Vom Lu­xus­gut zum Le­bens­nerv

Das Murg­tal – die Keim­zel­le der ba­di­schen Lan­deselek­tri­zi­täts­ver­sor­gung

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Zwei St­un­den an­ste­hen, nur um ein­mal das Licht an- und aus­dre­hen zu dür­fen? Für Men­schen, die dar­an ge­wöhnt sind, dass der Strom aus der Steck­do­se kommt, ist das kaum vor­stell­bar. Aber als im Jahr 1881 in Paris ei­ne Elek­tri­zi­täts­aus­stel­lung statt­fand, war elek­tri­scher Strom Lu­xus pur – und die Leu­te war­te­ten ge­dul­dig dar­auf, die neue Tech­no­lo­gie „aus­pro­bie­ren“zu dür­fen. Zehn Jah­re spä­ter – vor 125 Jah­ren – nahm mit der ers­ten Strom-Fern­über­tra­gung vom Was­ser­kraft­werk in Lauf­fen am Neckar ins 175 Ki­lo­me­ter ent­fern­te Frankfurt am Main der Auf­bau flä­chen­de­cken­der Strom­ver­sor­gungs­net­ze sei­nen An­fang (mehr da­zu le­sen Sie im Ar­ti­kel „Der rich­ti­ge Dreh“). Al­ler­dings soll­te es noch Jahr­zehn­te dau­ern, bis ganz Deutsch­land „elek­tri­siert“war. In Ba­den be­gann das Aben­teu­er der Elek­tri­fi­zie­rung am Hoch­rhein bei Rhein­fel­den – dort ging 1898 das da­mals größ­te eu­ro­päi­sche Lauf­was­ser­kraft­werk in Be­trieb. Die Kon­zes­si­on da­für war an ein Kon­sor­ti­um un­ter Füh­rung der Ber­li­ner AEG ver­ge­ben wor­den – noch schie­nen dem ba­di­schen Staat die Chan­cen der neu­en Tech­no­lo­gie zu un­ge­wiss, als dass er sich di­rekt be­tei­li­gen woll­te. Doch schon bald wur­de die Was­ser­kraft als „wei­ße Koh­le“ge­rühmt – und das Un­be­ha­gen an ih­rer pri­vat­wirt­schaft­li­chen Aus­beu­tung wuchs. Aber erst im No­vem­ber 1918 nahm am Ober­lauf der Murg bei For­bach das ers­te staat­li­che Was­ser­kraft­werk Ba­dens den Be­trieb auf – we­gen der po­li­ti­schen Wir­ren un­mit­tel­bar nach dem Ers­ten Welt­krieg oh­ne viel Tam­tam. Als „Keim­zel­le der ba­di­schen Lan­deselek­tri­zi­täts­ver­sor­ung“be­zeich­net Tho­mas Her­zig – er ist Lei­ter der Ab­tei­lung „Aus­stel­lun­gen“im Mann­hei­mer Tech­no­se­um – das Murg­tal. Als im Karls­ru­her Stän­de­haus 1912 der Bau ei­nes „Murg­wer­kes durch den Staat“be­schlos­sen wur­de, war die Elek­tri­fi­zie­rung im Groß­her­zog­tum „zwei­ge­teilt“: Im Nor­den do­mi­nier­te die Dampf­kraft auf Koh­le­ba­sis, im Sü­den setz­te man auf Was­ser­kraft – der Hoch­rhein mit sei­nem re­la­tiv ho­hen Ge­fäl­le mach­te es mög­lich. Hin­zu ka­men klei­ne­re Elek­tri­zi­täts­wer­ke in Schwarz­wald­tä­lern. Et­wa ein Drit­tel der ba­di­schen Ge­mein­den konn­te so zu­min­dest theo­re­tisch mit Strom ver­sorgt wer­den – gut war die Si­tua­ti­on et­wa in Mann­heim, Achern und Lör­rach. Es gab je­doch vie­le „wei­ße Fle­cken“, schreibt Her­zig in dem Buch „In­dus­tria­li­sie­rung im Nord­schwarz­wald“– bei Dur­lach bei­spiels­wei­se oder bei Ep­pin­gen. Vie­le Ab­ge­ord­ne­ten gei­ßel­ten die „Ro­si­nen­pi­cke­rei“der gro­ßen Ka­pi­tal­ge­sell­schaf­ten bei der Strom­ver­sor­gung – sie wür­den sich nur in be­völ­ke­rungs­und ge­wer­be­rei­chen Ge­bie­ten, die viel Ge­winn ver­spra­chen, en­ga­gie­ren. Al­lein durch den staat­li­chen Kraft­werks­bau, dar­über wa­ren sich Ver­tre­ter al­ler Par­tei­en ei­nig, könn­te man die In­ter­es­sen der Be­völ­ke­rung schüt­zen. So wur­de das ge­plan­te Murg­werk als Boll­werk ge­gen das „Mo­no­pol­ka­pi­tal“ge­fei­ert. Selbst Wirt­schafts­li­be­ra­le und Kon­ser­va­ti­ve wie der Müh­len­be­sit­zer Chris­ti­an Gie­rig aus Ett­lin­gen be­grüß­ten die „So­zia­li­sie­rung“der Ener­gie­wirt­schaft. Der For­ba­cher Kraft­werks­kom­plex („Ru­dol­fFett­weis-Werk“) wur­de nach dem Ers­ten Welt­krieg in meh­re­ren Ab­schnit­ten aus­ge­baut, zu ihm ge­hört die un­ter der Lei­tung von Ru­dolf Fett­weis 1922 bis 1926 er­rich­te­te Schwar­zen­bach-Tal­sper­re, die schon in der vor­aus­schau­en­den Pla­nung des Karls­ru­her Was­ser­bau­in­ge­nieurs Theo­dor Re­bock zu An­fang des 20. Jahr­hun­derts vor­ge­se­hen war. Das Bau­werk mit der 65 Me­ter ho­hen und 380 Me­ter lan­gen Stau­mau­er galt als tech­ni­sche Pio­nier­leis­tung – und fas­zi­niert bis heu­te: die ge­wal­ti­ge Mau­er und der gro­ße Stau­see bil­den ein be­lieb­tes Aus­flugs­ziel. In der Re­pu­blik Ba­den war es Tho­mas Her­zig zu­fol­ge nach 1918 kei­ne Fra­ge, dass die Elek­tri­zi­täts­ver­sor­gung Teil der So­zi­al­po­li­tik und da­mit Staats­auf­ga­be war. Hoch­span­nungs­tech­nisch soll­ten die Re­gio­nen zu­sam­men­ge­führt und ei­ne Ver­bin­dung der Was­ser­kräf­te des Schwarz­wal­des mit den Dampf­kraft­wer­ken in Mann­heim und Karls­ru­he ge­schaf­fen wer­den. 1929 wa­ren nur

Ein Boll­werk ge­gen das „Mo­no­pol­ka­pi­tal“

noch neun von über 1500 ba­di­schen Ge­mein­den oh­ne Strom­an­schluss. Da­für hat­te vor al­lem die 1921 ge­grün­de­te Ba­di­sche Lan­deselek­tri­zi­täts­ver­sor­gung AG ge­sorgt, de­ren Ak­ti­en sich sämt­lich in Staats­be­sitz be­fan­den. Das spä­ter Ba­den­werk ge­nann­te Un­ter­neh­men fu­sio­nier­te 1997 mit der Ener­gie­ver­sor­gung Schwa­ben zur EnBW. Die flä­chen­de­cken­de Strom­ver­sor­gung: Was vor 125 Jah­ren zö­ger­lich be­gann, stellt als Auf­ga­be der Da­seins­vor­sor­ge Po­li­tik und Tech­nik vor im­mer neue Her­aus­for­de­run­gen – ge­ra­de jetzt wie­der im Zei­chen der Ener­gie­wen­de. Denn elek­tri­sche Ener­gie ist zum „Le­bens­nerv“der Ge­sell­schaft ge­wor­den. Das „Kri­sen­hand­buch Strom­aus­fall Ba­den-Würt­tem­berg“lässt klei­nen Zwei­fel: Oh­ne Elek­tri­zi­tät wür­den Wirt­schaft und Ge­sell­schaft schon nach we­ni­gen Ta­gen voll­stän­dig zu­sam­men­bre­chen.

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