Mo­de für Mil­lio­nen

Der vor 100 Jah­ren ge­bo­re­ne Heinz Oes­ter­gaard war sei­ner Zeit in man­cher Hin­sicht vor­aus

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Mode & Stil - Axel Bo­tur

Berlin, der Krieg ist vor­bei, die Stadt liegt in Trüm­mern – wer denkt da schon an Klei­der und Gla­mour? 1946 ei­nen Mo­de­sa­lon zu er­öff­nen, klingt nach Wahn­witz. Doch Heinz Oes­ter­gaard spürt die Sehn­sucht der Frau­en, sich wie­der ein­mal hübsch zu ma­chen. Und so zaubert er aus al­ten Klei­dungs­stü­cken, die sie ihm mit­brach­ten oder Stof­fen, die er ge­gen Kaf­fee oder Zi­ga­ret­ten ein­ge­han­delt hat­te, klei­ne Mo­de­träu­me. Für ihn ist es der Be­ginn ei­ner gro­ßen Kar­rie­re. Der Mann, der vor 100 Jah­ren in Berlin als Sohn ei­ner deutsch-dä­ni­schen Ver­le­ger­fa­mi­lie ge­bo­ren wur­de, wen­det sich sein Le­ben schon früh der Mo­de zu. Sei­ne Mut­ter in­spi­riert ihn mit ih­rer Ele­ganz und Weltof­tail­le, fen­heit. Heinz Oes­ter­gaard lernt Tex­til­kauf­mann und Zu­schnei­den, stu­diert Kunst. Der Zwei­te Welt­krieg un­ter­bricht sei­ne Be­rufs­lauf­bahn jäh. Zu sei­nen ers­ten Nach­kriegs­kun­din­nen zähl­ten auch Pro­sti­tu­ier­te. Frau­en al­so, die schon aus Be­rufs­grün­den Auf­se­hen mit der Klei­dung er­re­gen woll­ten. Der Be­such ei­nes De­fi­lees von Chris­ti­an Di­or hät­te Oes­ter­gaard je­doch bei­na­he zur Auf­ga­be der ei­ge­nen Am­bi­tio­nen be­wo­gen. „Es war so schön, so sti­lis­tisch ein­wand­frei. Das kann ich nie ein­ho­len“, ge­stand er ein­mal in ei­ner Talk­show – und raff­te sich dann doch wie­der auf. Über­haupt Di­or. Als die­ser 1947 in Paris den „New Look“schuf – Glo­cken­rock, We­spen- Ja­cke mit Schöß­chen – wa­ren die deut­schen Frau­en zu­nächst ent­setzt. Die­se De­ka­denz! Die­ser Rück­fall in ein über­hol­tes Frau­en­bild! Doch die Sil­hou­et­te tri­um­phier­te. Auch Heinz Oes­ter­gaard ori­en­tier­te sich zu­nächst dar­an, ent­wi­ckel­te Schritt für Schritt je­doch sei­nen ei­ge­nen Stil: ju­gend­lich-ele­gant und we­ni­ger al­lü­ren­haft als die Pa­ri­ser Mo­de. Oh­ne­hin er­kann­te er bald, dass die Zu­kunft nicht in der eli­tä­ren, sünd­haft teu­ren Hau­te Cou­ture lie­gen kön­ne. Ihm schweb­te vor, dass sei­ne Klei­der von mög­lichst vie­len Frau­en ge­tra­gen wer­den. Er woll­te die Mo­de de­mo­kra­ti­sie­ren. Da­für ging er Ko­ope­ra­tio­nen mit der In­dus­trie ein, ver­ar­bei­te­te die neu auf­kom­men­den syn­the­ti­schen Stof­fe – man­cher Kol­le­ge sah es mit Grau­sen. Vor al­lem aber über­wand er die Trenn­li­nie zwi­schen „oben“und „un­ten“, in­dem er, der Cou­turi­er, sich vom Ver­sand­haus Qu­el­le als Mo­de­be­ra­ter an­heu­ern ließ. Das war 1967. Al­so rund 40 Jah­re be­vor der schwe­di­sche Tex­til­rie­se H&M auf die Idee kam, sei­nen Kun­den durch sai­so­na­le Ko­ope­ra­tio­nen mit ver­schie­de­nen Top­de­si­gnern et­was Gla­mour zu bie­ten. Mit dem ihm an­ge­hef­te­ten Eti­kett, er ma­che „Mo­de für Mil­lio­nen“konn­te Heinz Oes­ter­gaard sich ei­gent­lich nicht so rich­tig iden­ti­fi­zie­ren. Er­schwing­lich ja, aber eben auch raf­fi­niert und ele­gant woll­te er sei­ne Mo­de ver­stan­den wis­sen. Doch nicht nur die­ses Bei­spiel zeigt, wie weit Heinz Oes­ter­gaard, der von 1978 bis 1985 Pro­fes­sor für Mo­de und De­sign an der Fach­hoch­schu­le für Gestal­tung in Pforz­heim war, sei­ner Zeit oft vor­aus­eil­te: Er ent­warf schon früh Ac­ces­soire-Kol­lek­tio­nen – heu­te der Um­satz­trei­ber der Mo­de schlecht­hin. Er setz­te auf Stars als Wer­be­trä­ger

Ce­le­bri­ty Dres­sing – ehe es den Be­griff gab

und stat­te­te un­ter an­de­rem Za­rah Le­an­der, Cor­ne­lia Fro­boess und Ro­my Schnei­der aus – „Ce­le­bri­ty Dres­sing“al­so, noch be­vor der Be­griff über­haupt er­fun­den war. Der Sun­ny­boy ver­stand sich zu­dem glän­zend auf Selbst­ver­mark­tung, was ihm bes­te Plät­ze auf den Ma­ga­zin­sei­ten si­cher­te. Als sehr lang­le­big er­wies sich ei­ner sei­ner Ent­wür­fe, der sich frei­lich nicht an die mo­de­be­wuss­te Frau rich­te­te: Heinz Oes­ter­gaard er­fand 1973 die bun­des­weit ein­heit­li­che, grün-bei­ge-brau­ne Uni­form der Po­li­zei, die sich knapp vier Jahr­zehn­te be­haup­te­te. Jetzt ist sie blau – wie sein ers­ter, da­mals ab­ge­lehn­ter Farb­vor­schlag. Dar­über hin­aus ent­warf er für den ADAC Schutz­klei­dung und auch die so­wje­ti­sche Han­dels­ma­ri­ne durf­te sich rüh­men, „Oes­ter­gaard“zu tra­gen. Mit­te der 1980er Jah­re lässt Heinz Oes­ter­gaard, der seit 1967 in Mün­chen lebt, die Mo­de hin­ter sich. Er ent­deckt ei­ne neue Lei­den­schaft: das Kunst­hand­werk der Glas­blä­se­rei. Bis ihm der Arzt dies ver­bie­tet, weil die hei­ße Luft die Lun­ge an­greift. 2003 stirbt Heinz Oes­ter­gaard im Al­ter von 86 Jah­ren in ei­nem Se­nio­ren­heim in Bad Rei­chen­hall.

Der Cou­turi­er war sich nicht zu scha­de, ab 1967 ei­nem Ver­sand­haus als Mo­de­be­ra­ter zu die­nen: Hier sucht Heinz Oes­ter­gaard mit Gre­te Schi­cke­danz, der Be­sit­ze­rin der Qu­el­le Schi­cke­danz AG die pas­sen­den Stof­fe zu Mo­dell-Skiz­zen aus. Fo­to: avs

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