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Oh­ne Stra­ßen­na­men wür­de man sich wohl kaum zu­recht­fin­den

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Tan­ja Ka­sisch­ke

Mat­thi­as wohnt im Sch­le­hen­weg. Lui­sa wohnt in der Her­mann-Hes­seStra­ße. Raf­fa­el wohnt in der Tal­stra­ße. Stra­ßen­na­men und Schil­der hel­fen, dass wir uns zu­recht­fin­den. Es gibt un­zäh­li­ge Mög­lich­kei­ten, ei­ne Stra­ße zu be­nen­nen. Ei­ne be­rühm­te Per­son kann Pa­te ste­hen, ein Tier oder ei­ne Pflan­ze. Auch die La­ge der Stra­ße im Ort kann den Na­men be­stim­men oder ein Ge­bäu­de, zu dem sie führt, wie bei der Bahn­hof­stra­ße, der Rat­haus­stra­ße oder der Kirch­stra­ße. Stra­ßen­schil­der le­sen sich wie die Ge­schich­te ei­ner Stadt. Sie ver­ra­ten, wer oder was dort wich­tig war oder ist. Dass Stra­ßen­na­men über­haupt auf Ta­feln notiert und für al­le sicht­bar an­ge­bracht wer­den, ist ein Er­geb­nis der In­dus­tria­li­sie­rung. Seit 150 Jah­ren steigt die Zahl der Ver­kehrs­mit­tel im­mer wei­ter an. Da­für brauch­te es Re­geln und Ori­en­tie­rungs­hil­fen – das sind die Schil­der. Vor al­lem in den gro­ßen Städ­ten le­ben vie­le Men­schen, die ganz wo­an­ders auf­ge­wach­sen sind. Sie ken­nen sich nicht aus und sind auf Hin­weis­schil­der an­ge­wie­sen. Den Stra­ßen Na­men zu ge­ben, dar­auf ka­men die Leu­te al­ler­dings schon im Mit­tel­al­ter, und zwar aus dem­sel­ben Grund. Sie wähl­ten wich­ti­ge Merk­ma­le des Or­tes, um sich zu­recht­zu­fin­den. Na­mens­ge­ber wa­ren auch Hand­werks­be­trie­be und Un­ter­neh­men: Fär­ber­stra­ße, Tuch­ma­cher­gas­se, Schlacht­haus­stra­ße. Stra­ßen­schil­der gab es da­mals noch kei­ne. Aber wer sich durch­frag­te, be­kam auch so den Weg ge­wie­sen. Wie neu ge­bau­te Stra­ßen heut­zu­ta­ge be­nannt wer­den, ent­schei­det je­de Stadt selbst. Ih­re Ein­woh­ner dür­fen so­gar Vor­schlä­ge ma­chen, et­wa wenn ih­nen ei­ne Per­son be­son­ders wich­tig ist, die im Ort leb­te, dort ge­bo­ren wur­de oder wirk­te und viel für die Ge­mein­de ge­tan hat, zum Bei­spiel als Bür­ger­meis­ter oder Uni-Pro­fes­sor. Die Vor­schlä­ge gibt man im Rat­haus ab. In Furt­wan­gen im Schwarz­wald exis­tiert ei­ne Mar­tin-Sch­mit­tStra­ße, weil der Ski­sprin­ger dort ei­ne Zeit lang zur Schu­le ging. Im schwä­bi­schen Geis­lin­gen heißt ei­ne Stra­ße Jür­gen-Klins­mann-Weg, weil der ehe­ma­li­ge Fuß­ball-Pro­fi in der Ge­mein­de auf­ge­wach­sen ist. Dass Stra­ßen nach le­ben­den Per­so­nen be­nannt wer­den, pas­siert sel­ten. Häu­fi­ger eh­ren Städ­te Per­so­nen aus der Ver­gan­gen­heit da­mit, ei­ne Stra­ße nach ih­nen zu be­nen­nen. In München geht es gar nicht an­ders. Dort er­hal­ten be­rühm­te Per­sön­lich­kei­ten erst nach ih­rem Tod – vi­el­leicht – ei­ne ei­ge­ne Stra­ße. Pech für al­le Spie­ler des FC Bay­ern. In ganz Deutsch­land ein­ma­lig sind die Stra­ßen­na­men von Mann­heim. Sie hei­ßen schon mal L2, Q6 oder N4. Die In­nen­stadt ist in Qua­dra­te ein­ge­teilt. Mann­heim wur­de schon so ge­baut. Der häu­figs­te Stra­ßen­na­me in Deutsch­land ist Haupt­stra­ße. Es gibt 7 630 Haupt­stra­ßen und ähn­lich vie­le Dorf­stra­ßen. Die, die ei­nen Na­mens­zu­satz ha­ben und da­durch ei­nen Stadt­teil be­stim­men, da­mit des­sen Haupt­stra­ße nicht mit ei­ner an­de­ren ver­wech­selt wird, sind noch gar nicht be­rück­sich­tigt. Ei­nen Stra­ßen­na­men vor­schla­gen darf üb­ri­gens je­der – so­lan­ge er die An­woh­ner da­mit nicht be­lei­digt. Schimpf­wor­te sind schließ­lich kei­ne gu­te Adres­se.

Es gibt vie­le Stra­ßen­na­men in Deutsch­land, aber nur we­ni­ge sind so be­rühmt wie der Kur­fürs­ten­damm in Berlin. Die Stra­ße wur­de um 1542 an­ge­legt und dien­te zu­nächst als Reit­weg für den Kur­fürs­ten Joa­chim II. Fo­tos: hel­mut­vog­ler – fo­to­lia.com, VRD – fo­to­lia.com, msl33– fo­to­lia.com, spu­no – fo­to­lia.com, tauav – fo­to­lia.com

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