Kno­chen­job im Sehn­suchts­land

Zi­tro­nen­bau­er an der Amal­fi-Küs­te

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Rei­se & Ur­laue -

Goe­the ist wie­der mal an al­lem schuld: „Kennst du das Land, wo die Zi­tro­nen blühn, Im dunk­len Laub die Gol­do­ran­gen glühn, Ein sanf­ter Wind vom blau­en Him­mel weht, Die Myr­te still und hoch der Lor­beer steht?“Der Dich­ter hat Ita­li­en zum Sehn­suchts­land der Deut­schen ge­macht. Er ist schuld dar­an, dass die Amal­fi­küs­te mit ih­ren Zi­tro­nen­hai­nen, den steil aus dem blau­en Meer auf­ra­gen­den Fel­sen und den pas­tell­far­be­nen Häu­sern, die sich an die Steil­küs­te klam­mern, von Tou­ris­ten über­rollt wird. Dar­an, dass je­der die Zei­le über das Land, wo die Zi­tro­nen blühn, kennt, aber nicht ahnt, was da­hin­ter steckt. Ein Kno­chen­job näm­lich. Wer sich auf ei­ne Füh­rung in der Zi­tro­nen­plan­ta­ge Ace­to ein­lässt, wo die gel­ben Frücht­chen nach­hal­tig pro­du­ziert wer­den, er­kennt das schnell. Denn Sal­va­to­re Ace­to, ge­nannt To­to, der vor vier Jah­ren vom gut be­zahl­ten Wirt­schafts­prü­fer auf hart ar­bei­ten­den Zi­tro­nen­bau­er um­ge­sat­telt hat, lässt sei­ne Be­su­cher buch­stäb­lich spü­ren, was „ver­ti­ka­ler An­bau“heißt. Es geht steil berg­auf und spä­ter wie­der eben­so so steil berg­ab, teil­wei­se über schlüpf­ri­ge Stu­fen. Wie die Frau­en, die bei den Zi­tro­nen­bau­ern tra­di­tio­nell die Las­ten tru­gen, die Hö­hen­un­ter­schie­de mit 60 Ki­lo schwe­ren Kör­ben auf dem Rü­cken be­wäl­tigt ha­ben, mag man sich da gar nicht vor­stel­len. Doch be­vor es auf Tour geht, macht der 53Jäh­ri­ge mit dem mar­kan­ten, braun ge­brann­ten Ge­sicht un­ter dem Käp­pi klar, was ihm wich­tig ist: „Wir be­han­deln un­se­re Zi­tro­nen wie klei­ne Wun­der“, sagt er und dass man im­mer die Ster­ne im Blick ha­ben, aber mit den Fü­ßen auf dem Bo­den blei­ben soll­te. Wäh­rend der Sohn re­det, hört Va­ter Lu­i­gi ge­nau hin. Lis­tig fun­keln die Au­gen im son­nen­ge­gerb­ten Ge­sicht. Der Al­te ist gut 80 Jah­re alt, knor­rig wie ein in die Jah­re ge­kom­me­ner Zi­tro­nen­baum, und er ar­bei­tet im­mer noch mit. Für Lu­i­gi sind die Zi­tro­nen wie sei­ne Kin­der. Er hät­te es nie ver­wun­den, wenn die Fa­mi­lie die Plan­ta­ge hät­te auf­ge­ben müs­sen. Auch des­halb kam der er­folg­rei­che Sohn zu­rück, gab sein neu­es Le­ben auf, den Reich­tum, das An­se­hen. Um was zu fin­den? Glück, sagt To­to, Zuf­rie­den­heit, Na­tur­nä­he. „Hier bin ich mein ei­ge­ner Herr und ich er­le­be je­den Tag ganz be­wusst.“Wie sein Va­ter, sein Groß­va­ter und sein Ur­groß­va­ter nutzt er höl­zer­ne Spa­lie­re, durch die die Zi­tro­nen­bäu­me in Lau­ben­form wach­sen. Sei­ne Zi­tro­nen sind dop­pelt so groß wie an­de­re Früch­te dank des Mi­kro­kli­mas an der amal­fi­ta­ni­schen Küs­te, aber auch dank der St­ein­mau­ern der Ter­ras­sen, in de­nen die Wär­me ge­spei­chert wird. Stirn run­zelnd mus­tert To­to die Hän­ge ge­gen­über. „Die ha­ben vor kur­zem auf­ge­ge­ben“, er­klärt er. Jetzt pflegt nie­mand mehr die Zi­tro­nen und kei­ner küm­mert sich um die einst kunst­voll er­rich­te­ten Tro­cken­mau­ern. Wenn die ins Rut­schen kä­men, wä­re das ei­ne Ka­ta­stro­phe, pro­phe­zeit To­to, der sich in­zwi­schen auch als Land­schafts­pfle­ger fühlt. Der ehe­ma­li­ge Wirt­schafts­prü­fer weiß, dass er in ei­nem ge­fähr­de­ten Pa­ra­dies lebt. Des­halb he­gen und pfle­gen er und sei­ne Mit­ar­bei­ter die kost­ba­ren Pflan­zen. Man­che der Zi­tro­nen­bäu­me sind 300 Jah­re alt, an­de­re so­gar 500 Jah­re. „Kei­ner wird

Far­ben­rausch aus Gelb und Blau

auf­ge­ge­ben,“sagt To­to be­stimmt. Um die Stäm­me zu er­hal­ten, ar­bei­ten die Zi­tro­nen­gärt­ner wie Chir­ur­gen, schnei­den sorg­fäl­tig aus, was krank ist und pfrop­fen jun­ge Pflan­zen auf. An man­chen Bäu­men fin­den sich duf­ten­de Blü­ten gleich­zei­tig mit grü­nen Früch­ten und son­nen­gel­ben Zi­tro­nen. Sei­ne Zi­tro­nen sei­en die bes­te Me­di­zin, sagt To­to. Un­ge­spritzt und un­ge­wachst. „Wir brau­chen kein Kran­ken­haus“. Nur das mit dem Geld, das könn­te bes­ser lau­fen. Denn die so sorg­sam ge­pfleg­ten und mit der Sche­re ge­ern­te­ten Zi­tro­nen brin­gen zu we­nig ein. Der öko­lo­gi­sche An­bau, für den er sich ent­schie­den hat, ist auf­wen­di­ger als der kon­ven­tio­nel­le, bei dem viel zu viel Che­mie ein­ge­setzt wird. Da­für kann Pa­pa Lu­i­gi lust­voll in ei­ne Zi­tro­ne bei­ßen. Ja, auch die Scha­le schmeckt – und ist mit ih­rer leich­ten Sü­ße ei­ne gu­te Er­gän­zung zur Säu­re der Frucht. Rund 800 Ton­nen Zi­tro­nen pro Jahr ern­tet die Fa­mi­lie auf ih­ren Hän­gen. Ei­nen Teil da­von ver­kau­fen die Ace­tos. „Aber oh­ne Zwi­schen­han­del, den ha­be ich als ers­tes ab­ge­schafft“, sagt To­to. 35 Pro­zent ver­ar­bei­ten sie in ih­rer klei­nen Fa­b­rik zu Li­mon­cel­lo, dem für die Ge­gend so ty­pi­schen Zi­tro­nen­li­kör, der so schmeckt, wie die Al­ma­fi­ta­na duf­tet. Auch ei­ne Art Zi­tro­nen-Bai­leys kommt aus dem Hau­se Ace­to, Zi­tro­nen­mar­me­la­de, Zi­tro­nen­bon­bons, Ho­nig mit Zi­tro­nen­aro­ma, ja selbst Zi­tro­nen­sei­fe ist zu ha­ben. Di­ver­si­fi­zie­rung ist wich­tig, da­von ist To­to Ace­to über­zeugt. Noch sei die Plan­ta­ge nicht überm Berg, aber er se­he „Licht am En­de des Tun­nels“– auch dank der vie­len Tou­ris­ten, die er durch sei­ne Zi­tro­nen­hai­ne führt. Vor al­lem die Deut­schen kä­men in Scha­ren. „Sie wol­len nicht mehr nur die üb­li­chen Se­hens­wür­dig­kei­ten ab­ha­ken, son­dern in­ter­es­sie­ren sich fürs wirk­li­che Le­ben“, ist der Zi­tro­nen­bau­er über­zeugt. Und die­ses In­ter­es­se hilft sei­ner Fa­mi­lie da zu über­le­ben, wo an­de­re Ur­laub ma­chen: Im Land, wo die Zi­tro­nen blühn.

Kle­in­stadt mit gro­ßem Ruf: Amal­fi hat nur rund 6 000 Ein­woh­ner. Doch das Ört­chen am Golf von Sa­ler­no gab der welt­be­rühm­ten Küs­te ih­ren Na­men. Sie zählt zum Welt­kul­tur­er­be der Unesco. Fo­to: Schmidt/srt

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