Ru­he vor dem Hoch­haus­dorf

Küs­ten­wan­de­rung bei Ben­i­dorm

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Rei­se & Ur­laue -

Das Bes­te kommt zum Schluss. Wer mehr als vier St­un­den über Stock und St­ein ge­wan­dert ist, der sieht et­was, das er hier oben weiß Gott nicht er­war­tet. Vom Aus­sichts­punkt Rin­cón de Loix aus fällt der Blick nach all den groß­ar­ti­gen Aus­bli­cken auf ein­sa­me Küs­ten­land­schaf­ten auf ein Häu­ser­meer, das sei­nes­glei­chen sucht: Wol­ken­krat­zer, so weit das Au­ge reicht. Mehr als 300 von ih­nen schrau­ben sich in Ben­i­dorm auf engs­tem Raum in die Hö­he. Da­vor lie­gen halb­mond­för­mig zwei weit ge­schwun­ge­ne Buch­ten, de­ren gold­gel­ber Sand im Som­mer vor lau­ter Tou­ris­ten kaum noch zu er­ken­nen ist. Im Was­ser vor dem Strand wim­melt es vor Luft­ma­trat­zen, Boo­ten und Surf­bret­tern. Die klei­ne Wan­der­grup­pe war am frü­hen Mor­gen im Küs­ten­städt­chen Al­bir ge­star­tet und fast ei­ne St­un­de lang über stei­ni­ge Pfa­de berg­auf ge­wan­dert. Wir schrit­ten vor­bei an Alep­po-Kie­fern und wil­den Öl­bäu­men. Da­zwi­schen blin­zel­ten im­mer wie­der Mas­tix-Sträu­cher und St­ein­rös­chen her­vor. Der Duft von Ros­ma­rin, Thy­mi­an und Sal­bei um­schmei­chel­te un­se­re Na­sen. Die Häu­ser von Al­bir wur­den im Tal im­mer klei­ner, bis sie bei­na­he ei­ner Mo­dell­ei­sen­bahn­land­schaft gli­chen. Und jetzt ste­hen wir auf dem Grat der Sier­ra He­la­da, fast 300 Me­ter fal­len die Klip­pen vor uns ab. An kla­ren Ta­gen reicht der Blick von hier bis zum Fel­sen Pe­ñón de Ifach bei Cal­pe - und manch­mal so­gar bis zur mehr als 100 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten In­sel Ibi­za. Das ge­ra­de mal sechs Ki­lo­me­ter lan­ge Küs­ten­ge­bir­ge ent­stand vor et­wa zwei bis fünf Mil­lio­nen Jah­ren durch tek­to­ni­sche Ver­schie­bun­gen. Seit 2005 ist die Sier­ra He­la­da als Na­tur­park ge­schützt. Zu­recht, denn die Ge­birgs­ket­te mit ih­ren schroff ab­fal­len­den Steil­wän­den, den hän­gen­den fos­si­len Dü­nen und rie­si­gen Karst­höh­len ist nicht nur ein Na­tur­wun­der, son­dern auch ei­nes der wich­tigs­ten Rück­zugs­ge­bie­te für See­vö­gel weit und breit, dar­un­ter Sturm­schwal­ben, Koral­len­mö­wen, Sturm­tau­cher und Basstöl­pel. Als die Ver­ant­wort­li­chen die Sier­ra He­la­da 2005 zum Na­tur­park er­nann­ten, ta­ten sie es be­wusst, um ei­nen na­tür­li­chen Aus­gleich zum Mas­sen­tou­ris­mus in den Küs­ten­städ­ten Ben­i­dorm, Al­tea und Cal­pe zu schaf­fen. Seit 2006 be­su­chen den Park jähr­lich rund 130 000 Tou­ris­ten – mehr als die meis­ten Na­tio­nal­parks in Spa­ni­en. Den­noch ist man an den Steil­k­lip­pen fast im­mer al­lei­ne. Kaum zu glau­ben, dass die Me­ga-Ci­ty Ben­i­dorm, nur ein paar hun­dert Me­ter Luft­li­nie ent­fernt ist. 1956 auf dem Reiß­brett als maß­ge­schnei­der­te Fe­ri­en­stadt für die Geld­beu­tel der Mit­tel­klas­se ent­wor­fen, ge­riet der Boom der Grün­der­jah­re schnell ins Sto­cken: ver­al­te­te

Sier­ra He­la­da ist seit 2005 Na­tur­park

Ho­tel­in­fra­struk­tur, ver­staub­te Re­stau­rants und sau­fen­de Bil­lig­tou­ris­ten be­schä­dig­ten das Image Ben­i­dorms seit den 1980er Jah­ren. Auf­grund der Kri­sen in Ägyp­ten, Tu­ne­si­en und der Tür­kei er­lebt die Stadt wie so vie­le Or­te an Spa­ni­ens Ge­sta­den in die­sem Jahr je­doch ei­nen re­gel­rech­ten Boom: Be­reits in den ers­ten Mo­na­ten 2016 re­gis­trier­ten Ben­i­dorms Ho­te­liers Aus­las­tun­gen von mehr als 80 Pro­zent. Jetzt im Hoch­som­mer sind al­le 40 000 Ho­tel­bet­ten be­legt. Die Ho­tels sind voll, die Re­stau­rant aus­ge­bucht, die Stra­ßen und Plät­ze qu­el­len über. Doch hier oben in der Sier­ra He­la­da merkt man da­von nichts. Im­mer wie­der bie­ten sich gran­dio­se Aus­bli­cke. Wir schrei­ten durch klei­ne Tä­ler, um im nächs­ten Mo­ment schon wie­der ganz oben zu ste­hen und ein­sa­me Weit­bli­cke über das Meer zu ge­nie­ßen. Und dann ist er nach vier schweiß­trei­ben­den St­un­den plötz­lich da, die­ser Blick auf das Meer aus Be­ton. Mit der­zeit 345 Hoch­häu- sern über zwölf Eta­gen ver­fügt Ben­i­dorm über die größ­te Wol­ken­krat­z­er­dich­te im Ver­hält­nis zur Ein­woh­ner­zahl – welt­weit, noch vor Hong­kong und New York. Und wo gibt es so et­was: ein­sa­me Na­tur mit ei­ni­gen der schöns­ten Aus­bli­cke an Spa­ni­ens Mit­tel­meer­küs­te und das kom­plet­te Ge­gen­teil: die Aus­ge­burt des Mas­sen­tou­ris­mus. Nicht ein­mal auf der Deut­schen liebs­ten Fe­ri­en­in­sel Mallor­ca lie­gen Ein­sam­keit und Viel­sam­keit so eng bei­ein­an­der.

Stei­le Ab­hän­ge: Zwi­schen den Sand­buch­ten der Ba­de­or­te Al­bir und Ben­i­dorm an der spa­ni­schen Cos­ta Blan­ca ragt die Sier­ra He­la­da auf. Wan­de­rer ge­nie­ßen wei­te Aus­bli­cke übers Meer. Fo­to: srt

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