Un­ter Ren­tie­ren: Ex­pe­di­ti­on an das Nord­kap

Ex­pe­di­ti­on ans Nord­kap: Li­lith Di­rin­ger aus Wald­bronn-Et­zen­rot war da­bei

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite -

Die 16-jäh­ri­ge Li­lith Di­rin­ger aus Wald­bronn-Et­zen­rot war ei­ne der Ju­gend­li­chen, die von Hei­del­berg aus ans Nord­kap reis­te, um dort zwölf Ta­ge lang wie ein For­scher zu ar­bei­ten. Was sie dort un­ter an­de­rem er­leb­te, hat sie für den SONN­TAG auf­ge­schrie­ben.

Ken­nen­ge­lernt ha­ben wir uns ge­ra­de ein­mal vor sie­ben Ta­gen – sechs St­un­den, be­vor wir un­se­re ers­te Etap­pe mit dem Bus bis nach Schwe­den star­te­ten – zu ei­ner For­schungs­ex­pe­di­ti­on ans Nord­kap. Es ist ei­ne der For­schungs­rei­sen, die das In­sti­tut für Ju­gend­ma­nage­ment Hei­del­berg (IJM) jähr­lich or­ga­ni­siert. Die Rei­se wur­de nicht ein­fach von den El­tern be­zahlt, son­dern je­der von uns muss­te Spon­so­ren fin­den, die das For­schungs­pro­jekt un­ter­stüt­zen. Kurz und gut – vor sie­ben Ta­gen ging es pünkt­lich um Mit­ter­nacht von Hei­del­berg aus los, nach­dem wir uns auf die Ziel­set­zun­gen un­se­rer For­schungs­ex­pe­di­ti­on ge­ei­nigt hat­ten. Da­nach hieß es je­doch nicht schla­fen, denn wir muss­ten zu­nächst zu je­der Ziel­set­zung in den drei For­schungs­be­rei­chen „Flo­ra, Fau­na, Kli­ma“„Mensch, Kul­tur, Spra­che“so­wie „Wirt­schaft und In­fra­struk­tur“die pas­sen­de Me­tho­dik her­aus­su­chen. In al­len drei Be­rei­chen wer­den al­le zehn der For­schungs­teil­neh­mer in den nächs­ten Ta­gen zu ar­bei­ten ha­ben – und da ist es um­so wich­ti­ger, dass kei­ne Miss­ver­ständ­nis­se auf­tre­ten. Jetzt star­ten wir in den sieb­ten Tag. Et­was di­cker ein­ge­packt sit­zen wir heu­te auf un­se­ren Plät­zen, denn be­reits am gest­ri­gen Abend hat uns die Käl­te nach den letz­ten so un­er­war­tet war­men Ta­gen doch über­rascht. Und da das heu­ti­ge Ziel Nord­kap heißt, ist es selbst­ver­ständ­lich, dass wir klei­dungs­tech­nisch schon ein­mal vor­ge­sorgt ha­ben. Doch schon nach we­ni­gen Mi­nu­ten hal­ten wir an die­sem Mor­gen frü­her als ge­wohnt an, um noch ei­ni­ge Um­fra­gen durch­zu­füh­ren – denn bald wer­den wir die Zi­vi­li­sa­ti­on ver­las­sen. Die Stra­ßen wer­den im­mer schma­ler und kur­vi­ger, das Ge­län­de im­mer un­zu­gäng­li­cher – und den Ers­ten im Bus wird schon nach kur­be­tre­ten. zer Zeit schlecht. Wäh­rend der Bus­fahrt än­dert sich die Land­schaft stän­dig. Fels­ab­hän­ge di­rekt ne­ben wei­ten Was­ser­flä­chen, hier und da ein paar Pflan­zen. Die Ve­ge­ta­ti­on nimmt ab. Spo­ra­disch las­sen sich im­mer wie­der klei­ne­re Gras­bü­schel und weit ver­zweig­te Bäu­me er­ken­nen. Im Zu­sam­men­spiel all die­ser Fak­to­ren er­gibt sich ein schö­nes ab­wechs­lungs­rei­ches Bild. „Hier rechts! Ein See!“Die Flo­ra-, Fau­na, Kli­ma­grup­pe steht be­reits an der Tür, be­vor die­se über­haupt ge­öff­net wird. Der Aqua-Un­ter­su­chungs­kas­ten wird mit nach drau­ßen ge­tra­gen. Nach dem ers­ten ge­schei­ter­ten Ver­such, ei­ne Was­ser­pro­be zu tes­ten, ge­ben wir schnell auf. Der Wind ist so stark, dass so­gar die ge­füll­ten Glä­ser vom Un­ter­su­chungs­tisch ge­weht wer­den. Wir ent­schlie­ßen uns da­zu, ei­ne Was­ser­pro­be mit­zu­neh­men und die Un­ter­su­chungs­ver­fah­ren spä­ter an ei­nem wind­stil­le­ren Ort durch­zu­füh­ren. Den nächs­ten Halt auf der Stre­cke ma­chen wir in dem nor­we­gi­schen Fi­scher­dorf Gje­sua­er. Das Ge­biet, das auf der­sel­ben geo­gra­phi­schen Hö­he liegt wie das Nord­kap, lässt er­neut das Herz un­se­rer „Flo­ra-, Fau­na-, Kli­ma­grup­pe“schnel­ler schla­gen. Es wird von zahl­rei­chen Vö­geln, dar­un­ter dem Sturm­vo­gel oder dem Töl­kel, als Nist­platz ge­nutzt, wird als Le­bens­raum aber auch von Säu­ge­tie­ren wie der Ke­gel­rob­be und dem Ot­ter ge­nutzt. Wäh­rend das be­sag­te Team die Ve­ge­ta­ti­on und die hier le­ben­den Tie­re be­staunt, sam­meln die an­de­ren flei­ßig Ant­wor­ten zu ih­ren Um­fra­gen. Dies ist un­ser letz­ter gan­zer Tag in Nor­we­gen, so­dass wir heu­te um­so in­ten­si­ver an die Ar­beit ge­hen. Kaum sind wir al­le ein­ge­stie­gen und wie­der los­ge­fah­ren, müs­sen wir auch schon wie­der brem­sen. Ren­tie­re ver­sper­ren uns den Weg. Als sie be­mer­ken, dass ein Fahr­zeug naht, teilt sich ih­re Grup­pe. Ein paar ge­hen auf die rech­te Sei­te, ei­ni­ge wei­chen auf die lin­ke aus und ein ein­sa­mes Ren­tier läuft stur mit­ten auf der Fahr­bahn wei­ter. Ren­tie­re be­geg­nen uns noch ein paar Mal auf un­se­rer Fahrt, an­sons­ten ver­läuft die kur­vi­ge Stre­cke je­doch ru­hig. Nach ei­nem aus­nahms­wei­se sehr frü­hen Abend­es­sen um 18 Uhr fah­ren wir schließ­lich zum End­ziel des heu­ti­gen Ta­ges – dem Nord­kap. Schnee wir­belt auf der Ki­no-Lein­wand auf. Die Land­schafts­auf­nah­men zie­hen von links nach rechts an uns vor­bei und wir sind froh, nicht im Win­ter her­ge­kom­men zu sein. Trotz der idyl­li­schen Stim­mung, die die wei­ße Schnee­de­cke her­vor­ruft, kann man sich doch vor­stel­len, wie warm man sich tat­säch­lich ein­pa­cken muss, um in die­ser Jah­res­zeit hier nicht zu er­frie­ren. Wir je­doch sit­zen im War­men, wäh­rend wir im Bauch des Nord­kap­zen­trums den Vor­stel­lungs­film des Ge­biets ver­fol­gen. Der Mann auf der Lein­wand steigt in sein Boot und kehrt die di­cke Schnee­schicht von Deck, be­vor er zum früh­mor­gend­li­chen Fi­schen ab­legt. Auch wir ste­hen auf, als der Ab­spann kommt und wol­len nun end­lich das Nord­kap nicht nur vi­su­ell er­le­ben, son­dern tat­säch­lich mit ei­ge­nen Fü­ßen End­lich ste­hen wir vor der stäh­ler­nen Welt­ku­gel am (fast) nörd­lichs­ten Punkt Eu­ro­pas – und so fühlt es sich auch an. Der Wind macht das At­men und auch das Un­ter­hal­ten schwer und be­reits nach we­ni­gen Mi­nu­ten hat ein Groß­teil von uns halb er­fro­re­ne Hän­de und ei­ne ro­te Na­se. Nach ein paar Fo­tos und Fil­men flüch­ten wir ins war­me In­ne­re des In­for­ma­ti­ons­zen­trums. Auf­wär­men ist jetzt an­ge­sagt, denn das Po­sen im T-Shirt hat doch län­ger ge­dau­ert als er­war­tet. Und auch im In­ne­ren gibt es ge­nug zu se­hen. Ein Thai-Mu­se­um, ei­ne Ka­pel­le, ei­ne Licht­show und zahl­rei­che In­for­ma­ti­ons­wän­de und Vi­de­os la­den zum län­ge­ren Ver­bleib im Ge­bäu­de ein. Auf­grund der Nei­gung der Erd­ach­se und der Um­lauf­bahn der Er­de um die Son­ne kommt es da­zu, dass es an den Po­lar­krei­sen ein­mal im Jahr kei­ne Nacht und ein­mal im Jahr kei­nen Tag gibt. Sprich, die Son­ne geht ent­we­der

77 Ta­ge lang geht die Son­ne nicht un­ter

erst gar nicht auf oder nicht un­ter. Am nörd­li­chen Po­lar­kreis ist letz­te­res am 21. Ju­ni der Fall. Mit­ter­nachts­son­ne wird die­ses Er­eig­nis ge­nannt. Hier am Nord­kap, der noch ein Stück wei­ter nörd­lich liegt, fin­den die­se be­son­de­ren Zu­stän­de nicht nur an je­weils ei­nem Tag im Jahr statt, son­dern sind ent­spre­chend ih­rer stär­ker nörd­li­chen La­ge ver­län­gert. 77 Ta­ge lang, von Mit­te Mai bis En­de Ju­li, geht am Nord­kap die Son­ne nicht un­ter. Wir hat­ten un­se­re An­kunfts­zeit al­so per­fekt ge­plant, um die­ses Spek­ta­kel mit­zu­er­le­ben. Nach­dem wir kurz vorm Ein­stei­gen in den Bus noch­mals über­prüft ha­ben, ob auch nie­mand von dem star­ken Wind weg­ge­weht wor­den ist, keh­ren wir ins Ho­tel zu­rück, um dort noch un­se­re Prä­sen­ta­tio­nen des heu­ti­gen Ta­ges zu hal­ten. Wach­blei­ben fällt uns nicht schwer, denn glück­li­cher­wei­se fällt auch die­ser Tag in die 77-Ta­ge-Pe­ri­ode, in der am Nord­kap die Son­ne nicht un­ter­geht.

Ein Team aus ju­gend­li­chen For­schern war zwölf Ta­ge lang im ho­hen Nor­den un­ter­wegs. Hier ein Teil der Grup­pe am Nord­kap. Un­se­re Mit­ar­bei­te­rin Li­lith Di­rin­ger (drit­te von links) war da­bei und do­ku­men­tier­te die Rei­se für den SONN­TAG. Fo­tos: lil

Auf dem Weg ans Nord­kap do­ku­men­tier­ten die jun­gen For­scher im­mer wie­der die Land­schaft, die im­mer fel­si­ger und kar­ger wur­de. Statt Wäl­dern sah man ir­gend­wann nur noch ver­ein­zel­te Bäu­me.

Ver­trau­ter An­blick: Über­all lau­fen ei­nem in Nor­we­gen Ren­tie­re über den Weg.

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