Die Mon­go­len kom­men

Ein Be­such in Schwe­dens äl­tes­tem Stu­den­ten­thea­ter in Lund

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonn­tags­kin­der - Tan­ja Ka­sisch­ke

Auf dem Weg in die Mit­tags­pau­se schlen­dert Au­gust an der Na­se sei­nes Groß­va­ters vor­bei. Im Gang der Ca­fe­te­ria der Uni­ver­si­tät der süd­schwe­di­schen Stadt Lund hän­gen gro­ße Setz­käs­ten vol­ler Na­sen. Es sind Gips­ab­drü­cke, die Ori­gi­na­le ge­hö­ren Stu­die­ren­den oder ehe­ma­li­gen Stu­die­ren­den, die sich in be­son­de­rem Ma­ße eh­ren­amt­lich an der Hoch­schu­le ein­brin­gen oder ein­brach­ten. Au­gusts Gips-Na­se fehlt noch. Lan­ge kann es aber nicht mehr dau­ern, bis auch er auf die­se Art ver­ewigt wird. Au­gust Bjer­ken ist Mit­glied bei Lun­das­pex, Schwe­dens äl­tes­tem Stu­den­ten­thea­ter. 2016 es seit 130 Jah­ren. Un­ge­fähr 100 Stu­die­ren­de schlie­ßen sich pro Se­mes­ter dem En­sem­ble an: Als Schau­spie­ler, Mas­ken, Büh­nen- oder Ko­s­tüm­bild­ner, Tech­ni­ker, Mu­si­ker. Ei­ne Auf­nah­me­prü­fung muss nur be­ste­hen, wer auf die Büh­ne will. Au­gusts Opa war schon da­bei, Au­gusts El­tern ha­ben sich in der Thea­ter­grup­pe ken­nen­ge­lernt, er­zählt der 24-Jäh­ri­ge. „Im Prin­zip hat­te ich kei­ne an­de­re Wahl, als mich eben­falls an­zu­schlie­ßen“, scherzt er. Um dann, ganz ernst, zu er­gän­zen: „Lun­das­pex ist der ein­zi­ge Grund, war­um ich in Lund stu­die­re. Sonst wä­re ich wo­an­ders hin­ge­gan­gen.“Zwei Stü­cke pro­du­ziert das Thea­ter pro Jahr, eins im Früh­jahr, eins im Herbst. Thea­ter­stück heißt „Spex“. Der Na­me Lun­das­pex be­deu­tet da­her schlicht: Lun­der Schau­spiel. Dies­mal pro­ben die jun­gen Leu­te „Dschin­gis Khan“, ein Mu­si­cal über den mäch­ti­gen Mon­go­len­kö­nig, der vor 800 Jah­ren in Asi­en herrsch­te und des­sen Reich kurz­zei­tig bis nach Eu­ro­pa reich­te. Au­gust spielt Dschin­gis Khan. Mit sei­nen statt­li­chen 1,90 Me­tern Kör­per­grö­ße sieht er im Ko­s­tüm auch rich­tig furcht­ein­flö­ßend aus – so­bald er grim­mig schaut. Häu­fi­ger grinst der Stu­dent der Um­welt­wis­sen­schaf­ten aber oder zieht lus­ti­ge Gri­mas­sen. „Ich bin mehr der Gu­te-Lau­ne-Mensch“, sagt er. Au­gust ist auch der­je­ni­ge, der sei­ne Mit­spie­ler in den pro­benin­ten­si­ven Wo­chen kurz vor der Auf­füh­rung zum Durch­hal­ten mo­ti­viert. „Rückt die Pre­mie­re nä­her, pro­ben wir täg­lich. Zu­sätz­lich zu den Vor­le­sun­gen, Se­mi­na­ren und Prü­fun­gen an der Uni. Das ist hart, aber man kommt rein. In die­ser Zeit ist das Thea­ter mein Zu­hau­se und das En­sem­ble mei­ne Fa­mi­lie. Wir es­sen auch zu­sam­men und bil­den ein ei­ge­nes Kü­chen­team. Nur über­nach­tet wird nicht auf dem Cam­pus. Noch nicht.“Ei­nen Mo­ment lang sieht es da­nach aus, als über­leg­te der Büh­nen­kö­nig, das ein­zu­füh­ren. Nach der Pro­be schlüpft Dschin­gis Khan in sei­ne Gar­de­ro­be und wird wie­der zu Au­gust. An den Wän­den hän­gen Fo­tos und Pla­ka­te ver­gan­ge­ner Auf­füh­run­gen. Die Spe­xes des Lun­der Stu­die­ren­den­thea­ters wie­der­ho­len sich im Ab­stand von ei­ni­gen Jah­ren. „Das liegt dar­an, dass so ein Stück ein gro­ßer Auf­wand ist. Ir­gend­wann kam je­mand auf die Idee, die Ko­s­tü­me oder das Büh­nen­bild wei­ter zu nut­zen und zu ak­tua­li­sie­ren.“Was nicht ge­spielt wird, kommt ins Ar­chiv der Uni­ver­si­tät. Je­der Hoch­schü­ler, der auf, vor oder hin­ter der Büh­ne bei ei­ner Pro­duk­ti­on mit­macht, er­hält im An­schluss ein Ab­zei­chen zum An­ste­cken, als Er­in­ne­rung und Aus­be­steht zeich­nung. Au­gust trägt sei­ne Spex-Me­dail­len wie Or­den an ei­ner Wes­te. Ein biss­chen sieht er da­mit aus wie ein Rats­herr ei­ner Nar­ren­zunft, der für lang­jäh­ri­ge Mit­glied­schaft viel­fach aus­ge­zeich­net wur­de. 2017 ist Au­gust fer­tig mit dem Stu­di­um. Was dann kommt, be­ant­wor­tet er aus­wei­chend mit: „Ich ken­ne ei­ni­ge Mit­glie­der von Lun­das­pex, die sind län­ger an der Uni ge­blie­ben, um wei­ter Thea­ter spie­len zu kön­nen.“Ei­ner von ih­nen, noch ein Dschin­gis Khan, blickt ganz und gar un­schau­rig, son­dern sehr freund­lich von ei­nem Fo­to, das über dem Spie­gel hängt. Es ist Au­gust Bjer­kins Va­ter, auf­ge­nom­men wäh­rend des Spex 1986. „Mei­ne Mut­ter war da­mals die Mas­ken­bild­ne­rin. An­fangs konn­ten sich bei­de nicht lei­den“, er­zählt der Sohn grin­send. Dass er nun selbst als Dschin­gis Khan auf­tre­te, fin­de sein Va­ter „lus­tig“. Schau­spie­ler sind Au­gusts El­tern nicht ge­wor­den, und auch er sagt: „Thea­ter ist mein Hob­by. Es trägt da­zu bei, dass ich mit mehr Dis­zi­plin stu­die­re. Weil ich bei­des schaf­fen will.“

Lus­ti­ge Er­in­ne­rung: Die Na­sen-Ga­le­rie er­in­nert an be­son­ders flei­ßi­ge Stu­den­ten.

Au­gust ist stolz auf sei­ne Or­den. Für je­de Ins­ze­nie­rung gibt es ein Ab­zei­chen.

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