Hel­go­län­der Hum­mer-Of­fen­si­ve

Bar­schi und Klär­chen wer­den aus­ge­wil­dert: Hil­fe für das Wap­pen­tier der Hoch­see­insel

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Tipps & Themen - Mat­thi­as Be­nirsch­ke

Sie hei­ßen Cam­pi­no, Bar­schi, Klär­chen, Plüsch und Plum. 338 ein­jäh­ri­ge Hum­mer ha­ben Wis­sen­schaft­ler auf Hel­go­land auf­ge­zo­gen, jetzt wer­den sie in die Frei­heit ent­las­sen. Mehr als 100 Hum­mer­pa­ten – die meis­ten hat­ten ih­ren Schütz­lin­gen Na­men ge­ge­ben – sind da­bei, wenn für die we­ni­ge Zen­ti­me­ter gro­ßen Tie­re der Ernst des Le­bens be­ginnt. Ziel ist es, die Hum­mer­tra­di­ti­on wie­der­zu­be­le­ben und die Po­pu­la­ti­on des Hel­go­län­der Wap­pen­tie­res zu sta­bi­li­sie­ren. Im Jahr 1937 ver­zeich­ne­te die amt­li­che Sta­tis­tik mehr als 80 000 vor Hel­go­land ge­fan­ge­ne Hum­mer. Und ei­gent­lich sind die Le­bens­be­din­gun­gen für die­se Tie­re im Fels­so­ckel von Deutsch­lands ein­zi­ger Hoch­see­insel ide­al. Doch dann bau­te das Deut­sche Reich Kriegs­hä­fen, wich­ti­ge Le­bens­räu­me der Hum­mer gin­gen ver­lo­ren. Da­zu ka­men Über­fi­schung, schlech­ter wer­den­de Was­ser­qua­li­tät so­wie hef­ti­ge Bom­bar­die­run­gen und Spren­gun­gen nach dem Zwei­ten Welt­krieg, wie Pro­jekt­lei­te­rin Isa­bel Schma­len­bach von der Bio­lo­gi­schen An­stalt Hel­go­land schil­dert, die zum Al­f­red-We­ge­ner-In­sti­tut (AWI) in Bre­mer­ha­ven ge­hört. Die Hum­mer­be­stän­de vor der Nord­see­insel gin­gen dra­ma­tisch zu­rück, heu­te wer­den nur noch we­ni­ge hun­dert pro Jahr ge­fan­gen. Un­ter dem Dach des AWI er­for­schen Wis­sen­schaft­ler seit 20 Jah­ren, wie die Be­stän­de ver­grö­ßert wer­den könn­ten. Denn aus ei­ge­ner Kraft schaf­fen es die Hum­mer nicht, es sind zu we­ni­ge. In der Auf­zucht­hal­le des AWI auf Hel­go­land ste­hen lan­ge Rei­hen mit Was­ser­bot­ti­chen. Es ist schwül, über­all blub­bert es, Fisch­ge­ruch liegt in der Luft. In dunk­len Ecken der Be­cken ver­ste­cken sich weib­li­che Hum­mer. Sie tra­gen be­fruch­te­te Eier un­ter ih­rem Pan­zer­schwanz, bis zu 17000, sagt Schma­len­bach: „In frei­er Wild­bahn über­lebt da­von et­wa ein Pro­mil­le.“Weit über 12 000 mar­kier­te Jung­tie­re ha­ben die Wis­sen­schaft­ler seit 1999 aus­ge­setzt. „Nö­tig wä­ren aber 250 000 über fünf Jah­re ver­teilt“, so Schma­len­bach. Doch da­für wä­re mehr Geld not­wen­dig. Seit Jah­ren sucht das AWI Spon­so­ren, denn die Hum­mer­nach­zucht zählt nicht zu den Kern­auf­ga­ben des In­sti­tuts. Für das Früh­jahr 2017 ist die Grün­dung ei­nes Ver­eins Hum­mer­sta­ti­on Hel­go­land ge­plant. Der soll Spen­den, Pa­ten- und For­schungs­för­der­gel­der ein­wer­ben. Statt 300 sol­len künf­tig 3 000 ein­jäh­ri­ge Hum­mer aus­ge­setzt wer­den. Rich­tungs­wei­send könn­te ein an­de­res Pro­jekt der Hum­mer­sta­ti­on sein. Jung­tie­re wur­den zwi­schen 2013 und 2015 an den mit Na­tur­stei­nen ge­schütz­ten So­ckeln der Wind­rä­der im Off­s­hore-Wind­park „Riff­gat“vor Bor­kum an­ge­sie­delt. Fi­nan­ziert wur­de das Pro­jekt vom Land Nie­der­sach­sen, das Geld kam aus Zah­lun­gen der Wind­park­be­trei­ber als Aus­gleich für Ein­grif­fe in die Na­tur. „Wir stel­len uns vor, dass die Hum­mer­pro­jek­te auf Hel­go­land als Aus­gleichs­maß­nah­men für Off­s­hore-Wind­parks an­er­kannt wer­den“, sagt der ge­schäft­li­che Lei­ter Ro­land Kro­ne. So könn­ten hö­he­re Men­gen bei der Nach­zucht er­reicht wer­den, um der Hum­mer­po­pu­la­ti­on den nö­ti­gen Schub zu ge­ben. „Bis da­hin ist es aber noch ein wei­ter Weg.“Und wenn die Plä­ne plat­zen? Dar­an will hier nie­mand den­ken. „Wenn al­le Kon­zep­te fehl­schla­gen, könn­te das das En­de des Hum­mer­pro­gramms be­deu­ten.“2 700 Pa­ten­schaf­ten wur­den seit 2007 ver­ge­ben. Die Hum­mer­pa­ten, die je­weils 25 Eu­ro ge­zahlt ha­ben, sind un­ter­des­sen be­geis­tert, di­rekt auf Hel­go­land nach­se­hen zu kön­nen, wo ihr Geld ge­blie­ben ist. Fa­mi­lie Barsch­dorf aus dem säch­si­schen Rei­chen­bach ist ex­tra wie­der­ge­kom­men, um bei der Aus­set­zung da­bei zu sein. „Es gibt nichts Bes­se­res als so ei­ne Pa­ten­schaft“, sagt Wer­ner Barsch­dorf, sein Pa­ten-Tier hat er „Bar­schi“ge­nannt. Der Ham­bur­ger Mi­cha­el Stof­fers und sei­ne von Hel­go­land stam­men­de Freun­din An­ne Gro­te ha­ben zwei Pa­ten­schaf­ten von An­nes El­tern ge­schenkt be­kom­men. Auf ei­nem Boot ver­fol­gen sie die Aus­set­zung der Krus­ten­tie­re. „Mit den klei­nen Hum­mern ist es ein biss­chen wie bei uns Hel­go­län­dern“, sagt An­ne. „Wir le­ben hier in un­se­rer klei­nen In­sel­welt, bis wir 16 sind. Und dann ver­las­sen wir Hel­go­land, und plötz­lich steht uns die gan­ze Welt of­fen.“

Fo­to: avs

Die Wis­sen­schaft­le­rin Isa­bel Schma­len­bach hält ein Hum­mer­weib­chen vor die Ka­me­ra ei­nes Fo­to­gra­fen: Bis zu 17 000 Eier trägt das Tier un­ter sei­nem Pan­zer­schwanz.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.