Feu­er, Eis und der Vi­king Ro­ar

Nach der Fuß­ball-EM boomt Is­land

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub -

Is­land hat bei der Fuß­ball-EM al­le be­geis­tert. Der­zeit schnel­len auch die Ur­laubs­bu­chun­gen in die Hö­he. Der atem­be­rau­ben­den Na­tur der In­sel am nächs­ten kommt, wer sich mit dem Fahr­rad be­wegt. Ei­ne der be­ein­dru­ckends­ten Tou­ren ist die 185 Ki­lo­me­ter lan­ge Kjölur-Rou­te im Her­zen der In­sel. Schnur­stracks fräst sich der Trail durch die kar­ge St­ein­wüs­te des Hoch­lands. Der Him­mel bil­det ei­ne so­li­de, graue Mas­se, als die Grup­pe auf die Rä­der steigt. Der Re­gen häm­mert auf die Bril­len­glä­ser. Ge­wal­ti­ge Bö­en dro­hen, die Rad­ler von der Pis­te zu we­hen. Ge­sicht und Fin­ger­spit­zen sind fast taub vor Käl­te. Gleich am ers­ten Tag zeigt Is­land, was die Wer­bung ver­spricht: Feu­er und Eis, Glet­scher, Gey­si­re und Vul­ka­ne. Und schnei­den­de Käl­te. Als am Ho­ri­zont die Hüt­ten­dä­cher von Hver­a­vel­lir auf­tau­chen, rammt Thor plötz­lich sei­ne Streit­axt in den Him­mel. Das Be­ton­grau weicht Stahl­blau. Durch die Dampf­schwa­den der hei­ßen Qu­el­len von Hver­a­vel­lir hin­durch tau­chen rechts und links mas­si­ge Eis­schil­de auf: die Glet­scher Lang­jökull und Hofs­jökull. Un­glaub­lich, denn die grup­pe hat den An­blick voll­kom­men für sich al­lei­ne. Die Rin­groad Nr. 1, die Haupt­ver­kehrs­ader Is­lands, wel­che auf gut 1 400 Ki­lo­me­tern die In­sel um­run­det, ist mitt­ler­wei­le fast durch­gän­gig asphal­tiert. Doch die Stich­stra­ßen ins Lan­des­in­ne­re und die zwei Trans-Is­land-Rou­ten Kjölur und Spren­gi­san­dur so­wie die Pis­ten zum Kver­k­fjöll und nach Ask­ja sind nur mit All­ra­dVe­hi­keln zu be­fah­ren – des­we­gen kommt hier nur sel­ten ein Fahr­zeug vor­bei. Wer Is­land mit dem Rad ent­deckt, dem be­schert der Au­ßen­pos­ten im Eis­meer Er­leb­nis­se völ­lig neu­er Di­men­si­on. Wo sonst kann man zwi­schen ei­ni­gen der größ­ten Glet­scher der Er­de Sla­lom fah­ren, um­kurvt ge­wal­ti­ge Was­ser­fäl­le und kann sein Früh­stücks­ei in bro­deln­den Bä­chen ko­chen? Am Glet­scher­see Jökul­sár­lón hol­pern die Rad­ler an haus­ho­hen Eis­ber­gen vor­bei. Und was für ein Pan­ora­ma das ist: Der Vat­na­jökull, der Glet­scher, der die­se Sky­line aus Eis­klöt­zen vor sich her­wälzt, ist grö­ßer als al­le an­de­ren eu­ro­päi­schen Glet­scher zu­sam­men. Dem stun­den­lan­gen Bi­ke-Spaß durch Ur­zeit­land­schaf­ten folgt am Abend das Cam­ping- Din­ner im Son­nen­un­ter­gang. Zur Un­ter­ma­lung spie­len die Glet­scher-Za­cken Schwa­nen­see-Bal­lett. In Zeit­lu­pe drif­ten sie am Nu­del­topf vor­bei hin­aus aufs of­fe­ne Meer. Zur Nach­spei­se gibt es noch ei­nen fan­tas­ti­schen Stern­schnup­pen­ha­gel. Doch dann dreht der Wind, und wil­de Bö­en rei­ben sich über Nacht pfei­fend an den Eis­mas­sen. Am Vul­kan­see Mvatn hat sich das Wet­ter am nächs­ten Mor­gen wie­der ge­bes­sert. Gol­de­nes Licht schmei­chelt der satt­grü­nen Se­en­land­schaft. Die Sil­hou­et­te hat et­was Un­wirk­li­ches: Kar­ge Asche­ke­gel ra­gen in das tie­fe Blau des Him­mels. Übe­r­all zischt und bro­delt es. Die Ge­gend ist geo­ther­misch höchst ak­tiv. Und das sind auch die zahl­rei­chen In­sek­ten. Die Mü­cken rund um den Mvatn, über­setzt „Mücken­see“, sind zwar win­zig, da­für um­so fie­ser. Sie schwir­ren nicht plan­los durch die Luft, son­dern rau­schen mit Vor­lie­be schnur­stracks in Au­gen, Mund und Na­sen­lö­cher. Ein­zi­ge Ab­hil­fe: ein Hut mit Flie­gen­netz. Vier Jah­res­zei­ten stünd­lich ma­chen die Fort­be­we­gung auf der Vul­kan­in­sel nicht im­mer ein­fach, und schon bald ist klar: Die­se In­sel ist nichts für Warm­du­scher. Im­mer wie­der zerrt das Duo von Wind und Re­gen an den Ner­ven. Da­für leuch­tet die Mit­ter­nachts­son­ne fast rund um die Uhr. Dann, am Go­da­foss-Was­ser­fall, dem End­punkt der Tour, an­ge­langt, löst sich der apo­ka­lyp­ti­sche Spuk plötz­lich in Wohl­ge­fal­len auf. Ein letz­ter Nie­sel­re­gen zau­bert ei­nen ge­wal­ti­gen Re­gen­bo­gen über die to­sen­den Was­ser- mas­sen. Was soll da die gan­ze Nör­ge­lei? Ge­lieb­tes Is­land, den­ken die Rad­ler, die nun stau­nend den An­blick ge­nie­ßen. Zu­rück in Reykjavik klet­tert das Qu­eck­sil­ber erst­mals über 25 Grad. Von we­gen Is­lan­dPul­lis mit Roll­kra­gen – die ein­hei­mi­schen Mä­dels lau­fen bauch­frei durch die Stadt, die Ca­fés und Kn­ei­pen ha­ben sämt­li­ches Mo­bi­li­ar auf die Geh­we­ge ge­räumt. Bei­na­he wie an der Strand­pro­me­na­de von Ri­mi­ni. Ein kräf­ti­ges Hoch über Is­land – was für ei­ne Über­ra­schung. Fast so ei­ne Über­ra­schung wie das groß­ar­ti­ge Ab­schnei­den der is­län­di­schen Fuß­bal­ler bei der EM, das die Fans mit dem be­rühmt ge­wor­de­nen „Vi­king Ro­ar“, dem Kampf­ge­schrei der Wi­kin­ger, fei­er­ten.

Vor­bei an haus­ho­hen Eis­ber­gen: Am Glet­scher­see von Jökul­sár­lón ma­chen ein paar Moun­tain­bi­ker Sta­ti­on nach ei­ner an­stren­gen­den Hol­per­fahrt durch die ver­eis­te Land­schaft. Fo­to: srt

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