Die Ma­gie der Moo­re

Ein­zig­ar­ti­ge Stand­or­te mit ex­tre­men Le­bens­be­din­gun­gen und hoch­spe­zia­li­sier­ten Ar­ten

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Patri­cia Klatt

Un­heim­lich, ne­be­lig – und dann gibt es wo­mög­lich noch Mo­or­lei­chen: Mit Moo­ren ver­band man jahr­hun­der­te­lang eher gru­se­li­ge Ge­schich­ten als Be­grif­fe wie Schön­heit oder Idyl­le. Da­bei sind Moo­re ein­zig­ar­ti­ge Stand­or­te mit ex­tre­men Le­bens­be­din­gun­gen und hoch­spe­zia­li­sier­ten Ar­ten. „Da­zu ge­hö­ren die Moor-Li­bel­len“, er­läu­tert Franz-Jo­sef Schiel. Der Bio­lo­ge un­ter­sucht die Li­bel­len im Na­tio­nal­park Schwarz­wald: „Das Ar­ten­spek­trum ist mit nicht mehr als 20 Ar­ten über­sicht­lich“, sagt Schiel. Er nennt Na­men wie Torf­mo­sa­ik­Jung­fer, Hoch­moor­mo­sa­ik-Jung­fer, schwar­ze Hei­de-Li­bel­le oder die Al­pen­s­ma­ragdLi­bel­le. Sie ist cha­rak­te­ris­tisch für die Gr­in­den, auf de­nen es – ne­ben der Hor­nis­grin­de mit dem größ­ten Hoch­moor – vie­le klei­ne Moor­flä­chen gibt. Cir­ca 26 Qua­drat­ki­lo­me­ter Moor­flä­che gibt es im Schwarz­wald, fünf da­von im Nord­schwarz­wald. Die be­kann­tes­ten Moo­re im Nord­schwarz­wald sind der Wild­see, der Hoh­loh­see auf dem Kal­ten­bronn und die Hor­nis­grin­de. „Im Na­tio­nal­park gibt es als grö­ße­re Be­rei­che das Al­ten­stei­gers­kopf­moor und das Vo­gels­kopf­hoch­moor“, sagt Marc För­sch­ler, der die Ab­tei­lung für Öko­lo­gi­sches Mo­ni­to­ring, For­schung und Ar­ten­schutz im Na­tio­nal­park lei­tet. Moo­re ent­ste­hen, wenn es Was­ser im Über­schuss gibt und sich Pflan­zen nicht zer­set­zen kön­nen. In Se­en kommt es dann all­mäh­lich zur Ver­lan­dung. Die­se Moo­re, in de­nen die dort wach­sen­den Pflan­zen noch Kon­takt zum Un­ter­grund ha­ben, nennt man Ver­lan­dungs­oder Nie­der­moo­re. Die Pflan­zen­mas­se ver­rot­tet we­gen des Sau­er­stoff­man­gels nicht voll­stän­dig, es bil­det sich Torf. An­ders ent­ste­hen die im Nord­schwarz­wald vor­herr­schen­den Hoch­moo­re. Aber auch hier spielt der Über­schuss von Was­ser die ent­schei­den­de Rol­le. In den Hoch­la­gen ha­ben sich auf den was­ser­dich­ten Schich­ten des Bunt­sand­steins durch ho­he Nie­der­schlags­men­gen dau­er­haf­te Was­ser­flä­chen ge­bil­det. Da­rin wach­sen Torf­moo­se, die als ech­te Über­le­bens­künst­ler mit we­ni­gen Nähr­stof­fen aus dem Re­gen­was­ser exis­tie­ren kön­nen; der Kon­takt der Pflan­zen zum mi­ne­ra­li­schen Un­ter­grund ist im Hoch­moor im Un­ter­schied zum Nie­der­moor aber nicht ge­ge­ben. Aber auch hier wer­den die ab­ster­ben­den Pflan­zen­kör­per nicht zer­setzt, son­dern bil­den über vie­le Jahr­hun­der­te hin­weg Torf­pols­ter, die be­stän­dig, wenn auch lang­sam, in die Hö­he wach­sen. Am Wild­see ist die Torf­schicht an man­chen Stel­len bis zu sie­ben Me­ter dick. „Die Moo­re wur­den im­mer wie­der ent­wäs­sert oder auch zur Be­wei­dung ge­nutzt, so dass es bei uns ei­gent­lich kei­ne ur­sprüng­li­chen Moo­re mehr gibt“, sagt För­sch­ler. Sie sei­en aber auch in der heu­ti­gen Form ein nähr­stoff­ar­mer Le­bens­raum für hoch spe­zia­li­sier­te Ar­ten: „Ra­sen­bin­se, Woll­grä­ser, Rausch­bee­re, Ros­marin­hei­de, Moos­bee­re oder der be­kann­te Son­nen­tau“, zählt För­sch­ler auf. Der Son­nen­tau lockt mit glit­zern­den „Tau­tröpf­chen“klei­ne Flie­gen an, die kle­ben blei­ben und ver­daut wer­den. Das Was­ser in den Moor­se­en, den Kol­ken, ist ex­trem nähr­stoff­arm und sau­er, kein Ort, in dem Fi­sche exis­tie­ren kön­nen. Li­bel­len da­ge­gen le­ben hier als Lar­ven. Auch die sel­te­ne Ge­birgs­schre­cke wohnt in der ge­höl­z­ar­men, of­fe­nen Land­schaft, Wie­sen­pie­per nut­zen sie als Rast­platz.

Torf­moo­se sind ech­te Über­le­bens­künst­ler

Moo­re sind nicht al­lein we­gen ih­rer Be­deu­tung als Le­bens­raum be­droh­ter Tie­re und Pflan­zen hoch­gra­dig schutz­wür­dig. Durch das be­stän­di­ge An­rei­chern von Torf spei­chert ein Moor enor­me Men­gen von Koh­len­stoff und min­dert des­sen An­rei­che­rung in der At­mo­sphä­re. Al­lein in den Moo­ren Ba­den-Würt­tem­bergs sind ge­schätz­te 30 Mil­lio­nen Ton­nen Koh­len­stoff ge­spei­chert – welt­weit sei in den Moo­ren rund ein Drit­tel des Koh­len­stoff­vor­rats der Er­de ge­bun­den, sa­gen Fach­leu­te. Weil den Moo­ren im Zei­chen des Kli­ma­wan­dels be­son­de­re Be­deu­tung zu­kommt, hat 2015 die da­ma­li­ge grün-ro­te Lan­des­re­gie­rung ein Moor­schutz­kon­zept vor­ge­stellt. „Die zu­künf­ti­ge Ent­wick­lung der Moo­re ist ab­hän­gig von den Nie­der­schlä­gen, die man ja nicht ge­nau vor­her­sa­gen kann“, be­rich­tet Marc För­sch­ler: „Aber si­cher ist, dass die Re­ge­ne­ra­ti­on der Moo­re lan­ge dau­ern wird“.

Enor­me Men­gen von Koh­len­stoff ge­spei­chert

Fo­to: Sand­bil­ler/Ar­chiv

Ge­heim­nis­voll und schau­rig schön: Das Hoh­loh­see­moor ist ein sen­si­bles Klein­od. Ho­he Nie­der­schlags­men­gen und was­se­r­un­durch­läs­si­ge Gesteins­schich­ten sorg­ten für die Ent­ste­hung die­ser ein­ma­li­gen Land­schaft auf dem Kal­ten­bronn im Nord­schwarz­wald.

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