Sehn­suchts­ort für Nost­al­gi­ker

Geor­gi­as Süd­staa­ten­ro­man­tik zieht Tou­ris­ten noch im­mer ma­gisch an

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub -

Das Ge­rücht hält sich hart­nä­ckig: Ma­di­son sei ein­fach zu schön ge­we­sen, um zer­stört zu wer­den – selbst für Ge­ne­ral Sher­man. Und der war ein har­ter Hund, un­er­bitt­lich in sei­ner Stra­te­gie der „ver­brann­ten Er­de“. Un­ter sei­ner Füh­rung hin­ter­lie­ßen die Yan­kees im ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg auf ih­rem Weg durch Geor­gia ei­ne Spur der Ver­wüs­tung. Nur Ma­di­son, ein Städt­chen mit 4400 Ein­woh­nern ir­gend­wo im Nir­gend­wo zwi­schen At­lan­ta und Sa­van­nah, wur­de ver­schont – und ist des­halb noch heu­te als hol­zund stein­ge­wor­de­ne Süd­staa­ten­ro­man­tik Pil­ger­ziel für „Win­dies“aus al­ler Welt. Nur we­ni­ge Fil­me und noch we­ni­ger Bü­cher ha­ben über die Jahr­zehn­te ei­nen sol­chen Kult­sta­tus er­lan­gen kön­nen, dass ih­re Fans ei­ne ei­ge­ne Be­zeich­nung ha­ben. Doch „Win­dies“– ana­log zu den „Trek­kies“– gibt es auf der gan­zen Welt: ob im Iran, in Ja­pan oder Deutsch­land. Schließ­lich wur­de Mar­ga­ret Mit­chells Bestseller „Vom Win­de ver­weht“in über 40 Spra­chen über­setzt. Und bis heu­te, 80 Jah­re nach Erst­ver­öf­fent­li­chung, hat der Süd­staa­ten-Klas­si­ker nichts von sei­ner Fas­zi­na­ti­on ein­ge­büßt. „Es geht ums Über­le­ben, das ist das Er­folgs­ge­heim­nis“, sag­te die Au­to­rin selbst. Hin und wie­der sieht man sie noch in At­lan­ta, wie sie mit Hut und Hand­schu­hen die Pe­ach­tree Street her­un­ter­spa­ziert. Im Jahr 1949 wur­de Mit­chell hier zwar von ei­nem Au­to an­ge­fah­ren und töd­lich ver­letzt. Doch At­lan­ta – in­zwi­schen ei­ner der Lieb­lings­dreh­or­te Hol­ly­woods – lässt die ver­stor­be­ne Schrift­stel­le­rin im Rah­men ei­ner „Mo­vie Tour“, die zu den Schau­plät­zen ih­res Le­bens führt, wie­der auf­er­ste­hen. Ech­te „Vom Win­de ver­weht“-Dreh­or­te gibt es in Geor­gia nicht. Als Scar­lett O’Ha­ra vor den Yan­kees aus dem lich­ter­loh bren­nen­den At­lan­ta flieht, steht in Wahr­heit ei­ne Kin­gKong-Ku­lis­se in Flam­men. Selbst ihr ge­lieb­tes „Ta­ra“, die Plan­ta­ge ih­rer El­tern, ist nur ei­ne Hol­ly­wood-Va­ri­an­te. Wohl des­halb wird in Geor­gia je­des noch so klei­ne „Vom Win­de ver­weht“-Über­bleib­sel an­däch­tig be­wahrt. Im Um­kreis von nur 30 Mei­len sind gleich drei Mu­se­en dem Klas­si­ker ge­wid­met: In At­lan­ta steht das „Mar­ga­ret Mit­chell Hou­se“– die „Müll­hal­de“, wie die Au­to­rin selbst zu sa­gen pfleg­te, in der sie wohn­te, schrieb und sta­pel­wei­se Ma­nu­skript­sei­ten ver­steck­te. Das na­he Jo­nes­bo­ro rühmt sich mit sei­nem „Road to Ta­ra Mu­se­um“als Hei­mat der ein­zig wah­ren O’Ha­ra-Plan­ta­ge – auch wenn das Vor­bild, das Farm­haus von Mit­chells Ur­groß­el­tern, längst nicht mehr exis­tiert. Und in Ma­ri­et­ta schließ­lich hat ein Fan ei­ne mil­lio­nen­schwe­re Samm­lung von Erst­aus­ga­ben, Ori­gi­nal­klei­dern aus dem Film und Sze­nen-Ent­wür­fen zu­sam­men­ge­tra­gen. Ma­di­son be­sitzt nichts der­glei­chen. Die „Schöns­te Kle­in­stadt Ame­ri­kas“liegt am 160 Ki­lo­me­ter lan­gen „An­te­bel­lum Trail“, der die Vil­len aus der Zeit vor dem Bür­ger­krieg zwi­schen At­hens und Ma­con mit­ein­an­der ver­bin­det. Vi­el­leicht hat­te Mar­ga­ret Mit­chell hier die Idee, dass Scar­lett sich ein Kleid aus Gar­di­nen schnei­dern soll – die Ein­rich­tung des al­ten Box­wood Hau­ses legt das na­he. Vi­el­leicht aber auch nicht. Es ist nicht wei­ter von Be­lang. Denn hier fin­den Nost­al­gi­ker und Ki­no­fans ge­nau das „Vom Win­de ver­weht“, das sie su­chen: Pom­pö­se, wei­ße Häu­ser mit be­ein­dru­cken­den Säu­len, de­ren Zu­fahr­ten von Pe­kan­nuss­bäu­men flan­kiert sind. An den Fens­tern sind noch die Kratz­spu­ren der Dia­man­ten zu se­hen, die die Ver­lo­bungs­rin­ge der Töch­ter rei­cher Plan­ta­gen­be­sit­zer bei der Prü­fung auf Echt­heit hin­ter­las­sen ha­ben. 1860, ein Jahr be­vor der Bür­ger­krieg aus­brach, leb­ten in Ma­di­son noch 10 000 Men­schen – 7 000 da­von wa­ren Skla­ven. Ei­ne Ge­sell­schafts­ord­nung, die ein wich­ti­ger Teil der Süd­staa­ten­ro­man­tik ist, wie sie noch heu­te von Rei­se­bü­ros ver­kauft wird. „‚Vom Win­de ver­weht‘ hat die Wahr­neh­mung des Sü­dens für im­mer ver­än­dert“, ist Jes­si­ca Van Lan­duyt vom At­lan­ta His­to­ry Cen­ter über­zeugt. „Mit­chell fängt dar­in die Per­spek­ti­ve ih­rer Fa­mi­lie ein, von Men­schen, de­ren Her­zen nach dem Ver­lust ih­rer Le­bens­art ge­bro­chen sind – nicht die der vier Mil­lio­nen Schwar­zen, für die das Kriegs­en­de Frei­heit be­deu­te­te.“Bis heu­te hält die Ras­sis­musK­ri­tik an dem Werk an, für das Mit­chell mit ei­nem Pu­lit­zer-Preis ge­ehrt wur­de: naiv­glück­li­che Skla­ven auf der ei­nen Sei­te, der he­ro­isch ver­klär­te Ku-Klux-Klan auf der an­de­ren. Da­bei ist es gera­de das Span­nungs­feld zwi­schen der ro­man­ti­sier­ten Skla­venGe­sell­schaft und Mit­chells ei­ge­nem Le­ben, das die Ge­schich­te der Süd­staa­ten, in de­nen auch heu­te noch Ras­sis­mus-De­bat­ten ge­führt wer­den, le­ben­dig wer­den lässt und „Vom Win­de ver­weht“samt sei­ner Mu­se­en erst rich­tig in­ter­es­sant macht. Mar­ga­ret Mit­chell, 1900 in At­lan­ta ge­bo­ren, wuchs mit den Er­zäh­lun­gen der Kriegs­ve­te­ra­nen in ei­ner von Ras­sen­tren­nung be­herrsch­ten Ge­sell­schaft auf. Noch als jun­ge Stu­den­tin wei­ger­te sie sich in Mas­sa­chu­setts an ei­ner Vor­le­sung teil­zu­neh­men, in der ei­ne schwar­ze Kom­mi­li­to­nin saß. Nach ih­rem Er­folg – das Buch hat­te sich al­lein in den ers­ten sechs Mo­na­ten ei­ne Mil­li­on Mal ver­kauft, der Film gilt bis heu­te als er­folg­reichs­ter Strei­fen der Ki­no­ge­schich­te – nutz­te sie je­doch ihr Ver­mö­gen, um Bil­dung und Ge­sund­heits­ver­sor­gung der schwar­zen Be­völ­ke­rung zu ver­bes­sern. At­lan­ta be­gann erst in den Sech­zi­gern, das ei­ge­ne Image mit dem Slo­gan „The ci­ty too bu­sy to ha­te“(„Die Stadt, die zu be­schäf­tigt ist, um zu has­sen“) zu ver­än­dern. Heu­te ist Geor­gi­as Haupt­stadt ein kos­mo­po­li­ti­sches Ge­schäfts­zen­trum mit in­er klei­nen, aber fei­nen Sky­line. Durch Ma­di­son da­ge­gen weht noch der al­te Süd­staa­ten-Wind.

Wei­ße Vil­len mit Säu­len vor der Fas­sa­de: Das Ho­ney­moon Hou­se in der Kle­in­stadt Ma­di­son hat zwar nichts mit Scar­lett O’Ha­ra oder ih­rer Er­fin­de­rin Mar­ga­ret Mit­chell zu tun, doch Geor­gia-Be­su­cher fin­den hier ge­nau die „Vom Win­de ver­weht“-Ku­lis­se, die sie su­chen. Fo­to: Cont­zen

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