Pe­ter Wohl­le­ben: Das See­len­le­ben der Tie­re

Jetzt blickt er in das See­len­le­ben der Tie­re

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - An­nett St­ein

Mit sei­nem Buch „Das ge­hei­me Le­ben der Bäu­me“lan­de­te der Förs­ter aus der Ei­fel ei­nen Sen­sa­ti­ons­er­folg. Nun wirft Wald­flüs­te­rer Pe­ter Wohl­le­ben ei­nen Blick auf „Das See­len­le­ben der Tie­re“(Lud­wig-Ver­lag) – und lan­det da­mit den Coup, gleich zwei Sach­bü­cher ganz oben auf den Best­sel­ler­lis­ten zu ha­ben. Er­neut mischt er wis­sen­schaft­li­che Er­geb­nis­se mit per­sön­li­chen Er­fah­run­gen zu ei­nem eben­so in­for­ma­ti­ven wie un­ter­halt­sa­men Plä­doy­er für ei­ne an­de­re Sicht auf die Din­ge. Dass man Tie­ren ein Ge­fühls­le­ben ver­gleich­bar dem des Men­schen zu­bil­li­gen soll­te, macht Wohl­le­ben (Jahr­gang 1964) gleich am An­fang klar: In uns ar­bei­te­ten die ge­ne­ti­schen Pro­gram­me un­se­rer Urah­nen – eben­so wie in al­len an­de­ren Ar­ten, de­ren Stamm­baum im Lau­fe der Jahr­mil­lio­nen von je­nen frü­hen Le­be­we­sen ab­zweig­te. „Da­her gibt es nach mei­nem Ver­ständ­nis kei­ne zwei­er­lei Ar­ten von Trau­er, Schmerz oder Lie­be.“Die Wahr­schein­lich­keit, dass ei­ne Ver­let­zung bei ei­nem Schwein we­ni­ger schlim­me Ge­füh­le aus­lö­se als beim Men­schen, ten­die­re ge­gen null. Wis­sen­schaft­ler ar­gu­men­tier­ten häu­fig, es sei beim The­ma Emp­fin­den von Tie­ren ja noch gar nichts be­wie­sen – das aber wer­de wohl auch nie­mals mach­bar sein. „Ob Sie so füh­len wie ich, ist auch nur ei­ne Theo­rie.“Nie­mand kön­ne be­wei­sen, dass ein Na­del­stich bei al­len sie­ben Mil­li­ar­den Er­den­be­woh­nern das glei­che Emp­fin­den er­zeu­ge. „Die Wis­sen­schaft spricht sich so lan­ge ge­gen Emp­fin­dun­gen bei Tie­ren aus, bis sie kaum noch zu leug­nen sind. Wür­de man si­cher­heits­hal­ber nicht bes­ser an­ders­her­um ar­gu­men­tie­ren, um Tie­re nicht un­nö­tig zu quä­len?“Über die In­tel­li­genz von Schwei­nen zum Bei­spiel sei schon so viel be­kannt – in der Öf­fent­lich­keit aber set­ze sich die­ses Wis­sen nicht durch. „Ich ver­mu­te, es hängt mit der Ver­wen­dung von Schwei­ne­fleisch zu­sam­men. Wenn jedem klar wä­re, was für ein We­sen er da auf dem Tel­ler hat, dann wür­de vie­len der Ap­pe­tit ver­ge­hen“, ist Wohl­le­ben über­zeugt. „Wer von uns wür­de schon Af­fen­fleisch es­sen?“An an­de­rer Stel­le zi­tiert Wohl­le­ben ei­nen Ex­per­ten der Uni­ver­si­tät Bel­fast: Ab­zu­strei­ten, dass Kreb­se nur we­gen ih­res an­de­ren Kör­per­baus kei­nen Schmerz zu emp­fin­den ver­mö­gen, sei so, als zu be­haup­ten, sie könn­ten nichts se­hen, nur weil ih­nen die men­schen­ty­pi­sche Seh­r­in­de fehlt. Oft wer­de in Dis­kus­sio­nen zwi­schen be­wuss­ten und in­stink­ti­ven Hand­lun­gen un­ter­schie­den, als ob in­stink­ti­ves Ver­hal­ten et­was min­der­wer­ti­ges sei, schreibt Wohl­le­ben. Da­bei spie­le es auch beim Men­schen ei­ne le­bens­wich­ti­ge Rol­le – et­wa bei den Mut­ter­ge­füh­len nach der Ge­burt. Wohl­le­ben er­zählt von ei­nem Hahn, der sei­nen Hen­nen vor­gau­kelt, Fut­ter ent­deckt zu ha­ben – um sie dann mit ei­nem Paa­rungs­ver­such zu über­ra­schen. Wohl­le­ben er­klärt, war­um kei­nes­wegs je­des Insekt wech­sel­warm und je­des Säu­ge­tier gleich­warm ist. Als Bei­spie­le nennt er die Bie­ne, die ih­ren Stock be­heizt und den Igel, der im Win­ter ei­ne Kör­per­wär­me ana­log zur Um­ge­bungs­tem­pe­ra­tur hat. Der Le­ser er­fährt, war­um es kon­tra­pro­duk­tiv sein kann, Re­he und Hir­sche im Win­ter zu füt­tern – wie von vie­len Jä­gern prak­ti­ziert. Das Ver­dau­en von Nah­rung er­for­de­re ei­nen auf Hoch­tou­ren lau­fen­den Stoff­wech­sel. Fres­se der Hirsch an­ge­bo­te­nes Fut­ter, brau­che er oft mehr Ener­gie zum Ver­dau­en, als die Nah­rung her­ge­be. In der Fol­ge kä­men vor al­lem rang­ho­he Tie­re, die sich an der Rau­fe die bes­ten Plät­ze si­chern könn­ten, schlech­ter über den Win­ter. Lei­den­schaft­lich for­mu­liert, mit vie­len Bei­spie­len aus All­tag und Wis­sen­schaft, dürf­te „Das See­len­le­ben der Tie­re“ei­ne im­men­se Fan­ge­mein­de fin­den. Vor­her­seh­bar sind auch die Re­ak­tio­nen: Tier­schüt­zer wer­den das Buch lo­ben – so man­cher Ver­hal­tens­bio­lo­ge wird von der ver­mensch­li­chen­den Wort­wahl we­ni­ger be­geis­tert sein. Klar ist je­den­falls: Der Re­bell aus dem Wald hat er­neut den Nerv der Zeit ge­trof­fen.

Fo­to: Tobias Wohl­le­ben

Erst die Bäu­me, jetzt die Tie­re: Pe­ter Wohl­le­ben trifft den Nerv der Zeit.

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