Auf dem Kir­chen­schiff

Mann­hei­mer Ha­fen­pfar­re­rin nimmt Kurs auf die Men­schen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Re­gi­on - Ste­phen Wolf/bo

Der Die­sel­mo­tor tu­ckert laut, das zwölf Me­ter lan­ge Schiff fährt lang­sam aus dem Boots­schup­pen. Am Bug ist ein blau­es Kreuz auf­ge­stellt, die Flag­ge der Schif­fer­seel­sor­ge weht auf dem Dach. Die Mann­hei­mer Pfar­re­rin An­ne Res­sel macht die Lei­nen los. Sie ist seit gut ei­nem Jahr mit ei­nem Teil­de­pu­tat Ha­fen­pas­to­rin und Schif­fer­seel­sor­ge­rin – die ein­zi­ge im Be­reich der Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che in Ba­den. Mit der „Jo­hann Hin­rich Wi­chern“geht es in Rich­tung In­dus­trie­ha­fen. Die Di­enst­fahrt führt An­ne Res­sel zu den Men­schen, die auf den Was­ser­stra­ßen von Mann­heim und dem be­nach­bar­ten Lud­wigs­ha­fen ar­bei­ten. Wenn Bin­nen­schif­fer auf Rhein oder Neckar über ih­re Sor­gen spre­chen wol­len, über die Ar­beits­be­las­tung an Deck oder die Fa­mi­lie da­heim, dann kön­nen sie sich an An­ne Res­sel wen­den. „Das ist ei­ne ei­ge­ne Welt“, sagt die Pfar­re­rin der Mann­hei­mer Ci­ty­Ge­mein­de Ha­fen-Kon­kor­di­en. Die Idee der Bin­nen­schif­fer­seel­sor­ge geht zu­rück auf den pro­tes­tan­ti­schen deut­schen Theo­lo­gen und So­zi­al­re­for­mer Jo­hann Hin­rich Wi­chern (1806–1881). „Wenn die Men­schen nicht zur Kir­che kom­men kön­nen, muss die Kir­che zu den Men­schen ge­hen“, mein­te der Na­mens­pa­tron des „Kir­chen­schiffs“. Doch die evan­ge­li­schen Ha­fen­seel­sor­ger wer­den in Deutsch­land im­mer we­ni­ger. „Bun­des­weit gibt es von uns nur noch fünf Haupt­amt­li­che“, sagt Horst Bor­rieß, der im nord­rhein-west­fä­li­schen Dat­teln im Ein­satz als Seel­sor­ger ist. „Als ich 1981 mei­ne Stel­le an­ge­tre­ten ha­be, wa­ren es drei­mal mehr.“Horst Bor­rieß ist Spre­cher der evan­ge­li­schen Bin­nen­schif­fer­ge­mein­de. Die Ha­fen­seel­sor­ge sei von je­her eher ei­ne evan­ge­li­sche Sa­che ge­we­sen, sagt er. Die 49-jäh­ri­ge An­ne Res­sel kommt mit dem Schiff wö­chent­lich an den An­le­ge­stel­len vor­bei. Oft steu­ert der eh­ren­amt­li­che Hel­fer Phil­ipp Dietrich den 1962 ge­bau­ten Kahn, wäh­rend sie Aus­schau nach Schif­fern mit Ge­sprächs­be­darf hält. „Wenn sie sich weg­dre­hen oder ab­win­ken, fah­ren wir wei­ter. Kein Pro­blem, die Leu­te ha­ben viel Ar­beit“, sagt die Ha­fen­pas­to­rin. „Haupt­sa­che, sie wis­sen, dass wir im Not­fall da sind.“Vor al­lem für selbst­stän­di­ge Schiffs­ei­gen­tü­mer, die so­ge­nann­ten Par­ti­ku­liers, hät­ten sich die wirt­schaft­li­chen Be­din­gun­gen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ver­schlech­tert. „Die Un­ter­neh­men müs­sen je­den Tag aufs Neue ge­gen die star­ke Kon­kur­renz um die Lie­fer­auf­trä­ge kämp­fen.“Ne­ben wirt­schaft­li­chen Sor­gen ken­nen Bin­nen­schif­fer auch Ein­sam­keit und Lan­ge­wei­le. Schwie­rig sei es für den Be­rufs­stand schon von je­her ge­we­sen, fes­ten Kon­takt zu Freun­den da­heim zu hal­ten, sagt An­ne Res­sel. Bin­nen­schif­fer aus un­ter­schied­li­chen Län­dern lan­den im Ha­fen an. Vie­le von ih­nen sind Nie­der­län­der – für sie gibt es in der Ha­fen­kir­che im Mann­hei­mer Stadt­teil Jung­busch so­gar re­gel­mä­ßig Got­tes­diens­te, zu de­nen Pas­to­ren aus dem Nach­bar­land an­ge­reist kom­men. Ei­ner von ih­nen ist Lou­is Krü­ger. Ein­mal im Mo­nat kommt er von Rot­ter­dam nach Mann­heim, um mit den Bin­nen­schif­fern zu be­ten. „In un­se­rer schwie­ri­gen Zeit, sagt Krü­ger, neh­me er den wei­ten Weg gern auf sich, um die Schif­fer zu un­ter­stüt­zen. „Da­bei spielt es auch kei­ne Rol­le, ob nur we­ni­ge den Got­tes­dienst be­su­chen oder Dut­zen­de“, sagt der 55-Jäh­ri­ge. Das „Kir­chen­schiff“tu­ckert ge­mäch­lich an Krä­nen, al­ten Müh­len und klei­nen Brü­cken vor­bei. Als sich die „Jo­hann Hin­rich Wi­chern“lang­sam ei­nem gro­ßen Schiff nä­hert, winkt ein Mann der Ha­fen­pas­to­rin freund­lich zu.

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