Töd­lich be­lei­digt

Du­el­le: Ein selt­sa­mer Ehr­be­griff for­der­te vie­le Op­fer

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Der Klü­ge­re gibt nach? Viel­leicht glaub­te Mo­ritz von Ha­ber ja, der Klü­ge­re zu sein. Als ihn ein ba­di­scher Of­fi­zier als „Hunds­fott“, al­so als „Schur­ken“, be­schimpf­te, ließ der Karls­ru­her Ban­kier aus ei­ner erst we­ni­ge Jah­re zu­vor ge­adel­ten jü­di­schen Fa­mi­lie die Be­lei­di­gung je­den­falls auf sich be­ru­hen. Im 19. Jahr­hun­dert ver­stieß er da­mit je­doch ge­gen den Eh­ren­ko­dex der bes­se­ren Ge­sell­schaft. Fünf Jah­re spä­ter be­kam er die Quit­tung. Von Ha­ber woll­te 1843 in Ba­den-Ba­den ei­nen Ball be­su­chen, doch das Fest­ko­mi­tee strich ihn von der Teil­neh­mer­lis­te. Die Be­grün­dung: Mo­ritz von Ha­ber sei kein Eh­ren­mann. Das ha­be er da­durch ge­zeigt, dass er Ober­leut­nant Ju­li­us Gö­ler von Ra­vens­burg, den Be­lei­di­ger von da­mals, nicht zum Du­ell ge­for­dert hat­te. Ein sol­cher Vor­wurf wog schwer beim fei­nen in­ter­na­tio­na­len Pu­bli­kum, das in Ba­denBa­den ver­kehr­te: Wer sei­ne Eh­re ver­lo­ren hat­te, der hat­te al­les ver­lo­ren. „Män­ner von Rang und Stand hat­ten in frü­he­ren Zei­ten ei­nen sen­si­blen Ehr­be­griff, der uns heu­te fremd ist“, sagt Alex­an­der Jor­dan, der Lei­ter des Wehr­ge­schicht­li­chen Mu­se­ums in Ras­tatt (WGM). Und: „Bei ei­ner Ver­let­zung der Eh­re rie­fen sie nicht die Ge­rich­te an – viel­mehr war es die Pflicht der Kon­tra­hen­ten, die Sa­che in ei­nem Du­ell auf Le­ben und Tod zu be­rei­ni­gen.“Dem „Zwei­kampf um die Eh­re“wid­met das WGM der­zeit ei­ne klei­ne Son­derEin

aus­stel­lung. In drei Räu­men des Mu­se­ums sind Schwer­ter, De­gen, Sä­bel und Schuss­waf­fen zu se­hen – von der früh­ba­ro­cken Rad­schloss­pis­to­le bis hin zu kunst­voll ge­ar­bei­te­ten und sehr re­prä­sen­ta­ti­ven Du­ell­pis­to­len im Kas­ten mit Zu­be­hör. Im Zu­sam­men­spiel mit Text- und Bild­ma­te­ri­al be­leuch­ten die Ex­po­na­te schlag­licht­ar­tig die Ge­schich­te des Du­ell­we­sens vom 17. Jahr­hun­dert bis in die Zeit des Zwei­ten Welt­krie­ges. Die Eh­re und die Ver­tei­di­gung der­sel­ben – das war ei­ne Sa­che, die zu­nächst Ade­li­gen und Of­fi­zie­ren zu­stand: ei­ner eli­tä­ren, über dem „ge­mei­nen Volk“ste­hen­den Ge­sell­schafts­grup­pe, die das Recht des Waf­fen­tra­gens be­saß. Im Frank­reich des 17. Jahr­hun­derts bil­de­ten sich Du­ell­ge­bräu­che her­aus, die in an­de­ren Län­der über­nom­men und ver­fei­nert wur­den. Hand­bü­cher – ei­ni­ge sind im WGM aus­ge­stellt – re­gel­ten den for­mel­len Auf­lauf von Du­el­len. Zu­dem gab es bis ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein wis­sen­schaft­li­che Ab­hand­lun­gen dar­über, was Eh­re be­deu­te­te, wie ei­ne Ehr­ver­let­zung zu ahn­den war und wer über­haupt als „sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig“ein­zu­stu­fen war – „Eh­ren­män­ner“schlu­gen sich schließ­lich nicht mit An­ge­hö­ri­gen des Pö­bels. Wur­den sie hin­ge­gen von ei­nem Stan­des­ge­nos­sen be­lei­digt, emp­fan­den sie es trotz Ver­bo­ten und Straf­an­dro­hun­gen als Pflicht, je­der­zeit ihr Le­ben zur Ver­tei­di­gung ih­rer „hei­li­gen Eh­re“ein­zu­set­zen. Wer nicht be­reit war, ei­ne For­de­rung aus­zu­spre­chen oder an­zu­neh­men, ver­wirk­te – wie Mo­ritz von Ha­ber – aus Sicht der gu­ten Ge­sell­schaft das Recht, mit Per­so­nen aus gu­tem Haus zu ver­keh­ren. Mo­ritz von Ha­ber hät­te das ver­säum­te Du­ell ger­ne nach­ge­holt – doch Ober­leut­nant von Gö­ler und mit ihm das gan­ze ba­di­sche Of­fi­ziers­korps be­trach­te­ten den Mann we­gen sei­nes frü­he­ren „Kn­ei­fens“nicht mehr als sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig. Schließ­lich for­der­te – gleich­sam in Stell­ver­tre­tung Ha­bers – ein rus­si­scher Of­fi­zier Gö­ler zum Pis­tolen­du­ell. Den Zwei­kampf am Got­te­sau­er Schieß­stand über­leb­te kei­ner der bei­den Du­el­lan­ten. Als Gö­ler zu Gr­a­be ge­tra­gen wur­de, kam es in Karls­ru­he zu an­ti­jü­di­schen Aus­schrei­tun­gen, das Ha­ber’sche Haus in der heu­ti­gen Kai­ser­stra­ße wur­de ge­stürmt und ge­plün­dert. Der Skan­dal war per­fekt und wur­de in ganz Deutsch­land er­regt dis­ku­tiert. En­de hat­te das Trau­er­spiel da­mit frei­lich noch nicht: Gö­lers Freund und Du­ell­se­kun­dant Ge­org von Sa­racha­ga Uria wur­de we­gen sei­ner Be­tei­li­gung an dem ver­bo­te­nen Zwei­kampf zu ei­ner zehn­mo­na­ti­gen Fe­s­tungs­haft ver­ur­teilt, aber als­bald zu ei­nem vier­wö­chi­gen Haus­ar­rest be­gna­digt. Kaum in Frei­heit schimpf­te er Mo­ritz von Ha­ber ei­nen Feig­ling – und der re­agier­te dies­mal prompt mit ei­ner For­de­rung. Sa­racha­ga schob al­le Be­den­ken we­gen der frag­li­chen Sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig­keit sei­nes Kon­tra­hen­ten bei­sei­te. Im Du­ell, das au­ßer­halb Ba­dens statt­fand, wur­de er von der Ku­gel Ha­bers töd­lich ge­trof­fen. Mit dem Auf­stieg des Bür­ger­tums im 19. Jahr­hun­dert nahm das Du­ell­we­sen ge­ra­de­zu epi­de­mi­sche For­men an. Nicht nur Ade­li­ge und Of­fi­zie­re, auch Stu­den­ten, Aka­de­mi­ker, hö­he­re Be­am­te, Po­li­ti­ker und schließ­lich wohl­ha­ben­de Kauf­leu­te gal­ten als sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig und stell­ten un­ge­ach­tet al­ler Straf­an­dro­hun­gen ih­ren emp­find­li­chen Ehr­be­griff mit der Waf­fe un­ter Be­weis. Die deut­sche Kri­mi­nal­sta­tis­tik, so er­fährt man im Wehr­ge­schicht­li­chen Mu­se­um, nennt für den Zei­t­raum zwi­schen 1882 und 1914 ins­ge­samt 2 111 Du­ell­ver­fah­ren – „aber das war wohl nur die Spit­ze des Eis­bergs“, meint Alex­an­der Jor­dan mit Blick auf die Dun­kel­zif­fer, über die man nur spe­ku­lie­ren kann. Im­mer­hin gab es auch Men­schen, die – wie die Pa­zi­fis­tin Ber­ta von Sutt­ner – öf­fent­lich Front ge­gen die als bar­ba­risch emp­fun­de­nen Du­el­le mach­ten. Zu­min­dest kri­tisch äu­ßer­te sich der Ar­bei­ter­füh­rer Ferdinand Las­sal­le: „Ich ha­be das Du­el­lie­ren stets als ein ver­stei­ner­tes Über­bleib­sel ei­ner ver­gan­ge­nen Epo­che an­ge­se­hen – un­ver­ein­bar mit den Prin­zi­pi­en der De­mo­kra­tie“, mein­te der Mit­be­grün­der der deut­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie. Doch als es um sei­ne Eh­re ging, beug­te sich Ferdinand Las­sal­le eben­falls dem so­zia­len Druck: Er starb am 4. Au­gust 1864 bei ei­nem Du­ell.

Tau­sen­de von Män­nern ha­ben bis zum Zwei­ten Welt­krieg auf Ver­let­zun­gen ih­rer Eh­re mit ei­ner For­de­rung zum Du­ell re­agiert. Das Wehr­ge­schicht­li­che Mu­se­um im Ras­tat­ter Schloss wid­met dem heu­te eher exo­tisch an­mu­ten­den Phä­no­men ei­ne Son­der­aus­stel­lung. Fo­to: bo

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