Wat­scheln­des Ge­schwa­der

Be­schnei­den von Flü­geln ver­bo­ten: Wie geht es wei­ter mit Pe­li­ka­nen und an­de­rem Ge­flü­gel?

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Re­gi­on - Wolf­gang We­ber

Die Pe­li­ka­ne ge­hö­ren zum Karls­ru­her Zoo wie die Ele­fan­ten, die Pin­gui­ne oder die Eis­bä­ren. „Sie wa­ren ei­gent­lich schon im­mer da“, sagt Vol­ker Rapp. „Zu­min­dest, so­lan­ge ich hier ar­bei­te.“Der Tier­pfle­ger fing 1978 als Lehr­ling im Zoo an, seit zwei Jah­ren ist er un­ter an­de­rem auch fürs Ge­flü­gel zu­stän­dig. „Pe­li­ka­ne sind eher vor­sich­tig und ängst­lich“, sagt er. Und sie be­we­gen sich ger­ne in Grup­pen. Eben wat­schel­ten sie noch ge­mein­sam auf der Wie­se um­her, da­nach lust­wan­del­ten sie ein we­nig am Ufer des Sees ent­lang, um sich dann ins Was­ser zu stür­zen – als wah­res Pe­lik­an­ge­schwa­der. Und zwi­schen­durch kann es so­gar mal pas­sie­ren, dass sie sich Zoo­be­su­chern, die auf Bän­ken sit­zen, nä­hern und die­se ganz, ganz sanft und spie­le­risch mit ih­rem gro­ßen Schna­bel in den Arm zwi­cken, oh­ne da­bei je­man­dem weh­zu­tun. Punkt 14 Uhr be­gin­nen mit­ten auf dem See die Fon­tä­nen zu sprü­hen – un­ter­malt von Klän­gen der Fle­der­maus-Ou­ver­tü­re von Jo­hanns Strauss. Schon we­ni­ge Se­kun­den zu­vor ha­ben sich die Pe­li­ka­ne an ih­rem (noch re­la­tiv neu­en) Fut­ter­platz di­rekt bei der See­büh­ne ver­sam­melt. „Die wis­sen ganz ge­nau, dass wir um die­se Zeit kom­men“, sagt Vol­ker Rapp. Dann greift er in sei­nen Ei­mer und wirft ei­nen Fisch nach dem an­dern in die Men­ge. Wer ei­nen er­wischt hat, stellt sich brav wie­der hin­ten an. Pe­li­ka­ne sind freund­li­che Tie­re. Är­ger gibt’s bei der Füt­te­rung nur, wenn sich ein paar „aus­wär­ti­ge“Kor­mo­ra­ne in die Men­ge mi­schen. „Die sind war klei­ner als un­se­re Pe­li­ka­ne, schüch­tern sie aber trotz­dem ein.“Ei­ne Hier­ar­chie gibt es nicht un­ter den Pe­li­ka­nen, aber ei­ne Grup­pen­dy­na­mik. „Wenn ei­ner mal in Pa­nik ge­rät und weg­rennt, dann ren­nen al­le an­de­ren mit“, sagt Rapp. Weg­ge­flo­gen ist al­ler­dings noch nie ei­ner. Die Pe­li­ka­ne kön­nen näm­lich gar nicht flie­gen, denn tra­di­tio­nell wur­den sie auch in Karls­ru­he di­rekt nach dem Schlüp­fen durch Ku­pie­ren, das heißt Ab­tren­nen der ei­nen Flü­gel­spit­ze oder durch ein­sei­ti­ges Stut­zen der Arm­schwin­gen, am Flie­gen ge­hin­dert. Die Vö­gel wur­den so zu Fuß­gän­gern, die in Frei­ge­he­gen an­statt in Vo­lie­ren ge­hal­ten wer­den konn­ten. Dies hat­te meh­re­re Vor­tei- le: Zum ei­nen konn­ten sie nicht ab­hau­en, zum an­de­ren war der Bau ei­ner oben of­fe­nen An­la­ge na­tür­lich bil­li­ger als der ei­ner Vo­lie­re. Da­mit ist es nun al­ler­dings vor­bei. Denn in ei­ner ge­setz­li­chen Kon­kre­ti­sie­rung hat die Bun­des­re­gie­rung vor ei­nem Jahr un­miss­ver­ständ­lich klar ge­macht: „Das Be­schnei­den von Vo­gel­flü­geln in zoo­lo­gi­schen Ein­rich­tun­gen ver­stößt ge­gen das Tier­schutz­ge­setz.“So heißt es in ei­ner Ant­wort der Re­gie­rung auf ei­ne klei­ne An­fra­ge der Links­frak­ti­on. Da­mit wur­de ei­ne recht­li­che Grau­zo­ne be­rei­nigt. Das be­deu­tet aber: In Zu­kunft wird man auch in Karls­ru­he bei den Pe­li­ka­nen und beim an­de­ren Ge­flü­gel zu­nächst ein­mal auf Nach­wuchs ver­zich­ten. Den­noch wer­den die Pe­li­ka­ne noch nicht so schnell von der Bild­flä­che ver­schwin­den, wie Zoo­di­rek­tor Mat­thi­as Rein­schmidt dem SONN­TAG be­stä­tigt: „Die wer­den 30 bis 40 Jah­re alt, vie­le sind ja noch ganz jung.“Den­noch: Ir­gend­wann wird sich der Be­stand zwangs­läu­fig ver­rin­gern. „Wir re­spek­tie­ren selbst­ver­ständ­lich das Ge­setz und wer­den kei­ne Vö­gel mehr ku­pie­ren“, sagt Rein­schmidt. Mehr noch: „Wir las­sem sie ein­fach nicht mehr aus­brü­ten.“Das be­deu­tet: Je­des Ei, das ge­legt wird, wird von den Tier­pfle­gern be­sei­tigt. „Wie sich das in den nächs­ten Jah­ren wei­ter ent­wi­ckeln wird, wis­sen wir im Mo­ment noch nicht“, gibt der Zoo-Di­rek­tor ganz of­fen zu. „Von Sei­ten des Ge­setz­ge­bers wur­de uns noch kei­ne Lö­sung an­ge­bo­ten.“

Um 14 Uhr gibt es Fisch zum Mit­tag­es­sen

Al­ler­dings hat Rein­schmidt na­tür­lich schon ge­wis­se Vor­stel­lun­gen, was man tun könn­te. „Wir könn­ten zum Bei­spiel ei­ne Flä­che beim Af­fen­see über­net­zen. Da ent­stün­den dann sehr gro­ße, be­geh­ba­re Vo­lie­ren.“Hier könn­ten sich auch Pe­li­ka­ne auf­hal­ten, die flug­fä­hig sind. Und: Ob sie über­haupt flie­gen wür­den, wenn sie es denn könn­ten, da­von ist Tier­pfle­ger Vol­ker Rapp gar nicht mal über­zeugt. „Ein Pe­li­kan fliegt nur, wenn er muss. Das kos­tet ihn viel Ener­gie und Kraft, es ist ein Zwang für ihn. Ich den­ke des­halb gar nicht, dass die Pe­li­ka­ne das Flie­gen groß ver­mis­sen.“Ei­ner Zoo-Be­su­che­rin, die sich im­mer wie­der ger­ne die Füt­te­rung der Pe­li­ka­ne an­schaut, wür­den die Tie­re sehr feh­len, wä­ren sie mal nicht mehr da. „Ich wä­re sehr trau­rig, wenn man sie nicht mehr hal­ten könn­te“, sagt sie. „Kei­ne Sor­ge“, sagt Di­rek­tor Rein­schmidt. „Die wer­den uns noch vie­le Jahr­zehn­te er­hal­ten blei­ben.“Und wie man den pfif­fi­gen Zoo-Di­rek­tor kennt, wird ihm bis da­hin ganz be­stimmt ei­ne Lö­sung ein­ge­fal­len sein, die den Ge­setz­ge­ber, al­le Tier­schüt­zer und sämt­li­che Zoo­freun­de glei­cher­ma­ßen zu­frie­den­stellt.

Ein rie­sen­gro­ßes Netz könn­te Ab­hil­fe schaf­fen

Nur we­ni­ge Mi­nu­ten dau­ert die Füt­te­rung der Pe­li­ka­ne an der See­büh­ne, hier durch Tier­pfle­ger Vol­ker Rapp. Ihr Früh­stück be­kom­men sie am Vor­mit­tag vor Öff­nung des Zoos, das Mit­tag­es­sen dann um 14 Uhr. Bei­de Mahl­zei­ten be­ste­hen aus Fisch. Fo­tos: Ar­tis

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