Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Sieg­lin­de. Kul­tur­be­flis­se­nen fällt bei die­sem Na­men wo­mög­lich die Sieg­lin­de aus dem Ni­be­lun­gen­lied ein oder aus Wa­g­ners Wal­kü­re. Der ein oder an­de­re kennt wohl auch ei­ne leib­haf­ti­ge Sieg­lin­de. Aber vie­le Leu­te den­ken ein­fach an Nahr­haf­tes: Sieg­lin­de, die Kar­tof­fel, fest­ko­chend und wohl­schme­ckend. Das früh­rei­fe Erd­frücht­chen ist deut­schen Ver­brau­chern seit Jahr­zehn­ten ein Be­griff und so was wie das „It-Girl“un­ter den Kar­tof­feln. Wo­bei die Kon­kur­renz un­ter den tol­len Knol­len rie­sig ist: Anna­bel­le, Aga­ta, Be­la­na, Chris­ta, Dé­si­rée, Dit­ta, Freya, Glo­ria, Lin­da, Ma­ri­el­la, Ni­co­la, Re­na­te, Sel­ma, Stel­la ... Und das sind nur ein paar Bei­spie­le aus dem Sor­ten­ka­ta­log von meh­lig bis fest­ko­chend. Doch, es gibt auch Kar­tof­fel­sor­ten, die kei­nen Frau­en­na­men tra­gen: das Bam­ber­ger Hörn­chen et­wa oder der Blaue Schwe­de. Al­les in al­lem aber be­herr­schen die Da­men die Kar­tof­fel­kis­te, wäh­rend sich die Her­ren vom Acker ge­macht ha­ben. Oder wur­den sie et­wa ver­trie­ben? Han­delt es sich gar um ei­nen ge­ziel­ten Aus­schluss des Man­nes von der Pom­mes­front? Das geht gar nicht. Schon regt sich Wi­der­stand! Der Bun­des­tag muss ran. Ei­ne Pe­ti­ti­on zur Gleich­be­hand­lung der Ge­schlech­ter bei der Ver­ga­be von Kar­tof­felna­men wur­de ge­star­tet. Der Initia­tor ver­weist dar­auf, dass ja auch bei den Na­men von Hoch- und Tief­druck­ge­bie­ten das Ge­schlecht ge­wech­selt wird. Dar­in, dass mehr als 90 Pro­zent der Kar­tof­fel­sor­ten weib­li­che Na­men trü­gen, sieht er ei­ne „ein­deu­ti­ge Be­nach­tei­li­gung hin­sicht­lich männ­li­cher Na­men“. Der Bun­des­tag mö­ge da­für sor­gen, dass mit­tel­fris­tig ei­ne „aus­ge­gli­che­ne Mi­schung“ge­schaf­fen wird. Ehe die fest­ko­chen­de Sieg­lin­de qua Ge­setz ver­stärkt männ­li­che Kon­kur­renz be­kommt, muss die Pe­ti­ti­on frei­lich noch Hür­den über­win­den: Der Initia­tor be­nö­tigt bis zum 17. Au­gust 50 000 Un­ter­stüt­zer sei­nes An­lie­gens – dann kann er sein Be­gehr mit Ab­ge­ord­ne­ten in ei­ner öf­fent­li­chen Sit­zung des Pe­ti­ti­ons­aus­schus­ses dis­ku­tie­ren. So rich­tig vie­le Mit­zeich­ner gibt es für die Pe­ti­ti­on 66662 – nach­zu­le­sen auf der In­ter­net­sei­te des Bun­des­tags – bis­lang al­ler­dings nicht. Da­für fin­det sich im Dis­kus­si­ons­be­reich un­ter „Die­se Pe­ti­ti­on KANN nicht ernst ge­meint sein“der Kommentar: „Ich möch­te die Kar­tof­fel nicht du­zen, ich möch­te sie ES­SEN“. Man sieht dar­an: Du, lie­be Sieg­lin­de, und Dei­ne Mit­kar­tof­feln – Ihr habt noch ech­te Fans.

Sieg­lin­de und die Pe­ti­ti­on 66662

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