Auf hal­bem Weg nach Ame­ri­ka

Die stil­le Azo­ren­in­sel Ter­ce­i­ra

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub - Chris­ti­an Bo­er­gen

Über 90 Me­ter tief hin­ab geht es im In­sel­zen­trum in die „Koh­le­gru­be“. Die Höh­le Al­gar do Car­vão auf der Azo­ren­in­sel Ter­ce­i­ra ist un­ge­wöhn­lich, da nor­ma­le Vul­ka­ne ein­zu­stür­zen pfle­gen, hier aber die Mög­lich­keit be­steht, ei­nen rich­ti­gen Schlot von in­nen zu er­le­ben. Das ist nur mög­lich, weil beim Aus­bruch vor 2 000 Jah­ren zu­rück­flie­ßen­de La­va die Mag­ma­kam­mer ver­sie­gel­te, er­klärt Füh­rer Ra­mi­ro. Nun geht es zu den Klän­gen psy­che­de­li­scher Mu­sik 320 Stu­fen un­ter von der De­cke hän­gen­den Sta­lak­ti­ten in die Tie­fe. Licht fällt von oben durch den grün be­wach­se­nen Kra­ter, in den so­gar Bäu­me keck hin­ein­ra­gen. Un­ten er­hel­len Lich­ter die Bas­alt­trop­fen der zwei­ten Erup­ti­on an den Wän­den.

In der „Ka­the­dra­le“gibt es Kon­zer­te

Hin­ab tröp­feln­des Was­ser sorgt da­für, dass Sta­lak­ti­ten und Sta­lag­mi­ten wei­ter wach­sen. Ra­mi­ro zeigt auf ei­ne gro­ße Gas­bla­se so­wie Vor­kom­men von Tra­chyt und dem vul­ka­ni­schen St­ein­glas Ob­si­di­an. Un­ter ei­ner vom Ei­sen­oxid ge­rö­te­ten Kup­pel, der „Ka­the­dra­le“, fin­den we­gen der gu­ten Akus­tik so­gar Kon­zer­te statt. Hier ist auch gut zu se­hen, wie sich die La­va ei­nen Ne­ben­aus­gang ge­bahnt hat. Noch ein paar Stu­fen tie­fer, dann schim­mert dun­kel, aber klar der von Re­gen- und Si­cker­was­ser ge­speis­te, bis zu 15 Me­ter tie­fe Kra­ter­see vor den Au­gen stau­nen­der Ur­lau­ber. Zu­rück im Ta­ges­licht wird klar, war­um AirBer­lin-Ma­na­ger Berg­mül­ler Ter­ce­i­ras Fisch, Fleisch, Bier und Wein in Gour­met­qua­li­tät lobt: Vul­kan­ge­stein ist auf der In­sel, die ih­ren Na­men „die Dritte“por­tu­gie­si­schen See­fah­rern ver­dankt, die sie nach Ma­dei­ra und den Ka­na­ren als dritte ent­deck­ten, der reins­te Na­tur­dün­ger. Auf der mit 402 Qua­drat­ki­lo­me­tern Flä­che, zugleich dritt­größ­ten Azo­ren­in­sel, sind Stäl­le ein Fremd­wort. Al­so gra­sen die Kü­he den gan­zen Tag mit Meer­blick auf den Wei­den. „Das schmeckt man beim Ver­zehr von Steaks und Kä­se“, weiß Berg­mül­ler. Und Ra­mi­ro er­gänzt: „Un­se­re Kü­he ha­ben Mus­keln, weil sie den gan­zen Tag lau­fen müs­sen.“Für Farb­tup­fer sor­gen et­wa 70 über Ter­ce­i­ra ver­teil­te Hei­lig­geist­ka­pel­len. Sie wer­den „Im­pe­rio“ge­nannt und dür­fen in kei­nem Dorf feh­len. Be­reits von wei­tem sind sie an Kro­ne, Tau­be und Zep­ter er­kenn­bar. Die­se drei Sym­bo­le ste­hen für Espi­ri­to San­to, den Hei­li­gen Geist. Min­des­tens ei­nes ziert den Gie­bel der ganz über­wie­gend bunt ge­stri­che­nen Ka­pel­len. Ihr In­nen­raum mit dem Al­tar bleibt ver­schlos­sen und wird le­dig­lich an­läss­lich des Hei­lig­geist­fests, das je­des Dorf an ei­nem an­de­ren Tag fei­ert, ein­mal im Jahr ge­öff­net. Oft en­det das Fei­ern mit ei­nem „Stier­kampf am Strick“, wie es ihn nur auf Ter­ce­i­ra gibt. Bei dem Tau­zie­hen zwi­schen Wa­ge­mu­ti­gen und dem Stier, des­sen Tra­di­ti­on auf das 16. Jahr­hun­dert zu­rück­geht, bleibt das Tier stets am Le­ben. Welt­wun­der und Welt­kul­tur­er­be ist An­gra do He­roís­mo, des­sen vom Neu­jahrs­be­ben 1980 schwer be­schä­dig­te Re­nais­sance-Alt­stadt in Re­kord­zeit wie­der auf­ge­baut wur­de. Die als schöns­te Stadt der Azo­ren gel­ten­de In­sel­ka­pi­ta­le wur­de von der Unesco 1983 in ih­re Wel­ter­be­lis­te auf­ge­nom­men. Zwei­mal war An­gra so­gar por­tu­gie­si­sche Haupt­stadt. Vor den Habs­bur­gern floh Thron­fol­ger Dom An­tó­nio 1580 dort­hin, bis die Spa­nier drei Jah­re spä­ter auch Ter­ce­i­ra un­ter­war­fen. Phil­ipp II. von Spa­ni­en ließ die vier Ki­lo­me­ter lan­gen Mau­ern der auch Ca­s­te­lo de São João Bap­tis­ta ge­nann­ten Burg São Fil­i­pe auf dem Mon­te Bra­sil er­rich­ten. Ein auf dem Tuff­vul­kan sta­tio­nier­tes Re­gi­ment macht die im­po­san­te An­la­ge zur äl­tes­ten stän­dig mit por­tu­gie­si­schen Trup­pen be­leg­ten Fe­s­tung. Den­noch ist das Ge­län­de mit der wun­der­ba­ren Aus­sicht auf An­gra tags­über frei zu­gäng­lich. An­gra wur­de 1828 er­neut Haupt­stadt Por­tu­gals, als Ter­ce­i­ra auf Sei­ten des Li­be­ra­len Dom Pe­dro IV. im Bür­ger­krieg um die Thron­fol­ge ge­gen des­sen ab­so­lu­tis­ti­schen Bru­der Dom Mi­guel I. kämpf­te. Das soll­te Kö­ni­gin Do­na Ma­ria II. spä­ter mit dem Bei­na­men „do He­roís­mo“für die hel­den­haf­te In­sel­haupt­stadt wür­di­gen. Ein Obe­lisk, un­ter dem sich An­gra ma­le­risch aus­brei­tet, er­in­nert bis heu­te an die Be­frei­ung vom Mi­li­tär­re­gime. Die Na­toba­sis La­jes, auf der neu­er­dings auch Air Ber­lin lan­det, gilt als ei­ner der si­chers­ten Flug­hä­fen welt­weit, freut sich der­weil Berg­mül­ler. Der an­ge­schlos­se­ne Zi­vil­air­port mit dem Kür­zel TER dient auch als Aus­weich­flug­ha­fen bei Trans­at­lan­tik­flü­gen, die Flug­si­che­rung be­sorgt das Mi­li­tär. Füh­rer Ra­mi­ro hebt der­weil ganz an­de­re Si­cher­heits­as­pek­te her­vor: „Po­li­zei­wa­gen wer­den auf der In­sel nicht ge­braucht.“Ei­nig sind sich bei­de, dass die Azo­ren­in­sel ide­al ist zum Wan­dern, Rad­fah­ren, Rei­ten und Tau­chen, so­wie als Sprung­brett zu den klei­ne­ren Nach­bar­in­seln Fai­al und Pi­co. Auf Fai­al ma­chen Se­gel­crews bei Trans­at­lan­ti­kÜber­que­run­gen Sta­ti­on. Dort lo­cken der Rie­sen­kra­ter Caldei­ra so­wie die 1957/58 durch ei­nen un­ter­see­ischen Vul­kan­aus­bruch ent­stan­de­ne Halb­in­sel Pon­ta dos Ca­pe­l­in­hos. Die Wein­in­sel Pi­co do­mi­niert hin­ge­gen der 2 351 Me­ter ho­he gleich­na­mi­ge Vul­kan. Vier Wal­ar­ten tum­meln sich das gan­ze Jahr über in den Ge­wäs­sern um Ter­ce­i­ra, wo der Wal­fang erst An­fang der 80er Jah­re ein­ge­stellt wur­de. Heu­te be­fin­det sich hier ei­nes der größ­ten Wal­schutz­ge­bie­te der Welt. So­lan­ge die See nicht auf­ge­wühlt ist, las­sen sich die Mee­res­säu­ger vor den Azo­ren kaum ver­feh­len. Ins­ge­samt ein Drit­tel des welt­wei­ten Vor­kom­mens und 24 Ar­ten sind auf „hal­bem Weg nach Ame­ri­ka“im At­lan­tik un­ter­wegs, oder zie­hen je nach Sai­son an Ter­ce­i­ra vor­bei.

Farb­tup­fer: Für die Gläu­bi­gen auf den Azo­ren spielt der Hei­li­ge Geist ei­ne wich­ti­ge­re Rol­le als sonst in der ka­tho­li­schen Kir­che. Al­lein auf der In­sel Ter­ce­i­ra sind ihm mehr als 70 Ka­pel­len ge­wid­met, hier „Im­pé­rio da Ca­ri­da­de“im Ort Praia da Vitó­ria. Fo­to: Bo­er­gen (srt)

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