Die Schau­büh­ne des To­des

War­um fürst­li­che Grab­le­gen bis heu­te ih­ren Nim­bus nicht ver­lo­ren ha­ben

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

To­te Mark­gra­fen, Groß­her­zö­ge und Kö­ni­ge? Man­cher glaubt beim An­blick von fürst­li­chen Grab­le­gen, den Atem der Ge­schich­te zu spü­ren. An­de­re füh­len sich eher dem Mo­der­ge­ruch ei­nes längst über­wun­de­nen Herr­schafts­sys­tems aus­ge­setzt, wür­di­gen al­len­falls die kunst- und kul­tur­his­to­ri­sche Be­deu­tung der Gr­ab­stät­te. Im Tod sind al­le Men­schen gleich? Wenn es um sterb­li­che Über­res­te geht, macht das heu­ti­ge Recht kei­nen Un­ter­schied zwi­schen An­ge­hö­ri­gen des Hoch­adels und „nor­ma­len“Leu­ten. Und doch kann auch in ei­ner De­mo­kra­tie ein fürst­li­cher Leich­nam zum Po­li­ti­kum ers­ten Ran­ges wer­den. So ge­sche­hen vor 25 Jah­ren, als die Über­res­te Fried­richs des Gro­ßen (1712–1786) von der Burg Ho­hen­zol­lern bei He­chin­gen in Ba­den-Würt­tem­berg nach Pots­dam über­führt wur­de.

Wie Fried­rich der Gro­ße die Re­pu­blik ent­zwei­te

Ei­gent­lich ging es dar­um, 205 Jah­re nach sei­nem Tod den letz­ten Wil­len des Preu­ßen­kö­nigs zu er­fül­len: In Schloss Sans­sou­ci woll­te Fried­rich II. be­gra­ben sein. Doch sein Nach­fol­ger hat­te ihn in der Pots­da­mer Gar­ni­son­kir­che bei­set­zen las­sen. Im Zwei­ten Welt­krieg wur­den die Sär­ge des „Al­ten Fritz“und sei­nes Va­ters, des „Sol­da­ten­kö­nigs“, dann zum Schutz vor Bom­ben­an­grif­fen in ein Berg­werk um­quar­tiert. Von dort ge­lang­ten die kö­nig­li­chen Ge­bei­ne zu­nächst nach Mar­burg und 1952 in die Burg bei He­chin­gen, den Stamm­sitz der Ho­hen­zol­lern-Fa­mi­lie. Der Chef des Hau­ses, Lou­is Fer­di­nand Prinz von Preu­ßen, be­trach­te­te dies frei­lich als Pro­vi­so­ri­um. Nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung Deutsch­lands er­reich­te er sein Ziel: Fried­rich der Gro­ße soll­te 1991 end­lich in Sans­sou­ci be­stat­tet wer­den. Die Bun­des­wehr sag­te zu, die Sär­ge nach Bran­den­burg zu es­kor­tie­ren – und der da­ma­li­ge Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl nahm an der Ze­re­mo­nie an­läss­lich der Um­bet­tung teil. Zwar, wie er be­teu­er­te, nur als „Pri­vat­mann“– doch in der Re­pu­blik tob­te wo­chen­lang ei­ne De­bat­te über Fra­gen wie: Knüpft der Re­gie­rungs­chef mit sei­ner Teil­nah­me an den – live im Fern­se­hen über­tra­ge­nen – Fei­er­lich­kei­ten an un­de­mo­kra­ti­sche, preu­ßi­sche Tra­di­tio­nen an? Wo­hin drif­tet das wie­der­ver­ei­nig­te Deutsch­land? Dass ein Mon­arch nicht nur ein sterb­li­cher Mensch ist, son­dern über sei­nen Tod hin­aus für das in ihm per­so­ni­fi­zier­te Staats­we­sen steht – die Dis­kus­si­on um Fried­rich den Gro­ßen hat es ein­drück­lich ge­zeigt. Und die Dy­nas­ti­en selbst ha­ben jahr­hun­der­te­lang dar­an ge­ar­bei­tet, die Er­in­ne­rung an ih­re ver­stor­be­nen Mit­glie­der so zu „kon­stru­ie­ren“, dass der Ein­druck von ewi­ger Herr­schaft ent­stand. „Herr­schaft braucht Her­kunft und wünscht Zu­kunft“, auf die­sen Nen­ner bringt es der His­to­ri­ker Olaf P. Ra­der. Die fürst­li­che „Stra­te­gie des Über­dau­erns“funk­tio­nier­te so präch­tig, dass sich im Ver­lauf der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on die Ja­ko­bi­ner nicht dar­auf be­schränk­ten, den Kö­nig und die Kö­ni­gin aufs Scha­fott zu zer­ren: Die „star­ke Hand der Re­pu­blik“zer­schmet­ter­te zu­dem die Gr­ab­denk­ma­le längst ver­stor­be­ner Herr­scher in der Klos­ter­kir­che St. De­nis bei Paris und zerr­te die Ge­bei­ne aus den Sär­gen. Es dür­fe, so hieß es 1793, nicht län­ger zu­ge­las­sen wer­den, dass der „kö­nig­li­che Stolz und Prunk“sich auf der „Schau­büh­ne des To­des“auf­s­preizt. Ver­gleichs­wei­se freund­lich ver­fuhr man in Deutsch­land nach der No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on 1918 mit den ent­mach­te­ten Mon­ar­chen, ih­ren Fa­mi­li­en und ih­ren Grab­le­gen. In der groß­her­zog­li­chen Gr­ab­ka­pel­le im Karls­ru­her Hardtwald fan­den auch in re­pu­bli­ka­ni­scher Zeit noch Mit­glie­der der ehe­ma­li­gen Herr­scher­fa­mi­lie die letz­te Ru­he: 1923 die Groß- her­zo­gen-Wit­we Lui­se, die nach dem Um­sturz in Ba­den-Ba­den ge­lebt hat­te, 1928 ihr in Ba­den­wei­ler ge­stor­be­ner Sohn, Groß­her­zog Fried­rich II., und als letz­te 1952 sei­ne Ge­mah­lin Hil­da. „In der Ab­ge­schie­den­heit des tie­fen Wald­frie­dens“wird die Gr­ab­ka­pel­le ger­ne ver­or­tet. Sie ent­stand im spä­ten 19. Jahr­hun­dert, als sich der Staat be­reits ein Stück weit von der Dy­nas­tie eman­zi­piert hat­te – da­für bil­lig­te man den Fürs­ten nun auch ein Pri­vat­le­ben zu. Das Groß­her­zo­gen­paar Fried­rich I. und Lui­se ließ das Mau­so­le­um 1889 bis 1896 für sei­nen früh ver­stor­be­nen Sohn Lud­wig Wil­helm bau­en – die Fürs­tin, so heißt es, woll­te nicht in der Öf­fent­lich­keit der Stadt­kir­che am Markt­platz, wo der Prinz zu­nächst be­stat­tet wor­den war, um ih­ren Jüngs­ten trau­ern. Aber war die Gr­ab­ka­pel­le wirk­lich ein pri­va­ter Rück­zugs­ort? Oder soll­te nicht doch der ba­di­schen Dy­nas­tie ein neu­es Denk­mal ge­setzt wer­den? Kon­rad Krimm, der Vor­sit­zen­de der Ar­beits­ge­mein­schaft für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de am Ober­rhein, geht in dem jüngst er­schie­ne­nen Buch „Me­mo­ria im Wan­del“die­sen Fra­gen nach – und stellt fest, dass die „Un­ent­schie­den­heit“ge­ra­de­zu ein Merk­mal die­ses neo­go­ti­schen Bau­werks zu sein scheint. Denn der Stand­ort lag zu­nächst kei­nes­wegs im Ab­seits – die Gr­ab­ka­pel­le ent­stand auf ei­ner Sicht­ach­se des Re­si­denz­schlos­ses, sie wur­de auf Fern­wir­kung ge­baut. Die zu ihr füh­ren­de Al­lee hau­te man breit aus und be­pflanz­te sie als ein­zi­ge der Karls­ru­her Wal­d­al­le­en mit Lär­chen. An­ders als das Wort „Ka­pel­le“sug­ge­riert, führt die Lär­chen­al­lee auch nicht zu ei­nem Kirch­lein, son­dern zu ei­ner mo­nu­men­ta­len Me­mo­ri­al­stät­te. Dort soll­ten – zu­min­dest in der war­men Jah­res­zeit – re­gel­mä­ßig Got­tes­diens­te statt­fin­den, ganz ein­sam ging es dem­nach nicht zu. Die Bau­ge­schich­te der Gr­ab­ka­pel­le ist schwie­rig – die Bau­her­ren dräng­ten auf Ei­le, for­der­ten aber wie­der­holt Plan­än­de­run­gen ein. Und mit dem In­nen­aus­bau wünsch­te der Groß­her­zog aus­schließ­lich ba­di­sche Künst­ler zu be­auf­tra­gen. Die hat­ten In­ter­es­se an ei­ner sehr re­prä­sen­ta­ti­ve­ren Aus­stat­tung, ih­re Ide­en wur­den aber kräf­tig zu­recht­ge­stutzt. Auch so ein Wi­der­spruch: Der herr­schaft­li­che Bau er­hielt im In­ne­ren ei­ne ver­gleichs­wei­se be­schei­de­ne Gestal­tung. Ein Prunk­stück frei­lich ist das vom Karls­ru­her Bild­hau­er Her­mann Volz aus wei­ßem Mar­mor ge­schaf­fe­ne Gr­ab­mal in der Ober­kir­che, das ei­nen sanft schlum­mern­den Prin­zen Lud­wig Wil­helm zeigt – ein klas­si­zis­ti­sches Denk­mal in der mit­tel­al­ter­lich an­mu­ten­den Kir­che. Zu die­sem Stil­bruch wur­de das Fürs­ten­paar of­fen­bar durch die Gr­ab­ma­le im Pots­da­mer Mau­so­le­um in­spi­riert – Groß­her­zo­gin Lui­se war ein Ho­hen­zol­lern-Spross und ih­re preu­ßi­sche Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on fand Ein­gang in die groß­her­zog­lich-ba­di­sche Gr­ab­ka­pel­le. Von Groß­her­zog Fried­rich I. und Lui­se schuf Volz spä­ter ähn­lich an­rüh­ren­de Lie­ge­fi­gu­ren. Zum wirk­lich ab­ge­schie­de­nen, auch von den Karls­ru­hern na­he­zu ver­ges­se­nen Ort wur­de die Groß­her­zog­li­che Gr­ab­ka­pel­le nach der letz­ten Be­stat­tung im Jahr 1952. Da­mals be­fand sie sich noch im Be­sitz des Hau­ses Ba­den – doch Mark­graf Bert­hold ver­mach­te sie 1964 dem Land Ba­den-Würt­tem­berg. Vor al­lem Eh­ren­amt­li­che von der His­to­ri­schen Bür­ger­wehr Karlsruhe setz­ten sich da­für ein, das au­ßer­or­dent­li­che Bau­werk aus dem Dorn­rös­chen­schlaf zu we­cken und en­ga­gier­ten sich bei der In­stand­set­zung der Au­ßen­an­la­gen. Seit we­ni­gen Jah­ren erst ist die Gr­ab­ka­pel­le re­gel­mä­ßig für die Öf­fent­lich­keit ge­öff­net. Aber was be­sich­tigt man „in der Ab­ge­schie­den­heit des Wald­frie­dens“ei­gent­lich – ei­nen pri­va­ten Rück­zugs­ort oder ein groß an­ge­leg­tes Mo­nu­ment der ba­di­schen Dy­nas­tie? Die­se Fra­ge, so meint Kon­rad Krimm, las­se sich für die Ent­ste­hungs­zeit der Ka­pel­le nicht ein­deu­tig be­ant­wor­ten – vi­el­leicht, weil die Bau­herr­schaft selbst nicht ge­nau wuss­te, was sie woll­te. Heu­te fal­le die Ant­wort leich­ter: „Die Gr­ab­ka­pel­le ist zum ein­drück­li­chen Denk­mal des Hau­ses Ba­den in der Spät­zeit der Mon­ar­chie ge­wor­den.“

Die Gr­ab­ka­pel­le auf Fern­wir­kung ge­baut

„In der Ab­ge­schie­den­heit des tie­fen Wald­frie­dens“fin­det man die Groß­her­zog­li­che Gr­ab­ka­pel­le Karlsruhe. Doch die Fra­ge, ob sie im spä­ten 19. Jahr­hun­dert als pri­va­ter Rück­zugs­ort oder als groß an­ge­leg­tes Mo­nu­ment der ba­di­schen Dy­nas­tie ge­plant wur­de, lässt sich nicht so ein­fach be­ant­wor­ten. Fo­to: bo

In der Burg Ho­hen­zol­lern bei He­chin­gen „ruh­ten“von 1952 bis 1991 die Ge­bei­ne Fried­richs des Gro­ßen. Der Preu­ßen­kö­nig wur­de mehr­fach um­ge­bet­tet – in­zwi­schen ist er in Schloss Sans­sou­ci be­stat­tet. Fo­to: avs

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