Auf Rü­gen: Lu­xus­fe­ri­en statt „Kraft durch Freu­de“

Hit­lers Mas­sen­fe­ri­en­la­ger auf Rü­gen wird sa­niert / Er­in­nert zu we­nig an die Ge­schich­te?

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - De­bo­rah Co­le/AFP

Sanf­te Ost­see­wel­len, ki­lo­me­ter­lan­ger wei­ßer Sand­strand, da­hin­ter Kie­fern­wäl­der. Pro­ra auf der In­sel Rü­gen hat bes­te Vor­aus­set­zun­gen für ein Ur­laubs­pa­ra­dies. Die­ses Po­ten­zi­al woll­ten einst die Na­zis nut­zen und bau­ten ei­nen 4,5 Ki­lo­me­ter lan­gen Kom­plex par­al­lel zum Strand. 20 000 Men­schen soll­ten hier im Rah­men des Pro­gramms „Kraft durch Freu­de“Fe­ri­en ma­chen und ne­ben­bei in­dok­tri­niert wer­den. Doch das na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Mas­sen­fe­ri­en­la­ger wur­de nie fer­tig, nach Be­ginn des Zwei­ten Welt­kriegs wur­den die Bau­ar­bei­ten ein­ge­stellt. Üb­rig blieb ein gi­gan­ti­sches Be­tonske­lett, be­kannt als der „Ko­loss von Pro­ra“. 80 Jah­re nach Grund­stein­le­gung wird wie­der ge­baut in Pro­ra. Die ers­ten Fe­ri­en­woh­nun­gen mit Meer­blick und Glas­bal­ko­nen sind fer­tig. „Das ist die letz­te An­la­ge in Deutsch­land mit so ei­nem schö­nen Strand in di­rek­ter Nä­he“, preist Wer­ner Jung von der Im­mo­bi­li­en­fir­ma Iris­gerd die Ap­par­te­ments. Das Un­ter­neh­men ver­mark­tet 270 Woh­nun­gen in ei­nem der acht denk­mal­ge­schütz­ten Blö­cke von Pro­ra. 350 000 Eu­ro kos­tet die güns­tigs­te 100-Qua­drat­me­ter-Woh­nung. Ein Pent­house mit Meer­blick ist für 650 000 zu ha­ben. Trotz die­ser Groß­stadt­prei­se sei­en 95 Pro­zent der Woh­nun­gen be­reits ver­kauft, sagt Jung. Die nied­ri­gen Kre­dit­zin­sen und die Steu­er­vor­tei­le we­gen des Denk­mal­schut­zes spie­len dem Im­mo­bi­li­en­ver­käu­fer in die Hän­de. Nicht al­le auf Rü­gen tei­len Jungs Be­geis­te­rung für das neu ent­ste­hen­de Fe­ri­en­res­sort. Die His­to­ri­ke­rin Su­san­na Mis­ga­j­ski er­in­nert dar­an, dass 500 bis 600 Zwangs­ar­bei­ter am Bau be­tei­ligt ge­we­sen sei­en. Und: „Pro­ra ist nicht nur ein Ort der NS-Ge­schich­te, son­dern auch der DDR-Ge­schich­te“. In der DDR dien­te die An­la­ge als Ka­ser­ne, das Ge­län­de rund­her­um war Sperr­ge­biet. Mis­ga­j­ski for­dert, dass min­des­tens ein Block in sei­ner ur­sprüng­li­chen Form er­hal­ten bleibt und dar­in an die Ent­ste­hungs­ge­schich­te Pro­ras er­in­nert wird. „Man darf nicht ba­ga­tel­li­sie­ren, was es mit die­sem Bau auf sich hat“, sagt auch Kat­ja Lu­cke vom pri­va­ten Do­ku­men­ta­ti­ons­zen­trum Pro­ra. Gera­de an­ge­sichts des Er­star­kens der Rechts­po­pu­lis­ten in Meck­len­burg-Vor­pom­mern hält sie es für un­ab­ding­bar, dass es ne­ben Well­ness­clubs und Lat­te-Mac­chia­to-Ca­fés wei­ter ei­ne Bil­dungs­stät­te in Pro­ra gibt. Lu­cke hält den In­ves­to­ren zu­gu­te, dass sie die Ge­bäu­de vor dem Ver­fall be­wah­ren, kri­ti­siert je­doch de­ren „un­sen­si­blen Um­gang“mit der Ge­schich­te. Doch da­mit kann nicht je­der in der Re­gi­on et­was an­fan­gen: „Wir ha­ben ge­nug Ge­denk­stät­ten in Deutsch­land“, sagt Kars­ten Rar­rasch. Der 50-jäh­ri­ge Post­bo­te baut mit sei­nem En­kel ei­ne Sand­burg am Strand. „So vie­le Jah­re ist gar nichts pas­siert hier, jetzt ist es an der Zeit, et­was Schö­nes aus Pro­ra zu ma­chen.“

Lu­xu­riö­se Fe­ri­en­woh­nun­gen statt „Kraft durch Freu­de“: Ein gi­gan­ti­sches Mas­sen­fe­ri­en­la­ger woll­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten einst in Pro­ra auf Rü­gen bau­en. In der Bau­rui­ne am wun­der­schö­nen Sand­strand ent­ste­hen jetzt lu­xu­riö­se Fe­ri­en­woh­nun­gen. Fo­to: AFP

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