Wo Ma­ria dem Teu­fel be­geg­net

Ver­traut und doch mu­se­ums­reif: Volks­fröm­mig­keit ist in Dur­mers­heim Schwer­punkt-The­ma

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Katrin Kö­nig

Heiß strahlt die Son­ne auf Dur­mers­heim, und eben­so ver­las­sen wie die Sträß­chen des Or­tes wirkt an die­sem Vor­mit­tag im Au­gust das Hardtmu­se­um, ein wun­der­schö­nes und blu­men­ver­zier­tes Fach­werk­ge­bäu­de aus den 1720er Jah­ren. Doch da kommt Josef Tritsch an­ge­ra­delt, en­er­gie­ge­la­den und fröh­lich: Der Vor­sit­zen­de des Ver­eins „Ar­beits­kreis Hei­mat­pfle­ge“schließt das his­to­ri­sche Haus auf, prüft die Alarm­an­la­ge, macht Licht, öff­net die Fens­ter­lä­den und plau­dert. Da­mit er­weckt er nicht nur das Haus zum Le­ben, son­dern mil­dert den ers­ten Schreck beim Ein­tre­ten: Ei­ne le­bens­gro­ße Pup­pe – ei­ne al­te Da­me in Schwarz – kniet auf ei­ner Ge­bets­bank vor der Jung­frau Ma­ria. „Volks­fröm­mig­keit“heißt denn auch der Schwer­punkt des Mu­se­ums, das in das grenz­über­schrei­ten­de Pa­mi­na-Kul­tur­pro­jekt ein­ge­bun­den ist. „Wir sind rund zehn Pa­mi­na-Museen auf bei­den Sei­ten des Rheins, die sich je­weils auf ein The­ma be­son­ders kon­zen­trie­ren. Al­le un­se­re In­fo-Ta­feln sind da­her auch auf Fran­zö­sisch“, er­läu­tert Tritsch. „Über den Fo­kus der Volks­oder fröm­mig­keit hin­aus ver­mit­teln wir ei­nen Ein­druck vom Le­ben und Ar­bei­ten um 1900. Wir ha­ben un­ter an­de­rem ei­ne Woh­nung aus je­ner Zeit re­kon­stru­iert.“Bei­de Be­rei­che grei­fen in­des in­ein­an­der, zähl­ten doch Ob­jek­te wie Ro­sen­kranz, Kreu­ze und Bil­der bi­bli­scher Sze­nen um 1900 „zu je­dem Haus­halt“, wie Tritsch be­tont. Dass sich ge­ra­de das Hardtmu­se­um der Volks­fröm­mig­keit wid­met, hat vor al­lem ei­nen Grund: In Dur­mers­heim be­fin­det sich die be­deu­ten­de Wall­fahrts­kir­che „Ma­ria Bi­ckes­heim“, de­ren His­to­rie bis ins elf­te Jahr­hun­dert zu­rück­reicht. Ver­mut­lich sei an dem ex­po­nier­ten Ort auch schon ein rö­mi­sches Hei­lig­tum ge­we­sen, sagt Tritsch. „Es han­del­te sich je­den­falls um ei­ne Kreu­zung von Rö­mer­stra­ßen.“Fun­de deu­ten zu­dem dar­auf hin, dass hier einst Kel­ten, Ger­ma­nen und Me­ro­win­ger leb­ten. Die Wall­fahrt zu „Ma­ria Bi­ckes­heim“, greift Tritsch den Fa­den wie­der auf, ha­be ih­re Blü­te­zeit im 15. Jahr­hun­dert er­lebt. „Seit­her wer­den dort auch jähr­lich drei Jahr­märk­te ver­an­stal­tet.“Ka­men die Pil­ger zu­nächst aus der Um­ge­bung, aus Karls­ru­he oder Ett­lin­gen et­wa, wur­den im 20. Jahr­hun­dert Wall­fahrts­sonn­ta­ge aus­ge­schrie­ben, zu de­nen vie­le Men­schen mit Bus, Bahn und Au­to an­reis­ten. Mit der sin­ken­den Zahl prak­ti­zie­ren­der Ka­tho­li­ken ge­he al­ler­dings die Tra­di­ti­on der Wall­fahr­ten zu­neh­mend ver­lo­ren, räumt Tritsch ein: „Bis in die 1970er Jah­re hin­ein leb­ten drei Fa­mi­li­en vom Ver­kauf der Wall­fahrtsan­den­ken. Dann war die Zeit vor­bei.“Bis heu­te ge­be es aber ei­ne gro­ße Wall­fahrt im Sep­tem­ber: „Die hei­mat­ver­trie­be­nen Su­de­ten­deut­schen tref­fen sich hier.“Der Ent­wick­lung von Re­li­gi­on und Glau­ben ent­spre­chend ver­eint das Mu­se­um Ob­jek­te, die zu­gleich noch ver­traut und doch schon „his­to­risch“wir­ken. Mon­stran­zen, Ker­zen, Ge­bets­bü­cher, Ma­ri­en­fi­gu­ren – teils sind dies „Sou­ve­nirs“der Wall­fahrts­kir­che, die einst dort ge­seg­net wer­den konn­ten. Man­ches mu­tet bi­zarr an: Kit­schi­ge Bild­nis­se Je­su mit ei­nem über­di­men­sio­na­len ro­ten Herz et­wa – oder auch des Teu­fels am To­des­bett ei­nes „Sün­ders“. Bei­na­he amü­sant die „un­heil­ab­weh­ren­den Ob­jek­te“heid­ni­schen Ur­sprungs wie Dach­zie­gel mit Stern­mo­ti­ven oder ein Klei­e­kot­zer. „Mit­tel­al­ter­li­ches deut­sches Voo­doo“, nennt Tritsch das au­gen­zwin­kernd. Auch der „christ­li­che Le­bens­lauf“wird mit Aus­stel­lungs­stü­cken dar­ge­stellt, von der Ge­burt über Kom­mu­ni­on, Fir­mung und Hei­rat bis zum Tod. An der schwar­zen „To­des­wand“hängt auch das Foto ei­nes ver­stor­be­nen Kin­des. „Aus den Haa­ren die­ser Kin­der wur­den oft Ge­flech­te ge­macht und an die Wand ge­hängt“, weist Tritsch auf ein sol­ches. Glück­li­cher­wei­se um­fasst das Mu­se­um zu­gleich ge­nug „Le­bens­zu­ge­wand­tes“, nicht zu­letzt mit Blick auf die ge­müt­li­che „Woh­nung um 1900“, wo sich Ku­rio­si­tä­ten wie ein ma­nu­el­les Sah­ne­schlag­ge­rät fin­den – ei­ne Wärm­fla­sche, die Ba­by­fla­schen warm hal­ten kann. Rund 1 000 Be­su­cher hat das Mu­se­um im Jahr.

Foto: Kö­nig

Vie­le Aus­stel­lungs­stü­cke zum The­ma „Volks­fröm­mig­keit“sind im Hardtmu­se­um in Dur­mers­heim zu se­hen. Josef Tritsch, der Vor­sit­zen­de des Ar­beits­krei­ses Hei­mat­pfle­ge, weist auf ei­nen re­kon­stru­ier­ten klei­nen La­den hin, an dem frü­her Sou­ve­nirs an Wall­fah­rer ver­kauft wur­den.

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