Doh­mann noch nicht fer­tig

Baden-Ba­de­ner Ge­her sieht sich nach Rio-Aus­stieg als „Un­voll­ende­ter“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sport - Ha­rald Lin­der

Ei­ne Co­la und ei­nen Bur­ger be­stellt sich Carl Doh­mann in dem Frei­bur­ger Re­stau­rant, in dem er drei Wo­chen nach je­nem 19. Au­gust bei den Som­mer­spie­len in Rio dar­über spricht, war­um nach 34 von 50 Ki­lo­me­tern der olym­pi­schen Ge­her-Kon­kur­renz die Bei­ne nicht mehr so woll­ten wie der Kopf des 26-Jäh­ri­gen. Ei­ne Ant­wort auf die Fra­ge, was ihm am Zu­cker­hut wi­der­fah­ren ist, hat er im­mer noch nicht ge­fun­den. „Ich weiß, das ist jetzt kei­ne Sport­ler­nah­rung“, sagt Carl Doh­mann fast ent­schul­di­gend und nimmt ei­nen Schluck von dem Er­fri­schungs­ge­tränk. „Manch­mal ha­be ich ein­fach Lust dar­auf. Dann gön­ne ich mir das“. Bei ge­ra­de mal 60 Ki­lo Ge­wicht, ver­teilt auf 1,82 Me­ter Kör­per­grö­ße, ge­wiss ei­ne läss­li­che Sün­de für ei­nen Leicht­ath­le­ten, der in der Wo­che elf bis zwölf Ein­hei­ten à 20 Ki­lo­me­ter ab­sol­viert, um ei­ne Dis­zi­plin aus­zu­üben, die mit der bra­si­lia­ni­schen Sam­ba zwar die wa­ckeln­den Hin­tern und wie­gen­den Hüf­ten ge­mein hat, al­ler­dings – sor­ry ihr Ge­her – nicht un­be­dingt die Ero­tik ver­strömt, die von bra­si­lia­ni­schen Sam­ba­t­än­ze­rin­nen aus­geht. Carl Doh­mann muss schmun­zeln bei die­sem Ver­gleich. Dann kommt der Baden-Ba­de­ner wie­der auf den Wett­be­werb in Rio zu­rück, bei dem er als „Un­voll­ende­ter“, wie sich der 26Jäh­ri­ge selbst be­zeich­net, vor­zei­tig aus­stei­gen muss­te. „Weil plötz­lich nichts mehr ging“, wie er be­tont. War­um das so war, dar­über rät­selt Doh­mann, der ei­nen Bacel­orAb­schluss in Ge­schich­te und So­zio­lo­gie hat und der­zeit an der Uni­ver­si­tät Frei­burg Volks­wirt­schaft stu­diert, auch mit dem zeit­li­chen Ab­stand von drei Wo­chen und der räum­li­chen Ent­fer­nung von fast 9 500 Ki­lo­me­tern Luft­li­nie im­mer noch. Da­bei hat­te Carl Doh­mann, der für den SCL Heel Baden-Baden star­tet, „ei­gent­lich al­les rich­tig ge­macht“, wie er im Nach­hin­ein sagt. „Ich war top vor­be­rei­tet. Ich hat­te ei­ne gu­te Form. Und die kurz­fris­ti­ge An­rei­se, um dem Jet­lag zu ent­ge­hen, schien sich auch aus­zu­zah­len. Zu­dem war die Stre­cke nicht be­son­ders schwie­rig und sie war re­la­tiv flach. Al­ler­dings gab es auf dem zwei Ki­lo­me­ter lan­gen Rund­kurs kei­nen Schat­ten und es war heiß und schwül.“Des­halb, fügt Carl Doh­mann hin­zu, „woll­te ich das Ren­nen et­was lang­sa­mer an­ge­hen und ha­be mir ei­ne ent­spre­chen­de Grup­pe ge­sucht“. Die war ihm dann aber doch zu lang­sam. Al­so woll­te er den An­schluss zu Mit­strei­tern fin­den, die schnel­ler un­ter­wegs wa­ren. Mög­li­cher­wei­se hat ihn die­se Auf­hol­jagd die Körner ge­kos­tet, die dann zum jä­hen Aus führ­ten – und da­zu, dass er oh­ne Er­geb­nis aus Rio heim­ge­kehrt ist. Als „Un­voll­ende­ter“eben. Das wurmt Carl Doh­mann am meis­ten. „Wenn man in ei­nen Wett­kampf geht und dann oh­ne Er­geb­nis da steht, ist das bru­tal är­ger­lich“, sagt er und man spürt: Er ist im­mer noch sau­er auf sich selbst. Nicht zu­letzt des­halb will Carl Doh­mann am 8. Ok­to­ber bei den deut­schen Meis­ter­schaf­ten in An­der­nach, wo er im ver­gan­ge­nen Jahr nach 2013 sei­nen zwei­ten na­tio­na­len Ti­tel über die 50Ki­lo­me­ter-Dis­tanz hol­te, an den Start ge­hen. „Ich bin noch nicht fer­tig mit die­ser Sai­son und au­ßer­dem will ich dort die WM-Norm schaf­fen“, sagt er und klingt schon wie­der so wie ihn sein Trai­ner, der ba­di­sche Ver­bands­coach der Ge­her, Ro­bert Ih­ly cha­rak­te­ri­siert: „Carl ist ein stu­rer Kopf und aus dem rich­ti­gen Holz ge­schnitzt. Was er sich vor­nimmt, das zieht er durch.“Carl Doh­mann hat auch ei­ne kla­re Mei­nung zum The­ma Do­ping. Er be­grüßt es, dass die rus­si­schen Ge­her so­wohl bei der WM 2015 in Pe­king als auch jetzt bei den Spie­len in Rio, wie das ge­sam­te rus­si­sche Leicht­ath­le­tik-Team, nicht star­ten durf­ten. „Es war rich­tig, dass da ein Cut ge­macht wur­de, denn so­lan­ge das Do­ping­pro­blem, das f lä­chen­de­ckend ver­schla­fen wur­de, nicht ge­löst ist, geht es wohl nichts an­ders“, be­dau­ert er, dass die Sport­art, die er liebt, wie so vie­le an­de­re Dis­zi­pli­nen der Leicht­ath­le­tik in Miss­kre­dit ge­kom­men ist. Künf­tig wird Carl Doh­mann in Frei­burg ei­nen Trai­nings­part­ner aus der Hei­mat ha­ben. Der 20-jäh­ri­ge Nat­ha­ni­el Sei­ler aus Büh­ler­tal kommt zur klei­nen Grup­pe von Ro­bert Ih­ly. Doh­mann freut’s, muss er doch nicht mehr al­lein sei­ne Run­den dre­hen. Run­den, die für ihn das Ziel ha­ben, bei den Welt­ti­tel­kämp­fen 2017 in London, der Heim-EM 2018 in Berlin, der WM 2019 in Ka­tar und na­tür­lich bei den Olym­pi­schen Spie­len 2020 in To­kio so ab­zu­schnei­den, dass er sich in den Er­geb­nis­lis­ten ver­ewi­gen kann und er nicht – wie aus Rio – als „Un­voll­ende­ter“die Heim­rei­se an­tre­ten muss.

Jetzt drit­ter DM-Ti­tel und WM-Norm kna­cken

Hit­ze­schlacht: Kei­ner­lei Schat­ten bot die olym­pi­sche Ge­her-Stre­cke in Rio. Der am­tie­ren­de deut­sche Meis­ter Carl Doh­mann (SCL Heel Baden-Baden) muss­te aus­stei­gen – das wurmt den 26-Jäh­ri­gen sehr. Fo­to: avs

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