus­lö­sen. Das Hör­buch „Schlamm oder die Ka­ta­stro­phe“von He­ath Cliff greift ein wich­ti­ges The­ma auf: Um­welt­ver­schmut­zung und ih­re Fol­gen. Es regt zum Nach­den­ken an und macht klar, wie nah Le­ben und Tod bei­ein­an­der­lie­gen. Um­welt­ka­ta­stro­phen wie die von He­ath Cliff kön­nen tat­säch­lich pas­sie­ren! Wir ver­drän­gen das. Bes­ser ver­hal­ten sich Ta­ma­ya und Mar­shall: Sie ler­nen aus ih­rem Feh­ler! Mir hat die Ge­schich­te sehr gut ge­fal­len, da man sich in die Cha­rak­te­re leicht hin­ein­ver­set­zen kann. Das Buch ist rea­lis­tisch und ak­tu­ell. Be­son­ders ge­fal­len hat mir der Mix an Per­so­nen, al­le ha­ben Pro­ble­me und kei­ner von ih­nen ist per­fekt. Wie im ech­ten Le­ben. Das Hör­buch ist teil­wei­se aus der Sicht von Ta­ma­ya er­zählt, teil­wei­se aus der Sicht von Mar­shall. Da­zwi­schen gibt es so­ge­nann­te Ver­neh­mungs­pro­to­kol­le. Das hat mich am An­fang ein we­nig ver­wirrt, letzt­lich war es aber sehr nütz­lich, die Ka­ta­stro­phe aus ei­ner neu­tra­len Per­spek­ti­ve be­trach­ten und be­wer­ten zu kön­nen. Dar­aus er­gibt sich lang­sam ein Bild. Ich wür­de Ju­gend­li­chen ab zwölf Jah­ren die­ses Hör­buch wei­ter­emp­feh­len. Sie wer­den – und sol­len – sich fra­gen: Wie wür­de ich mich ver­hal­ten, wenn es ei­ne Um­welt­ka­ta­stro­phe gibt? „Fox­craft. Die Ma­gie der Füch­se“han­delt von der jun­gen Füch­sin Is­la, die bei ei­nem Brand von ih­rer Fa­mi­lie ge­trennt wird. Sie macht sich auf den Weg, sie wie­der­zu­fin­den. Zu Be­ginn der Ge­schich­te ver­mu­tet man, dass Is­la von ei­nem bö­sen Fuchs, ei­nem Men­schen oder ei­nem Hund ver­folgt wird. Erst nach­dem ihr „Ver­fol­ger“sie ein­ge­holt hat und sie sei­nen Na­men nennt, wird klar, dass die bei­den nur spie­len – und er ihr hilft. Die Ge­schich­te hat kein Hap­py End, aber das muss nicht sein, ob­wohl es scha­de ist, dass Is­la ih­ren Bru­der nicht wie­der­fin­det. Noch nicht. Die Su­che wird wei­ter­ge­hen, denn Fox­craft ist ei­ne Tri­lo­gie. Spre­che­rin Cath­len Gaw­lich er­zählt die Ge­schich­te so fas­zi­nie­rend, dass man sich al­les sehr gut vor­stel­len kann – und so­zu­sa­gen in die Welt von Fox­craft hin­ein­ge­zo­gen wird. Man ist plötz­lich selbst ein Fuchs, der Is­las Aben­teu­er mit­er­lebt und ih­re Ge­füh­le nach­emp­fin­det. Was mich beim Hö­ren ge­stört hat, war, dass die Sze­ne ei­nes neu­en Ka­pi­tels manch­mal wo­an­ders spielt. Das ist auch nach dem Wech­seln der ein­zel­nen CDs so. Das ist ver­wir­rend. „Ein Baum vol­ler Ge­heim­nis­se“passt in die Fe­ri­en­zeit, denn die Ge­schich­te spielt im Som­mer. Ge­schrie­ben hat das Buch Na­ta­lie Stan­di­ford. Das Hör­buch wird von Sa­scha Icks ge­le­sen. Es han­delt von Min­ty, die beim Spa­zie­ren­ge­hen im Wald ei­nen Ge­heim­nis­baum ent­deckt. In ei­nem Hohl­raum des Stamms lie­gen Zet­tel, auf jedem steht genau ein Satz über ei­nen Men­schen aus Min­tys Nach­bar­schaft. Aber nicht, über wel­chen. Das will Min­ty her­aus­fin­den. Die­sel­be Ab­sicht hat Ray­mond, mit dem sich Min­ty zu­sam­men­tut. Schnell mer­ken sie, dass, wenn es ih­nen nicht ge­lingt, die Ge­heim­nis­se zu er­grün­den, trau­ri­ge Din­ge pas­sie­ren, die mit den Sät­zen auf den Zet­teln zu tun ha­ben. Für Min­ty und Ray­mond steht fest: Das las­sen sie nicht zu! Die Ge­schich­te hat mir ge­fal­len. Ei­ni­ge Ka­pi­tel ma­chen nach­denk­lich, es geht ums Ab­schied neh­men. Min­ty und Ray­mond ler­nen, dass am En­de der Kind­heit das rich­ti­ge Le­ben be­ginnt und man sein Schick­sal in die Hand neh­men muss. Was sie so­fort tun. Weil man für die­se Bot­schaft mehr mit­den­ken muss, wür­de ich das Buch erst Kin­dern ab zwölf Jah­ren emp­feh­len. Es lohnt sich! Da­durch ist auch klar, war­um Spre­che­rin Sa­scha Icks am An­fang des Hör­buchs sehr leh­re­rin­nen­haft klingt und dann aber zu­rück­hal­ten­der er­zählt. Sie lässt den Fi­gu­ren mehr Raum. Das fand ich gut ge­macht. Das Hör­buch hat mich po­si­tiv über­rascht. An­fangs dach­te ich, die Ge­schich­te klingt sehr nach Har­ry Pot­ter, vor al­lem, weil sie auch in En­g­land spielt. Stimmt nicht. Aber Har­ry und Tom, der Held aus der „Vic­to­ria Street No. 17. Das Ge­heim­nis der Schild­krö­te“kön­nen im­mer­hin bei­de zau­bern und wis­sen das zu­nächst nicht. Tom er­fährt zu Be­ginn des Bu­ches, dass sei­ne Mut­ter in ei­ne Schild­krö­te ver­wan­delt wur­de. Um sie zu fin­den und den Bann zu bre­chen, hat der Jun­ge sie­ben Ta­ge Zeit. Sei­ne Oma hilft ihm. Sie kann eben­falls zau­bern, steckt vol­ler tol­ler Ein­fäl­le und be­sitzt ei­nen flie­gen­den Tep­pich. So ge­rüs­tet, wagt sich Tom ins Aben­teu­er. Tom war mir so­fort sym­pa­thisch, er ver­dient es, der Held die­ses Buchs zu sein. Sei­ne Cou­si­ne Rie­ke, die eben­falls bei der Su­che nach der Schild­krö­te hilft, hat mich eher ge­nervt. Weil sie im­mer be­tont, sie wüss­te und könn­te al­les bes­ser. Trotz­dem ist die Er­zäh­lung span­nend und es macht auch Spaß, dem Spre­cher Bo­ris Al­ji­no­vic zu­zu­hö­ren. „Hin­ter der blau­en Tür“ha­be ich mir aus­ge­sucht, weil die Ge­schich­te von Jens Wa­wrcz­eck ge­le­sen wird, dem Spre­cher des Pe­ter Shaw bei den „Drei Fra­ge­zei­chen“. Das ist ei­ne mei­ner Lieb­lings­se­ri­en. In der Ge­schich­te von Mar­tin Sz­c­zy­gie­l­ski geht es um Lu­kasz. Die Hand­lung spielt in Po­len und be­ginnt da­mit, dass der Jun­ge und sei­ne Mut­ter ei­nen Au­to­un­fall ha­ben. So­lan­ge Lu­kasz’ Mut­ter im Kran­ken­haus ist, kommt er bei sei­ner Tan­te Aga­ta un­ter. In de­ren Haus gibt es ei­ne blaue Tür. Wenn Lu­kasz an­klopft, tritt er in ei­ne Fan­ta­sie­welt ein, die Sil­ber­welt. Das hat mich ein biss­chen an Alice im Wun­der­land er­in­nert. Als Lu­kasz ei­nen der Sil­ber­fä­den mit­nimmt in sei­ne Welt vor der blau­en Tür, ver­wan­delt sich sei­ne Tan­te in ei­ne Spin­ne und es pas­sie­ren schreck­li­che Din­ge. Lu­kasz muss sich an­stren­gen, um die Welt wie­der in Ord­nung zu brin­gen. Das schafft er und lüf­tet so­gar noch ein Fa­mi­li­en­ge­heim­nis. Die Ge­schich­te hört sich gru­se­li­ger an, als sie ist. Da­für, dass man kei­ne Angst be­kommt, sorgt auch der tol­le Spre­cher, und wer ein biss­chen mit­denkt, ahnt, was als Nächs­tes pas­siert.

Bü­cher le­sen macht Spaß, aber manch­mal ist es noch schö­ner, ein Hör­buch zu le­sen. Das kann man nicht nur zu Hau­se im ei­ge­nen Zim­mer tun, son­dern zum Bei­spiel auch wäh­rend ei­ner lan­gen Au­to­fahrt in den Ur­laub. Fo­to: fo­to­lia/con­trast­werk­statt

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