Die Kat­ze im Sack

Es gibt vie­le Re­de­wen­dun­gen – aber wo kom­men sie ei­gent­lich her?

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Tan­ja Ka­sisch­ke

Kommt Ne­les Opa ins Er­zäh­len, rol­len Oma und Ma­ma mit den Au­gen. „Schon wie­der die ol­len Ka­mel­len“, sagt ei­ne von bei­den dann. Und: „Ne­le, halt doch kei­ne Maulaf­fen feil!“Ne­le ver­steht nur Bahn­hof. Denn von Ka­mel­len (Bon­bons) han­deln Opas Ge­schich­ten gar nicht. Af­fen kom­men auch kei­ne drin vor. Ha­ben Ma­ma und Oma viel­leicht den ro­ten Fa­den ver­lo­ren? Ne­le je­den­falls fin­det, dass Opas Ge­schich­ten Hand und Fuß ha­ben. Sie könn­te bis in die Pup­pen zu­hö­ren. Re­dens­ar­ten be­schrei­ben Din­ge oder Si­tua­tio­nen mal lus­tig, mal dra­ma­tisch, und häu­fig bild­haft. Das be­wirkt, dass sie im Ge­dächt­nis blei­ben. Bis zu 100 Re­de­wen­dun­gen ge­hö­ren durch­schnitt­lich zum Wort­schatz ei­nes er­wach­se­nen Men­schen. Tat­säch­lich ver­wen­den wir man­che Sprich­wor­te, oh­ne ih­re Be­deu­tung zu ken­nen. Hin­ter un­se­ren Re­dens­ar­ten ste­cken teil­wei­se ziem­lich al­te, vie­le schö­ne und ei­ni­ge trau­ri­ge Ge­schich­ten. Nun las­sen wir die Kat­ze aus dem Sack und ver­ra­ten ei­ni­ge da­von.

Mit Bon­bons, die im Rhein­land Ka­mel­len hei­ßen, hat der Spruch nichts zu tun. Ge­meint ist in die­sem Fall Ka­mil­le, die als Heil­pflan­ze ge­schätzt wird. Hei­len­de Kräf­te hat das Kraut mit den wei­ßen Blü­ten aber nur, wenn es frisch ge­pflückt ist. Ver­trock­ne­te Ka­mil­le, „ol­le Ka­mel­le“, ist nutz­los. Das Sprich­wort be­zieht sich auf Din­ge, die nichts be­wir­ken, oder auf Ge­schich­ten, die man schon ganz oft ge­hört hat.

Der Ur­sprung der Wen­dung ist un­klar. Das Sprich­wort könn­te wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs (1914 bis 1918) ent­stan­den sein, als Sol­da­ten, die vom Kämp­fen die Na­se voll hat­ten, am liebs­ten wie­der nach Hau­se ge­gan­gen wä­ren. Für die kriegs­mü­den Sol­da­ten wur­de der Bahn­hof zum Sym­bol des Hei­mat­ur­laubs. Der Du­den mut­maßt, „dass je­mand, der den Bahn­hof als Aus­gangs­punkt ei­ner Rei­se im Sinn hat, an nichts an­de­res mehr den­ken kann und nicht auf­merk­sam zu­hört.“In­zwi­schen wird das Sprich­wort ver­wen­det, wenn je­mand nicht ver­steht, wor­um es im Ge­spräch geht.

Die Re­dens­art kommt aus En­g­land. Vor 300 Jah­ren war das Land ei­ner der mäch­tigs­ten eu­ro­päi­schen Staa­ten, denn En­g­land be­saß ei­ne gro­ße Flot­te mit Han­dels- und Kriegs­schif­fen und ver­dien­te da­mit viel Geld. Je­des Schiff wur­de, wenn es im Ha­fen an­ker­te, mit di­cken Sei­len ver­taut, in die ein ro­ter Fa­den ein­ge­wo­ben war. Dar­an ließ sich ab­le­sen, dass ein Schiff der Re­gie­rung ge­hör­te. Der ro­te Fa­den ließ sich nur ent­fer­nen, in­dem man das Tau zer­stör­te. Er war so­zu­sa­gen ei­ne Dieb­stahl­si­che­rung. Wer sprich­wört­lich den ro­ten Fa­den ver­liert, wird nicht be­klaut, son­dern kommt vom The­ma ab.

Das ist ei­ne an­de­re For­mu­lie­rung für „Glück ge­habt“. Schwei­ne, vor al­lem klei­ne ro­si­ge Fer­kel, sind Glücks­brin­ger, weil es sie frü­her auf Schüt­zen­fes­ten zu ge­win­nen gab. Das Be­son­de­re dar­an war: Die Fer­kel wa­ren kei­ne Haupt­ge­win­ne, son­dern Trost­prei­se. Ein schlech­ter Schüt­ze hat­te im­mer noch Schwein, schließ­lich war er mu­tig ge­nug ge­we­sen, sich dem Wett­be­werb zu stel­len. Be­lieb­te Trost­prei­se an­dern­orts wa­ren Blu­men­töp­fe. Ih­re Sie­ger muss­ten mehr Spott er­tra­gen, wes­halb sich der Spruch hielt, dass man mit ei­ner schlech­ten Leis­tung oder ge­rin­gem Ein­satz „kei­nen Blu­men­topf ge­winnt“.

be­deu­tet, dass man sich für ei­ne Sa­che, die schon ent­schie­den ist, nicht mehr an­zu­stren­gen braucht. Der an­ti­ken grie­chi­schen Göt­tin Athe­ne ord­ne­ten die Men­schen als Sym­bol ei­ne Eu­le zu. At­hen, die Haupt­stadt Grie­chen­lands, war einst sehr reich und be­deu­tend. Ei­ne Eu­le hin­zu­tra­gen hieß, dass sich dar­an nichts än­der­te. Weil At­hen schon die Stadt der Eu­le war.

ist ein sehr al­tes Sprich­wort und meint ei­ne gu­te Sa­che. Ein Vor­ha­ben, „das Hand und Fuß hat“, klappt. Im Mit­tel­al­ter galt ein er­wach­se­ner Mensch als recht­schaf­fen, wenn er tüch­tig zu­pack­te und oh­ne Hil­fe auf sein Pferd stei­gen konn­te. Sym­bo­le da­für wa­ren die rech­te Hand und der rech­te Fuß. Auf ähn­li­che Wei­se ent­stand die Re­dens­art „aus dem Ste­g­reif“für et­was, das man spon­tan sagt oder macht. Ste­g­reif ist ein al­tes Wort für Steig­bü­gel, in den der Rei­ter sei­nen Fuß stell­te, um auf das Pferd zu stei­gen. Ge­lang ihm das schnell und oh­ne Hil­fe, schaff­te er’s „aus dem Ste­g­reif“.

will kei­ner. Das Sprich­wort steht für ei­nen Be­trug oder ei­ne Si­tua­ti­on, die nicht klar ist. Frü­her wur­den Fer­kel, die man auf dem Markt kauf­te, zum Trans­port in ei­nen Sack ge­steckt. Es kam vor, dass – wenn der Käu­fer nicht auf­pass­te – statt des teu­re­ren Fer­kels ei­ne (wert­lo­se) Kat­ze im Sack lan­de­te, und der Händ­ler sei­nen Kun­den da­mit her­ein­zu­le­gen ver­such­te. Das Ge­gen­teil ist, „die Kat­ze aus dem Sack zu las­sen“.

Das wirft man je­man­dem vor, der mit of­fe­nem Mund ei­ne Per­son oder Sze­ne be­ob­ach­tet und da­durch ab­ge­lenkt ist. Af­fen kön­nen für die­sen Aus­druck gar nichts. Der Aus­druck kommt vom mit­tel­hoch­deut­schen „mul ape“, Mund of­fen. Ein Maulaf­fe war um­gangs­sprach­lich ein Ki­en­span­hal­ter, den Fa­mi­li­en noch vor et­wa 150 Jah­ren in der Woh­nung als Licht­quel­le ver­wen­de­ten, be­vor es Gas­licht oder elek­tri­sches Licht gab. Man­che Maulaf­fen sa­hen aus wie Ge­sich­ter, de­nen der Mund of­fen­stand, dort hin­ein wur­de der Ki­en­span ge­steckt und an­ge­zün­det.

heißt: lan­ge! Ur­sprüng­lich be­zog sich die Re­de­wen­dung nicht auf ei­ne zeit­li­che Span­ne, son­dern mein­te ei­ne wei­te Stre­cke. Der preu­ßi­sche Kö­nig Fried­rich II. hat­te vor et­was mehr als 200 Jah­ren Skulp­tu­ren im Ber­li­ner Volks­park „Tier­gar­ten“auf­stel­len las­sen. Die Men­schen, die im Park spa­zie­ren gin­gen, nann­ten die Fi­gu­ren spöt­tisch „Pup­pen“und er­zähl­ten, sie gin­gen „in die Pup­pen“. Was un­ge­fähr ei­ner Stre­cke von drei Ki­lo­me­tern ent­sprach.

Das Foto mit der Eu­le ent­stand in der Aus­stel­lung „Mein Na­me ist Ha­se“, die noch bis zum 16. Ok­to­ber im Mu­se­um für Kom­mu­ni­ka­ti­on in Ber­lin und 2017 dann in Frank­furt ge­zeigt wird. Foto: Ka­sisch­ke

„Stur sein wie ein Esel / Nach je­man­des Pfei­fe tan­zen“: Die­se zwei Re­de­wen­dun­gen sind bild­lich dar­ge­stellt in dem Buch „Als die Esel Tan­go tanz­ten“. Die Zeich­ne­rin ist Ste­fa­nie Har­jes. Co­py­right: Mixt­vi­si­on-Ver­lag

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