Hau­ser mal an­ders

Wie der rät­sel­haf­te Find­ling mit Bil­dern um Ge­fal­len buhl­te

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Und wie­der gibt es ein neu­es Buch über Kas­par Hau­ser. Doch die­ses war­tet we­der mit ei­ner wei­te­ren Theo­rie über die Her­kunft des Find­lings auf, noch will es den ul­ti­ma­ti­ven Be­weis da­für er­brin­gen, dass der rät­sel­haf­te Jüng­ling eben doch ein ba­di­scher Prinz ge­we­sen sei. Kas­par Hau­ser ein­mal an­ders: Der Kunst­wis­sen­schaft­ler Chris­ti­an Scho­en be­schäf­tigt sich mit den Bild­wel­ten des rät­sel­haf­ten Man­nes, um dem Men­schen Kas­par Hau­ser auf die Spur zu kom­men. Ei­nem Men­schen, der, ehe er 1828 ver­wirrt und wan­kend in Nürn­berg auf­ge­grif­fen wird, wohl weit­ge­hend iso­liert und oh­ne äu­ße­re Rei­ze auf­ge­wach­sen ist, aber im­mer­hin ei­nen Na­men schrei­ben kann: Kas­par Hau­ser. Der „halb­wil­de Mensch“, der spä­ter in die Ob­hut ei­nes Leh­rers ge­ge­ben wird, lernt ra­sant: le­sen, rech­nen, Kla­vier- und Schach­spie­len – aber auch ma­len. Vor al­lem in sei­nen bei­den letz­ten Le­bens­jah­ren, ehe er 1833 in Ans­bach ei­nes ge­walt­sa­men To­des stirbt, fer­tigt Kas­par Hau­ser et­li­che Früch­te- und Blu­men­still­le­ben an. In Scho­ens Buch wer­den die ge­sam­ten er­hal­te­nen Zeich­nun­gen und Aqua­rel­le Kas­par Hau­sers ka­ta­lo­gi­siert und ana­ly­siert. Ei­ni­ge da­von sind der­zeit zu­dem im Ans­ba­cher Mark­gra­fen­mu­se­um in der Aus­stel­lung „Kas­par Hau­ser. Bild­wel­ten“aus­ge­stellt, die Scho­en ge­mein­sam mit Mu­se­ums­chef Wolf­gang Red­dig ku­ra­tiert hat. Viel De­kor und Blü­ten sind zu se­hen, ty­pi­scher Bie­der­mei­er-Kitsch, möch­te man mei­nen. Es sind Bil­der, wie man sie da­mals ger­ne ver­schenk­te, um in an­ge­neh­mer Er­in­ne­rung zu blei­ben – Wolf­gang Red­dig weist dar­auf hin, dass zu je­ner Zeit ja auch die Poe­sie­al­ben ent­stan­den. Kas­par Hau­ser hat sich die zeit­ge­nös­si­schen Kul­tur­tech­ni­ken zu ei­gen ge­macht und Ro­sen zu selbst ge­dich­te­ten Ver­sen ge­malt. Doch war er of­fen­bar eher Kunst­hand­wer­ker als Künst­ler: „Den Blät­tern fehlt in den meis­ten Fäl­len ei­ne Viel­schich­tig­keit, ei­ne frucht­ba­re Wech­sel­wir­kung von Form und In­halt, die ein Kunst­werk vom Bild un­ter­schei­det“, ur­teilt Chris­ti­an Scho­en, der in Hau­sers er­hal­te­nen Wer­ken zu­dem die „Un­mit­tel­bar­keit der spon­ta­nen, in­tui­ti­ven Zeich­nung“schmerz­lich ver­misst. Es ha­be al­ler­dings auch nicht dem Zeit­geist ent­spro­chen, das spon­ta­ne, krea­ti­ve Zeich­nen zu för­dern – oder ent­spre­chen­de Blät­ter auf­zu­he­ben. Das Man­ko, dass die er­hal­te­nen Zeich­nun­gen und Aqua­rel­le in der Kon­ven­ti­on ver­harr­ten und in­di­vi­du­el­le Zü­ge durch die von Hau­ser gern ver­wen­de­te Scha­blo­nen­tech­nik schließ­lich ganz ver­lo­ren gin­gen, ver­sucht Scho­en aus­zu­glei­chen: In ei­nem eher hy­po­the­ti­schen Teil des Bu­ches leuch­tet er die „in­ne­ren Bild­wel­ten“des jun­gen Man­nes mit der im Dunk­len lie­gen­den Kind­heit aus. Doch auch im auf­wen­di­gen Aqua­rel­lie­ren harm­lo­ser Blu­men- und Obst­mo­ti­ve sieht der Kunst­wis­sen­schaft­ler et­was un­ge­mein Rüh­ren­des. Kas­par Hau­ser, der et­li­che sei­ner Blät­ter ver­schenk­te, ziel­te of­fen­bar dar­auf ab, den Ge­schmack der Men­schen zu tref­fen, zu ge­fal­len – sei­ne Ma­le­rei trägt die Bot­schaft in sich, „ge­liebt wer­den zu wol­len“, meint Chris­ti­an Scho­en. Kas­par Hau­ser mal an­ders – aber ganz oh­ne die Erb­prin­zen­theo­rie, wo­nach Hau­ser der 1812 ge­bo­re­ne und we­ni­ge Tage spä­ter für tot er­klär­te Sohn des ba­di­schen Groß­her­zogs Karl und sei­ner Frau Sté­pha­nie war, kommt auch die­ses Buch nicht aus. Eck­art Böh­mer, der In­ten­dant der Kas­par-Hau­ser-Fest­spie­le in Ans­bach, lie­fert die „Zu­sam­men­schau“: über die Fak­ten, so weit be­kannt, über das Rät­sel von Hau­sers Her­kunft und zur Re­zep­ti­on sei­nes Schick­sals, das bis heu­te vie­le Leu­te be­wegt. Viel­leicht, weil es da­bei um ei­ne zen­tra­le Fra­ge des Da­seins geht: die Iden­ti­tät ei­nes Men­schen.

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