Das al­pi­ne At­lan­tis

Der Grü­ne See in der Hoch­stei­er­mark ist ein tou­ris­ti­scher Hots­pot

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub -

Hat Hol­ly­wood et­was mit der Stei­er­mark zu tun? Zu­min­dest zwei Din­ge: Ar­nold Schwar­ze­negger stammt aus der Lan­des­haupt­stadt Graz und Ash­ton Kut­cher hat da­für ge­sorgt, dass ein See bei dem klei­nen Ort Tra­göß plötz­lich welt­be­kannt wur­de. Der US-Schau­spie­ler hat­te im In­ter­net Un­ter­was­ser­bil­der des Grü­nen Sees ent­deckt und pos­te­te ei­nen Link auf Twit­ter und Face­book un­ter dem Mot­to „A ma­gic mo­ment“. Seit­dem kom­men Be­su­cher aus der gan­zen Welt in das ab­ge­le­ge­ne Eck der Hoch­stei­er­mark, um das At­lan­tis in den Al­pen zu se­hen. Auch die Ös­ter­rei­cher sel­ber schenk­ten ih­rem Klein­od mehr Be­ach­tung und wähl­ten das Ge­wäs­ser in ei­ner Fern­seh­sen­dung zum schöns­ten und ver­bor­gens­ten Platz des Al­pen­lan­des.

Der See ver­än­dert sich je­des Jahr

Was den Grü­nen See so ein­ma­lig macht: Er ent­steht je­des Jahr aufs Neue. Wenn es im Früh­jahr wär­mer wird, wird der Tal­kes­sel ge­flu­tet. Al­ler­dings nicht, wie man ver­mu­ten wür­de, von oben. Son­dern die Schnee­schmel­ze des über 2 200 Me­ter ho­hen Hoch­schwab drückt von un­ten Was­ser durch den Kalk­stein­bo­den. Da­bei wird es ge­fil­tert und kommt glas­klar an die Ober­flä­che. In­ner­halb we­ni­ger Wo­chen ist ein See von bis zu zwölf Me­ter Tie­fe ent­stan­den, der die um­ge­ben­de Land­schaft kom­plett ver­schluckt: Die höl­zer­ne Brü­cke, über die im Herbst und im Win­ter Spa­zier­gän­ger wan­dern, die Äs­te der Ufer­bäu­me, die Sitz­bän­ke am Wald­rand, die We­ge und auch die blü­hen­de Berg­welt. Er­staun­li­cher­wei­se scha­det es Blu­men, Bü­schen und Bäu­men über­haupt nicht. Im Ge­gen­teil, sie wer­den im Was­ser ge­ra­de­zu kon­ser­viert und wo einst nur klei­ne Pest­wur­ze oder Mar­ge­ri­ten am We­ges­rand wur­zel­ten, ent­ste­hen nun rie­si­ge Blü­ten­fel­der. Jah­re­lang war der auf 900 Me­ter Hö­he ge­le­ge­ne Grü­ne See, der je nach Licht zwi­schen sma­ragd­far­ben und tür­kis­blau aus­sieht, ein Ge­heim­tipp bei Süß­was­ser­tau­chern. Sie lie­ßen es sich nicht neh­men, im Zwie­bel­look meh­re­rer Spe­zi­al­an­zü­ge in das sechs Grad kal­te Was­ser zu stei­gen, um be­moos­te Fel­sen statt Koral­len­rif­fen zu ent­de­cken. Wie Tho­mas Aichin­ger. Der 43-jäh­ri­ge Ös­ter­rei­cher war schon in den schöns­ten Re­vie­ren der Welt­mee­re, doch am liebs­ten taucht er in dem hei­mi­schen Ge­wäs­ser der Hoch­stei­er­mark ab. Es ist für den Fo­to­gra­fen das Tauch­pa­ra­dies schlecht­hin. „Der See hat Sicht­wei­ten bis zu 60 Me­tern. Es ist, als wür­de man in Mi­ne­ral­was­ser schwim­men“, schwärmt Aichin­ger. Das be­ein­dru­ckends­te Er­leb­nis sei aber, sich auf den Rü­cken zu dre­hen. Dann sieht man nicht nur Him­mel und Wol­ken, son­dern durch das Was­ser wie durch ei­ne Lu­pe hoch zu den Bäu­men, dem Berg­pan­ora­ma und den schrof­fen Kalk­fel­sen, die hin­ter dem See steil auf­stei­gen: „Ei­ne Per­spek­ti­ve, die kein Meer der Welt bie­tet.“Und au­ßer­dem gibt es kei­ne Strö­mun­gen, kei­nen Wel­len­gang und kei­ne ge­fähr­li­chen Tie­re. Lei­der wur­de Tau­chen in die­sem Jahr erst­ma­lig ver­bo­ten – we­gen zu­neh­men­der Ver­schmut­zung durch die vie­len Un­ter­was­serFans. Der Be­geis­te­rung für den idyl­li­schen Ort tut das aber kei­nen Ab­bruch. Die fas­zi­nie­ren­de Far­be des Sees in­mit­ten ei­ner von Na­del­ge­höl­zen und schrof­fen Fel­sen um­ge­be­nen Land­schaft macht eben auch ei­nen Spa­zier­gang zu ei­nem be­son­de­ren Er­leb­nis. Dank des kla­ren Was­sers sieht man vie­les auch von oben oh­ne un­ter­zu­tau­chen. Ru­hi­ger wird es erst im Herbst, wenn der See, wie al­le Jah­re, wie­der ver­si­ckert. Auch wenn vie­le Ein­woh­ner über den plötz­li­chen Be­su­cher­strom nicht sehr er­baut wa­ren, ein biss­chen Wer­bung konn­te der Hoch­stei­er­mark nicht scha­den. Man­che Or­te und Lo­ka­le ha­ben im­mer noch ei­nen leicht ver­staub­ten 60er-Jah­re-Charme. Da­bei gibt es viel tou­ris­ti­sches Po­ten­zi­al: Raf­ting und Stand up Paddling auf der Mur, Klet­tern, Moun­tain­bi­king, die Wan­der­rou­te „Vom Glet­scher zum Wein“, die vom Dach­stein über die Hoch­stei­er­mark bis ins Wein­land führt, die auf­stre­ben­de Uni­stadt Leo­ben, den längs­ten Bar­fuß­pfad Ös­ter­reichs am Po­gusch. Hier steht auf ei­nem Berg­rü­cken ein­sam das „Wirts­haus am Stei­rer­eck“, ei­nes der schöns­ten Ho­tel-Re­stau­rants weit und breit. Ei­ne Hand­voll Zim­mer im ehe­ma­li­gen Stall, vier so­ge­nann­te Vo­gel­häu­ser auf luf­ti­gen 1 100 Me­ter See­hö­he in mo­derns­tem De­sign. Doch vor al­lem zieht die her­aus­ra­gen­de Kü­che der Fa­mi­lie Reit­bau­er die Be­su­cher an. Rei­che Men­schen aus Wien kom­men ex­tra am Wo­che­n­en­de mit dem Hub­schrau­ber, um hier zu spei­sen. Viel­leicht kommt ja ir­gend­wann auch Ash­ton Kut­cher an­ge­flo­gen.

Meis­ter der Ver­wand­lung: Der Grü­ne See am Hoch­schwab in der Hoch­stei­er­mark war einst ein be­gehr­tes Tauch­re­vier. Durch die Schnee­schmel­ze füllt sich der See im Früh­jahr all­mäh­lich, be­vor er im Herbst wie­der ver­si­ckert. Fo­to: Heinz Toperc­zer

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